Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 48 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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48 feiert mit besonderer Innigkeit das Andenken an die geliebte Mutter, der sie sich lange erfreuen konnte, gedenkt halb freudig, halb wehmütig der eigenen Jugend, feiert d-ie Liebe, sieht getrost dem eigenen Vergehen entgegen und drückt ihre religiöse Empfindung in folgenden schönen Bensen aus: 3 o m m e r m o r g e n. (3. 57.) Ob -du nun seist -. nicht feist — Laß Gott mich dieh nennen! Liehe, dein Himmel blaut über mir. Der Birke loses Laub Glänzt sonnengolden herüber, Schwalben kreisen im Aether, Wiegen sich, schwingen sich, Sommer selig. Innigen Rauschs, leichten Werdens voll Ist die Welt. Weiße Lilien stehn in den Beeten, Nelken duften empor Und Rosenbüsche. Fasst ich dich, Fülle Atmender Schönheit — Faßt dich 'die bebende Seele, D i e w o n nee rzi tte r nde? Sieh, stiller Jubel Durchscha^^ert den Busen Wie Kindergebet: Lass' Gott mich dich nennen! Sie selbst, so begabt sie auch ist, denkt bescheiden über ihr eigenes Können, und in edler Zurückhaltung voll Bewunderung ftür das Tun der großen Genien eharakterisiert sie, vielleicht allzu demütig, das eigene Schaffen (3. 43): Nicht die Gabe gütiger Musen 'Neid' ich euch so holden Singens. Doch das schöne Maß im Busen Des Vermögens, des Vollbringens. Was ich tue, was ich treibe. Ob des Tagewerks beflissen. Ob ich kleine Berschen schreibe, Immer plagt mich das Gewissen. Einmal inöchl ich wohl begeistet Fröhlich in die Hände schlagen Und zu dem, was ich geleistet. Können Ja und Amen sagen! — Nicht die Gabe güstger Musen Neilst ich euch so holden Singens, Doch das schöne Maß im Busen Des Vermögens, des Vollbringens. Ich glaube, meine« Lesern einen Dienst zu erweisen, indem ich ihnen diese schöne 3ammlung zum Nachdenken und zum Genuß empfehle. I.. 0. * -- T a l m it. d v s ch e A r ch ä o log i e. Von Dr. Sannlel Krauß, Professor der ifraelttiLehranstalt in Wien. Band II. Leipzig 1911. Schriften, her ansgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Kurz nach dem Erscheinen des ersten Bandes von Krauß' Talmud i scher Archäologie, den wir in dieser Zeitschrift, Jahrgang 1911, Seite 215, angezeigt haben, ist der zweite Band erschienen, aus den wir heute mit einiger Verspätung Hinweisen. Eine bewundernswerte Arbeit ist da geleistet worden! Das ist der erste und bleibende Eindruck, den jeder empfangen muß, der das Buch in die Hand nimmt, und - mn es gleich zu sagen — niemand wird es aus der Hand legen, ohne reiche und erschöpfende Belehrung empfangen zu haben. Ein kurzer Ueberblick mag von dem reichen Inhalt des Werkes zeugen. Kapitel V (Seite 1145) ift zunächst dem Familienleben gewidmet, das von der Wiege bis zum Grabe als lebensvolles Al ulturbilb vor unseren Augen vorüberzieht. Ein besonderes Kapitel behandelt die Trauerriten, an die sich in vielfacher Hinsicht interessante Ausführungen über das Verhältnis der Sklaven (das ist im Hebräischen die Bezeichnung für jegliche Art von Bediensteten) zum jüdischen Haufe anschließen. Zum Schluß wird noch von Haustieren und vom Hirten- und Jagdleben gesprochen. Nach einleileuden Bemerkungen über die Witternngs- und Bodenverhältnisse Pialästinasbehandelt der Verfasser im folgenden Kapitel VI (Seite 148—244) Ackerbau, Wald- und Gartenbau, sowie Oel- und Weinbau. Naturgemäß bildet der Ackerbau einen der häufigsten Gegenstände der talmu di sichen Diskussion, dennoch aber sind die Hinweise darauf nicht immer eindeutig und oft nur schwer zu identifizieren. Neben dem Ackerbau waren es. ausgedehnte Fruchtbaumpflanzungen, die etwa die Hälfte des anbaufähigen Landes bildeten und die dem landwirtschaftlichen Bilde des heiligen Landes den Charakter gaben. Zu den Hauptrepräsentanten der alten Flora Palästinas gehört die