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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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Tatkraft, durch Aufrichtung und Kräftigung des niedergedrückten GemütAebens, durch Hebung des Mutes und der Willenskraft überraschende Heilerfolge erzielt werden können, ist für die Aerzte eine alltägliche Erfahrung, die sie auf ganz natürliche Weise erklären. Denn ihr Kern ist das geistige Heilverfahren, die Physische Therapie, die seelische Beeinflussung des Kranken, die jeder erfahrene Arzt auszuüben in der Lage ist. Er wirkt auf diese Weise durch den Geist auf den Körper, durch das Gehirn auf die Organe des Körpers und ihre Verrichtungen mnstinrmend und heilend ein. Das alles aber ist nur angewandte Psychologie oder Seelenkunde auf Grund von Lebenserfahrring, Menschenkenntnis und des richtigen Verständnisses über den Umgang mit Menschen. Vielleicht hat dieses Verständnis nieinals eine so große Rolle gespielt wie bei den jetzigen weltbewegenden Ereignissen, aber das hat weder mit „christlicher" noch mit „jüdischer" Geheim'wissenschuft etwas zu tun. Lrntt tzsecke! und die bidlilche Lchöpkmrgslrhre'). Bon. Rabbiner Dr. B. Heisz, Lissek. er D a r w i n i s m u s brachte uns zum „naturalistischen Monismus". Der biblische Dualismus, wie er im Schöpsungsbericht der Genesis gelehrt wird, wird von dem großen Vertreter des Monismus, E. Haeckel, als Mythus, als Hypothese der Schulphilosophie bezeichnet. Haeckel lehrt: „Die Abstammungslehre hat uns aus Grund ihrer großen drei Urkunden: der Paläontologie, der vergleichenden Anatomie und der Ontogenie, überzeugt, daß der Mensch kein spukhaftes „Ebenbild Gottes", sondern das höchst entwickelte Säugetier ist. — Die reine monistische Religion, die sich aus dem naturalistischen Monismus entwickeln wird, wird die Kulturmenschheit des 20. Jahrhunderts ans eine hohe Stufe der Vollendung hinaufführen, dank der Eroberung der modernen Naturwissenschaft." — Der biblische Dualismus lehrt: Die Natur sei die Schöpfung eines rein geistigen Wesens. Die Naturgesetze müssen in Beziehung zu einem rein geistigen Prinzip gebracht werden, ohne dieses geistige Prinzip wäre die Natur, wenn sie überhaupt existierte, ein Tohuwabohu, ein chaotischer Zustand. Es liegt nun einmal 'in der Natur der Sache, alles, was nicht mit mathematischer Gewißheit bewiesen werden kann, als Hypothese zu bezeichnen, zumal, wenn es sich um biblische oder religiöse Probleme? handelt. Der naturalistische Monismus, wie ihn Haeckel lehrt, nimmt für sich in Anspruch, keine wissenschaftliche Hypothese zu sein. Ja, woher hat er die Gewißheit, daß vielleicht in allernächsten Zukunft gerade durch die „unermüdliche Naturforschung", die allgemeine Naturerkenntnis den menschlichen Geist dazu bringen wird, von dem naturalistischen Monismus gänzlich abzustehen, weil er erkenntnistheoretisch eine pure Hypothese ist! — In dieser Beziehung sagt mit Recht Geheimrat Professor Dr. Plan ck er: „Selbst in der exaktesten Naturwissenschaft kann man nicht ohne Weltanschauung, d. h. ohne beweisbare Hypothesen vorwärts kommen. Auch für die Physik gilt der Satz, daß man nicht selig wird ohne den Glauben, zum mindesten den Glauben an eine gewisse Realität außer uns, diesen Glauben, der dem vorwärtsdringenden Schaffenstrieb die Richtung weist. Ein Forscher, der sich nicht von irgendeiner Hypothese leiten läßt, verzichtet von vornherein auf ein tieferes Verständnis seiner eigenen Ergebnisse^)." y Vgl. E. Haeckels im „Prager Tageblatt" anläßlich seines 80. Geburtstages veröffentlichten Artikel über „Die Grenzen der Naturwissenschaft". 