Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 43 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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43 durchsichtig. Die russischen Gewalthaber fühlten sich der Bevölkerung Polens niemals sicher. Allerdings war nach der blutigen Unterdrückung des Aufstandes vvn 4863, nach der Dezimierung des Adels äußerlich die revolutionäre Bewegung zum Stillstand gekommen. Aber argwöhnisch betrachtete man von Moskau aus die nationale und sozialistische Organisationsarbeit, die Ende der 7der Jahre in Polen einsetzte, nicht mit Unrecht darin revolutionäre Vorarbeiten erkennend. Und obgleich der Judenpogrom erst im Revolutionsjahr 1905 zu seiner traurigen Berühmtheit als antirevolntionäres Kampfmittel der Regierung gelangt ist, so können wir doch wohl in dem Warschauer Pogrom einen ersten tastenden Versuch in dieser Richtung erblicken. Es ist gewiß kein bloßer Zufall, daß sich gerade zu jener Zeit der spätere Minister und Pogromorganisator Plehwe der Unterdrückung der polnischen Bewegung durch Gefängnis- und Verbannungsurteile ohne Zahl annahm. Noch klarer ist der Zusammenhang zwischen Pogrom und einer konterrevolutionären Tendenz bei dem Lodzer Pogrom des Jahres 1892, der, dank einer selbst für russische Verhältnisse ungewöhnlich streng gehandhabten Zensur, in vielen Punkten im Dunkel liegt. Aber schon durch seine Stellung als Abschluß der ersten großen Streikbewegung der polnischen Arbeiterschaft in diesem bedeutenden Jndustrieort ist jener Zusammenhang ohne weiteres deutlich. Welches das erregende Moment gewesen, das den Arbeiteransstand in einen Pogrom gewandelt hat, darüber gehen die Nachrichten auseinander. Nach den „Moskowskija Wjedomosti" wäre dieser Umschwung durch jüdische Streikbrecher hervorgerufen worden, nach anderen Zeitlingsstimnren hätten Gerüchte von einem von jüdischer Hand verübten Mord au einer Christin oder von Kirchenschändungen den Anstoß dazu gegeben: sicher ist, daß diese Wendung in dem schon mehrere Tage währenden Massenstreik ziemlich genau mit dem Zeitpunkt zusammenfällt, an dem das requirierte Militär in Lodz eintraf. Mit völligster Unparteilichkeit ließen die Kosakenhorden diesmal ihre Nagaiken über Angreifer und Angegriffene sausen, und unter den krachenden Salven floß vereint das Blut der jüdischen Bevölkerung wie der polnischen Arbeiter. Mit gleicher Liebe liebt ja Väterchen Zar all seine Kinder! — Es ist natürlich, daß die polnische Presse die Anteilnahme der polnischen Arbeiterschaft an diesem Blutbade möglichst herabzumindern und als die allein Schuldigen russische Spione und dunkle Elemente unter den Massen zu bezeichnen gesucht hat, an denen es in der Tat auch nicht gefehlt hat. Das eine aber steht fest: niemals wieder seit jenen Lodzer Schreckenstagen ist es der Regierung gelungen, eine Streikbewegung oder eine politische Demonstration auf polnischem Boden in einen Pogrom zu verwandeln, wenngleich sie es an Versuchen dazu nicht hat mangeln lassen. Besonders deutlich waren diese Bemühungen bei dem Warschauer Generalstreik anlüßlicki der Januarereignisse des Revolntionsjahres; doch dank der straffen politischen Organisation sowohl der sozialistischen wie der bürgerlichen Parteien, welche seit jenen Tagen die Parole ausgegeben hatte: Kein Judenpogrom mehr auf polnischem Boden!, mißlang jegliche Provokation. Dem letzten größeren polnischen Judenpogrom, demjenigen zu Czenstochau im September 1902, hat das besondere lokale Milieu das charakteristische Gepräge aufgedrückt. Czenstochau, der bekannte Wallfahrtsort, selbst bewohnt von einer stark klerikalen Bevölkerung, ist der günstigste Boden für die Giftpflanze des religiösen Fanatismus. Hier bedarf cs bei der aus den nnkontrollierbarsten Elementen zusammengeströmtcn, meist