Olive, die deshalb auch von dem Berfafser eine besonders ausführliche Behandlung erfährt. Von dem Umfang der Oelbaumknltur zeugt allein schon, die Tatsache, daß der Talmud nicht weniger als 15 verschiedene Arten von Oel nennt. An der Hand, zahlreicher Sentenzen und Tatsachen beweist Krauß sodann im VII. Kapitel (Gewerbe, Seite 249—310) die ethische Wertschätzung der Arbeit bei den Wortführern der talann di schon Zeit, deren unbegrenzte Hingabe an das Talmudstudium sie durchaus nicht hinderte, der broterwerbenden Arbeit einen großen Wert zuzuschreiben. Das biblische Wort Dt. 30, 19: „Erwähle dir das Leben" wurde gedeutet: das ist das Handwerk, (j. Sota IX. 10, 24a, Ausspruch des R. Jsmael). Wer sich von seiner Hände Arbeit ernährt, steht höher als der Gottesfürchtige (b. Sota 20a). Wer seinen Sohn kein Handwerk lernen läßt, macht ihn zum Räuber (b. Kidd. 29a). Die einzelnen Handwerksarten. und Erzeugnisse finden sich übersichtlich gruppiert in den Abschnitten.: Leder- und Holzarbeiten, Ton- und Steinarbeiten, Metallarbeiten. Sehr interessant sind die Ergebnisse, die der Verfasser im Schlußkapitel (VIII, Seite 317—423) seines Werkes unter dem Titel: Verkehr und Handel vorlegt. Nach den überlieferten Tatsachen m.uß in Palästina (sowie in Babylon) ein überaus lebhafter Verkehr geherrscht haben, begünstigt durch die zentrale Lage des Landes. Dabei zeigt sich insbesondere der Einfluß der griechisch-römischeu Kultur, deren hervorragende Leistungen im Wege- und Brückenbau auch die römer feindlichen Rabbinen gewiß unumschränkt aner-. kennt hätten, wenn diese Einrichtungen den Römern nicht zugleich Gelegenheit gegeben hätten, den Juden immer neue Steuern und Abgaben anfzulegen (siehe Seite 322). Auch der Handel bewegte sich durchaus in griechischen Formen, was schon die Herübernahme des Wortes — Handel und andere Geschäftsausdrücke (stehe Seite 349) beweisen, und was noch mehr daraus hervorgeht, daß die meisten importierten Waren unter ihrem griechischen Namen in Umlauf kamen. Mit wertvollen Angaben über die talmudischen Maße, Gewichte, Münzen und Zeitrechnung schließt der Text, an den sich die Anmerkungen für die vier Kapitel des Buches aus Seite 424 bis 665 anschließen. Die von Krauß gebotenen Quellenbelege sind fast erschöpfend zu nennen. Stichproben haben selten Fehler, manchmal Ergänzungs- Möglichkeiten ergeben. Ich bemerke cmn§* gelegentlichen Aufzeichnungen: 3. 481 Note 467 ergänze TAz 6, 1, 469, 10. 3. 510 Note 861 statt TAz 3, 3 lies 2, 3. 3. 553 Note 152 statt 464, 9 lies 469, 9. 3.658 Note 395 TAz 12, 4 lies 2, 4. S. 680 Note 207 T. Kidd. lies M. Kidd. (Zitat aus Mischna). 3. 682 Note 234 TBm 8, 17 lies TBk 8, 17. 3.697 Note 207 ergänze JVWttTBm 7, 14, 387, 4. S.698 Note 427 MAz 5, 7 lies 5, 6. Die Bedenken, die Krauß S. 381 wegen allzu niedriger Angabe des Kaufpreises eines Hanfes äußert, wird durch die Deutung von^2als Zimmer beseitigt, s. mein Wohnhaus in der Mischna. 3. 70 f. Der Besitzanteil mehrerer Parteien' an einzelnen Teilen eines Hauses geht ans Stellen tute MBm 10, 1, TBm 11, 1 a. a. O. zweifellos hervor. Ausfallen mtlß die verschiedene Art der Tosestazitate, bald mit Seiten- und Zeilenangabe, bald ohne diese, alles indes nur Kleinigkeiten, die die Bedeutung des Werkes, das man als monumental bezeichnen kann, nicht zu beeinträchtigen vermögen. Zum Schluß möchten wir nicht vergessen, auch auf die wertvollen philologischen Beiträge Im. Löws hinzu weisen, die er ans Seite 450, 455, 542, 546, 695 und öfter beigesteuert hat. Wenn mir zusammen fassen: Der zweite Band der Talmudischen Archäologie ist nach Inhalt und Ausstattung ein würdiges Glied in der Kette der Gesamtwissenschaft des Judentums, deren Herausgabe sowohl den: Verfasser als auch der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentunis zur Ehre gereicht. Aussig a. E. _ Tr. A rthur Nosenzweig.