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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 47

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 47 (sequence 11)
Language
German
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47 die Hilfe freundlicher Nachbarn angewiesen. Ihr Kind war längst in einer entfernten Stadt an einen braven Mann verheiratet, es ging ihm ganz erträglich. Es war ein Glück, daß das Mädchen ehrlich versorgt war; da brauchte doch Jutta die beschwerliche Krankenpflege nicht mehr zu übernehmen und ging nur noch manchmal „um Gotteswillen", wenn sie sich kräftig genug fühlte. Heute, an einem rauhen Novemberabend, wollte sie eben in ihr Bett schlüpfen, als es draußen heftig Pochte. „Was gibt's?" „Krankenpflege!" „Ich bin selbst nicht gesund, und cs rcguet und stürmt draußen. —-Für wen ist's?" „Das einzige Enkelchen des Dr. W. ist heftig an Scharlach und Diphtherie erkrankt, die Mutter fiebert auch; ich bin in der ganzen Stadt herumgelaufen und habe niemanden auftreiben können.-Kommen Sie rasch — um Gotteswillen!" jammerte die Magd draußen. Jutta humpelte hin und schloß auf. — Sie rief man! — — Sie! — — — „Weiß Herr Dr. W„ daß Sie zu mir gegangen sind?" „Nein, nein! Er sagte: Bringen Sie eine erfahrene Wärterin um jeden Preis! Aber nun kommen Sie — kommen Sie . . .!" „Ich komme — für heute abend wenigstens-" Die Alte hat ihr Tuch umgenommen und schreitet schweigend hinter der Magd her. „Haben Sie jemand?"-Gott sei Dank!" Es ist eine halbverzweifelte Stimme, die da fragt. — „Ja, Herr Doktor!" Jetzt tritt Jutta in den Bereich des Lichtes. „Die- Jutta!" „Ja, ich bin's, aber nur für heute nacht: wo ist das kranke Kind?" Wie es kämpft und stürmt in dem Manne, der da vor ihr her schreitet zum Krankenzimmer. Viele - viele Jahre versinken —-und da, da liegt sein Enkelkind, sein einziger Stolz, seine Hoffnung, und atmet kurz und schwer. Mit kundiger Hand ordnet Jutta die Kissen, erneuert den kalten Umschlag auf der glühenden Stirn, flößt den kühlenden Trank und die Arznei ein. „Gut, gut!" murmeln die fiebernden Lippen, zwei schwere Lider heben sich, ein dankbarer Blick trifft die Pflegerin. Welch ein Blick! Die Gläser in ihrer Hand klirren aneinander ... die Augen des Spielkameraden von einst haben sie angeschaut. Und nun waltet sie unermüdlich ihres Amtes, bis der Morgen graut. Der Großvater hat sich scheu im Hintergründe gehalten, als könnte sein Erscheinen den guten Engel vom Krankenbette verscheuchen; jetzt, da er ihre Zurüstungen zum Weggehen sieht, kommt er herbei, sein angstvoll fragender Blick sagt mehr als tausend Worte. Sie sieht ihn an: „Ich komme wieder, ich hole nur andere Kleider!" Schwere Tropfen dringen in die Augen des alten Mannes. Tieferschüttert beugt er sich nieder, um die kleine, welke Hand an die Lippe zu ziehen. Sie aber wendet sich kurz und hart: „Ich komme wieder, aber nur um des Kindes willen!" Dabei deutet sie auf den kranken Knaben. Und sie kommt wieder und bleibt da und sorgt und wacht rastlos — unermüdlich — zehn lange — lange Tage. Da ist das Kind außer Gefahr und Jutta kann gehen. Des Großvaters Dank entzieht sie sich wie das erstemal — er darf ihr nicht danken —, das ist seine Strafe, die Strafe ist hart, aber gerecht. Aber gutmachen will er, jetzt noch und ganz im geheimen. Doch der Himmel läßt ihm keine Zeit, diesen Vorsatz auszusühren. Aüs seinem Haus hat Jutta den Keim der tückischen Krankheit mit fortgetragen. Als der Doktor wenige Tage später in ihr Stübchen gerufen wird, da findet er Jutta kalt und still. Der Erlöser Tod hat sie abberufen. Kein Haß, kein Groll in dem bleichen Gesicht, der Friede einer ewigen Versöhnung lag darüber ausgebreitet. „Sie war so zufrieden und froh in den letzten Tagen!" meinte die Nachbarsfrau. Mchereinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Chronik von Ar de ln. Etn Beitrag zur Kenntnis des ältesten Christentums im Orient von Eduard Sachau. Aus den Abhandlungen der Königl. Preußischen Akademie der Wissenschaften. Jahrgang 1915. Phil.