auf der niedrigsten Jntelligenzstufe stehenden Schar der Pilger nur des geringsten äußeren Anstoßes, nur eines Wortes, um die durch langes Wallfahren und Beten, durch den ungewohnten, bedrückenden Prunk der feierlichen Zeremonien fiebrisch gesteigerte psychische Erregung und Snggestionsfähigkeit der Massen in religiöser Kampfwut auflodern zu lassen. Wie schnell sind die Hände, die sich eben noch ekstatisch im Gebete krumpften, bewaffnet zur Vernichtung der Andersgläubigen! Aus einer solchen Massensuggestion heraus ist wohl auch jener Czenstochaner Judenpogrom zu verstehen. Er war der letzte auf polnischem Boden. An Pogromstimmungen und -Paniken hat es freilich auch in den folgenden Jahren nicht gefehlt; aber den Feuerbrand in Polen noch einmal zu entzünden, ist der Regierung weder in den Tagen von Kischinew und Homel noch ^während des Oktobersturmes des Revolntionsjahres gelungen, als Rußlands Erde vom unschuldig vergossenen Blute rauchte. Wohl haben die Dnmawahlen — sowohl jene znr ersten als auch diejenigen zur zweiten Duma — eine Verschärfung des stets vorhandenen latenten Gegensatzes zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung Polens hervorgernfen; wohl hat die antijüdische Bewegung in jenen Kämpfen an Stärke und Erbitterung außerordentlich zugenommen; wohl sind verhüllte nnd offene Pogromdrohungen in jenen Tagen wieder nicht ausgeblieben: aber die dunkle Wolke ist doch immer wieder gnädig über den Geängstigten vorübergezogen. Und heute? Ein neuer Tag dämmert über Polen. Zertrümmert liegt das eiserne Zwingjoch moskowitischer Willkür. Die Sonne, die einst blutrot über Ostrolenkas Gefilde zur Rüste ging, steigt siegreich empor ans den zerrissenen Wolken. Wird ihr segnender Strahl versöhnend allen Kindern Polens leuchten? | Krok.Dr.LeotwIVEohn| m 18. November 1915 starb in Breslau nach achttüglgem schweren Krankenlager Professor Dr. Leopold Cohn. Er war 1856 in Zempelburg in Westpreußen geboren, studierte klassische Philologie und Geschichte. Er promovierte 1881 mit einer lateinischen Abhandlung über Aristophanes von Byzanz und Suetonius Tranquillus als Quellen des Eustatius. 1884 habilitierte er sich auf Grund einer Untersuchung über die Quellen der Plato-Scholien als Privatdozent an der Breslauer Universität und wurde 1897 zum Titularprofessor ernannt. Einige Jahre seiner Kandidatenzeit leitete er bcn klassischen Unterricht am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau. Daneben war er seit 1889 als Kustos an der Universitätsbibliothek tätig, an der er 1902 zum Oberbibliothekar aufrückte. Seine wissenschaftliche Arbeit galt in erster Reihe dem Studium der griechischen Gramatiker und Lerikographeu, über die er ebenso wie über die Paroemiographen (Veranstalter von Sprichwörtersammluugen) des 2. nachchristlichen Jahrhrlnderts eine Anzahl tüchtiger Einzelstudien veröffentlicht hat. Sein Buch über die „Griechische Lerikographie" erschien 1913 bereits in vierter Auflage. Seit Ende der achtziger Jahre wandte er sich besonders Forschungen zur attizistischen und hellenistischen Literatur, namentlich dem Studium der jü-disch-ralerandrinischen Religionsphilosophie zu, als dessen erste Frucht er 1889 eine von der Berliner Akademie der Wissenschaften mit dem ersten Preise gekrönte Untersuchung über Phi los Buch von der W el tsch ö pfu n g Publizierte. Mit Paul Wendland, dem vor kurzem verstorbenen ausgezeichneten Kenner der hellenistischen Kulturepoche, verband er sich zur Veranstaltung einer kritischen Gesamtausgabe der Werke Philos, die 1896 bis 1906 in fünf Bänden erschien und der er später eine kleinere Textausgabe folgen ließ. Als Ergänzung und Einführung dient die 1899 veröffentlichte Ueber- *•) Nach privaten Mitteilungen und einigen Artikeln der „Breslauer Zeitung".