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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 44

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 44 (sequence 8)
Language
German
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44 sicht über „Einteilung und Chronologie der Schriften Philos". In den letzten Jahren hatte er die Herausgabe von Schriften der jüdisch-hellenistischen Literatur in deutscher Übersetzung begonnen; erschienen sind davon zwei Bände, einen dritten Band hat der Verstorbene druckfertig hinterlassen. Cohns Forschungen, die von umfassendstem sprachgeschichtlichen Wissen getragen und von vorurteilsfreiem, echt historischem Geiste erfüllt waren, haben an ihrem Teile nicht unwesentlich dazu beigetragen, die Kenntnis der geistesgeschichtlich so wichtigen und interessanten Kultur des Hellenismus zu fördern nnd die Einsicht in die tieferen Beziehungen zwischen Judentum und Christentum zu erschließen. Wiederholt hat Leopold Cohn im Aufträge des Staates Studien auf diesem Gebiete sowohl in Frankreich wie in London, besonders auch in der Vatikanischen Bibliothek in Rom, mit glücklichstem Erfolge angestellt. Der Verstorbene war ein Urbild des Gelehrten im besten Sinne, ebenso bescheiden und liebenswürdig in seinen: Auftreten wie unermüdlich in der Arbeit und scharfgeistig und gründlich bei der wissenschaftlichen Forschung. Seine ausgebreitete Kenntnis auf den: Gebiete der Bibliographie wurde von den Gelehrten, denen er stets bereitwillig mit seinem Rat zur Seite stand, außerordentlich gesucht und geschätzt. Er war auch im Ausschuß der Gesellschaft zur Förderung für die Wissenschaft des Judentums und hat an einer der Generalversamml'ungen einen Vortrag über „die Septuaginta und ihren Einfluß auf das Evangelium" gehalten, der im Kreise der Gelehrten großes Aufsehen erregte, mit dessen Veröffentlichung Herr Prof. Philippson ihn leider vergeblich gebeten hatte. In der Breslauer Gemeinde hat der Vereinigte eine hervorragende Stellung eingenommen. Er war lange Jahre im Repräsentanteu-Kvllegium, und in verschiedenen Kommissionen tätig. Der Vorsitzende der Gemeinde schrieb unter anderem: „Gerade in dem letzten Jahrzehnt habe ich durch meine persönlichen und amtlichen Beziehungen zu dein edlen Manne selbst zu schätzen Gelegenheit gehabt, wie er im Charakter, in seinetn liebenswürdigen Wesen vorbildlich gewesen, wie er in Beurteilung der schwierigsten Fragen mit einer Klarheit die Lösilng herbeigeführt, daß ich bei jeder Gelegenheit dankbar gewesen bin, diesen mit allen Vorzügen begnadeten Kollegen in unserer Gemeindekörperschast wirken zu sehen, usw." Als sichtbaren Beweis der wohlverdienten Auszeichnung des Verklärten hat die Gemeinde ihn in der Ehrenreihe des Friedhofs Lohestraße beisetzen lassen. Sein Andenken wird wach erhalten bleiben durch sein reichgesegnetes Leben. Christliche und jüdische Mllenlchskt. Von Somtötsrat Dr. Scherbe! in Lissa i. P. er Vorsitzende des Gerichtshofes im sogenannten Scienti st eu Prozeß, der im November dieses Jahres in Berlin tagte, führte in der Begründung des Urteils, Prof. Dr. Leopold, Cohn geboren (856, gestorben am (8. November (9(5 welches jede der angeklagteu Anhängerinnen der „ ch r i st - l i ch e n Wissens ch a f t", Ahrens und Hüsgeu, wegen fahrlässiger Tötung zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte ses handelte sich um die beiden Hofschauspielerinnen Nuscha Butze und Alice v. Arnauld, welche infolge der Behandlung auf Grund der Lehre der „christlichen Wissenschaft" zugrunde gingen), aus, daß der Gerichtshof diese Lehre, soweit sie das Heilverfahren im allgemeinen betreffe, für eine Irrlehre halte, und daß diese Lehre weit entfernt sei vom wahren Christentum wie auch von der Wissenschaft. Wir können wohl ohne weiteres sagen, daß das „Gesundbeten" auch vom wahren Judentum weit entfernt ist. Seit alters her ist es ja bei den Juden üblich, in schweren Krankheitsfällen „Tehillim" zu sagen, aber die Frommen, die sich zum Beten der Psalmen hinsetzten, hatten nie die Absicht, den Aerzten damit gewisserinaßen Konkurrenz zu machen. Cs sollte nichts weiter sein, als eine Fürbitte zu Gott für das Leben des Schwerkranken, vielleicht in Erinnerung an die vielen Fälle von Heilung, Errettung vom Tode, Gewährung von Herzenswünschen durch das Gebet, von denen die heiligen Schriften berichten. Bei der mystischen jüdischen Religionsphilvsophie der Kabbala mag das Gcsnndbeten wohl eher eine Stütze finden können. Ist doch die starke Zuflucht zur Mystik, wie man sie hente so vielfach beobachtet, das Befragen der Hellseher und Wahrsagerinnen, der Zeichen- und Zahlendeuter und so manches andere, was gar nicht in das aufgeklärte zwanzigste Jahrhundert hineinpassen will, nichts weiter als das Sehnen nach einer Vertiefung der Lebensauffassung und Lebensanschauung, nach einem geheimnisvollen Wunderbaren, nach einer Verbindung mit der übersinnlichen Welt, welche die Rätsel des Diesseits erklären soll, wie es sich überall in der kabbalistischen Gedankenwelt und Geheimlehre wiederfindet. Warum geht es den Guten und Frommen jetzt vielfach in diesem furchtbarsten aller Kriege so schlecht und den Bösen so gut? Wozu ist so viel Unglück, Schmerz und Leid über diese Welt gekommen, die einst Leibniz als „die beste der möglichen Welten" bezeichnet hat? Diese tiefsinnigen Fragen sucht man sich, wie Hiob, zu erklären. Man hat aber auch den Wunsch, das Weben und Wirken der überirdischen Gewalten zu erforschen und zu ergründen und das Böse, also auch Krankheit und Tod, wenn möglich, abzuwenden und zunichte zu machen. Dieses Bestreben findet sich zweifellos in vielen Lehren und Anlveisnngen der Kabbala, aber das hat weder mit der crakten Naturwissenschaft noch mit wahrer jüdischer Wisscnschast ctlvas zu tun. Alles, was man von wunderbaren kabbalistischen Beeinflussungen und Heilungen erzählt — wir erinnern nur an den Hohen Rabbi Löw in Prag oder an den Wunderrabbi von Sadagora —, ist sicher auf die Wirkung der Suggestion, vielleicht auch zuweilen der Hypnose zurückzusühren. Daß namentlich bei nervösen Leiden damit durch Stärkung des Selbstbewußtseins, des Selbstvertrauens, der

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