-hist. blasse Nr. 6. Berlin 1915. Verlag der Königs. Akademie der Wissenschaften. In Kommission bei Georg Reimer. Literarische Mitteilungen. M aria Dolores, Roman von Christiane Ratzel. 1. bis 5. Tausend. Leipzig, F. W. Ernnow. Ein schwächlicher, ersindnngsarmer, übrigens ohne jeden schriftstellerischen Reiz erzählter Noman. Es ist die Geschichte eines jungen, großstädtischen Mädchens, das seine Verlobung mit einem tüchtigen jungen Manne gelöst hat und nach einer schweren Krankheit seiner Erholung wegen in eine Universitätsstadt Fernberg, wahrscheinlich Freiburg, gegangen ist. Sie wird dort in ein frommes Konventikel gezogen, verliebt sich in den Diakon, einen Herrn v. Wägern, der indessen nur ihre Seele zu lieben vorgibt. Der Genannte ist aber ein schlimmer Frauenjäger, der schon viele Mädchen betört hat und endlich von einem seiner Opfer getötet wird. Das junge Mädchen, Maria Dolores Hellgnt, wird schließlich gerettet dadurch, daß eine rasch gewonnene Freundin den ehemaligen Bräutigam zur Stelle schasst, der seine Braut rasch wiedergewinnt. Es würde sich nicht lohnen, diese alltägliche Geschichte hier zu erwähnen, wenn nicfjt Seite 142 bis 148 sehr merkwürdige Debatten über die Judenfrage und besonders über jüdische Frauen mitgeteitt würden, die nicht uninteressant sind, und wenn nicht neben der Heldin ein tapferes jüdisches mit vieler Sympathie gezeichnetes Mädchen Esther Nvrdmann vorkäme, zu dem Maria Dolores flieht und das durch einen Brief an den Bräutigam die Entscheidung herbeiführt. Die Darstellung dieser energischen, im besten Sinne des Wortes emanzipierten Frau, die übrigens auch zu den Opfern des frauenlüsternen Diakons gehört, ist trefflich dnrchgesührt und gerade wegen dieser Darstellung ist das sonst bedeutungslose Buch unseren Lesern zur Beachtung zu empfehlen. L. G. # — (v l a r a S t e r n , G e b i ch t e. 1916, Zürich und Leipzig, Verlag von Nascher n. Eo. Etara Stern, die Gattin des bekannten Züricher Historikers, eine vielseitig gebildete, musikalisch hochbegabte, von tiefem Gefühl beseelte Dame, hat ein Bändchen Gedichte erscheinen lassen, das ebenso durch seine Formvollendung wie durch seinen reichen Inhalt den Leser erfreut und entzückt. Es sind keine Kriegsgedichte und keine jüdischen Verse, aber die schwere Zeit und das tiefe religiöse Empfinden unserer Tage spiegeln sich in ihnen ab. Die Dichterin, die sich schon früher vielfach in Gelegenheitsversen versucht hatte, von denen manche durch den Druck bekanntgeworden sind, gibt ihrer Sammlung gleichsam als 91c nt tu das Lied auf den Weg: J^r verfliegt. Stunden der Wonne, Auch ihr. Tage der Schwermut, Langsamer wandelnd zieht vorüber. Was nun bliebe dem Herzen, Das innig pochte, dann Schmerz litt Und nun stille ist, Wenn nicht in euch, leisen Liddern, Wie von Wassern, die fonnenwärts, stnrnttvüris Watten, Ein Tropfen bliebe. Sie schwelgt in der Natur, erbaut sich an der Kunst, gibt den Eindruck wieder, den einzelne Musikwerke auf sie machen, läßt auch auf das blasierte Publikum der Konzerte satirische Streiflichter fallen.

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