2) Vgl. Prof. Dr. Planckers Rede anläßlich der Nektvratsttbergabe. Das ganze gewaltige Dogmengebände der Metaphysik, lehrt Haeckel, die dualistischen Lehren von den zwei getrennten Welten, von einer realen Körperwelt und einer idealen Geisteswelt, sind jetzt hinfällig geworden. — Doch wohl nicht durch den naturalistischen Monismus! Denn gerade durch den extremen Radikalismus, welchen der naturalistische Monismus einnimmt, ist eine solche geistige Revolution im Reiche der biblisch-religiösen Weltanschauung kaum voranszusehen. Die reine „monistische Religion", die nach Haeckel aus dem naturalistischen Monismus sich entwickeln wird, die - frei von allem Dogmatismus — die Kulturmenschheit des 20. Jahrhunderts auf eine höhere Stufe der Vollendung hinanfführen wird, diese aus der Naturwissenschaft sich entwickelnde monistische Religion, dürfte bloß ein pium dcsiderium, das Ideal eines großen Denkers sein, denn Materie ist alles. Das „Biogenetische Grundgesetz", sagt Haeckel, ist keine luftige Hypothese, sondern eine klare, durch viele sichere Tatsachen fest begründete Theorie. Dadurch wird nicht allein die Stellung des Menschen in der Natur, sondern zugleich allen jenen mythologischen Dichtungen der Boden entzogen, welche an die uralte mystische Vorstellung von der Unsterblichkeit einer persönlichen Seele und eines sogenannten „ewigen Lebens" sich knüpfen. Wie sagt doch „Fällst": „Grau ist jede Theorie." Warum nicht anch diese Haeckelsche Theorie! Die „monistische Religion", die den Menschen zum erstklassigen Säugetier herabdrückt, dürfte kaum mehr innere bezeugende Wahrheit haben als die metaphysische Theorie der Schöpfungslehre der G e n e s i s, die den Menschen zum „Ebenbilde Gottes" emporhebt. Der Irschiwahbocher. Von I a k o b Fing e r m nun, Berlin. ft2 r gewöhnlich aus dem niederen Volke. Seine /Z* Eltern sind arme Leute mit reichem Kindersegen, oder er ist vaterlos und seine Mutter schlägt sich recht und schlecht durchs Leben. Oder er ist Vollwaise, der Gemeinde eine Last und seiMN etwaigen Verwandten ein nicht auszuweichendes Uebel. Seine Kindheit verläuft zwischen den vier Wänden des Cheders; sie bilden seine Welt und seine Grenze, sie nmschließen ihn wie einen gefangenen Vogel und lassen keinen freien Lufthauch zu ihm. Schläge, Borniertheit, grailsame Härte, beschränkte nnb einschrünkendePedanterie ziehen ihn groß, und sein kleiner Kopf wird vollgepropft mit einer unheimlichen Fülle unfruchtbaren Wissens. Im zwölften Lebensjahr schon vermag er rituelle Entscheidungen zu treffen, seine Folgerungen mit Zitaten aus religionsphilosophischen Traktaten zu belegen. Er ist erstaunlich reif, jeder Einwendung überlegen, und seine Rllhe ist die Gesetztheit eines Greises. Er „lernt" nun in der Jeschiwah eines Talmudisten. Seine Lebenslage hat sich kaum merklich gebessert; immer noch ist ständige Not seine Begleiterin. Er geht ans „Kost", jeden Tag ein anderer Tisch. Er schläft ans dem harten Erdboden, schwitzt im Sommer und friert im Winter. Er kasteit sich und fastet, denn sein Herz fühlt wahre Frömmigkeit, und seine verlangende Seele ist jung. Wenn er betet, ist seine Verzückung inbrünstig und groß; dann leuchtet in das Dunkel seines Lebens ein milder Glanz von einem fernen Stern . . . Das Monotone hält ihn starr und wegsicher; er hat kein Verlangen nach außen, und er möchte sich einhüllen in die warme mystische Dämmerung der Jeschiwah . . .

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