Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 4 (28.1.1916)
- Date
- 1916-01-28
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229237--71957-3284371- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
- Radom 1× ep/1000823
OCR text
42 Wenn wir die Pogrome, welche die Judenschaft Polens heimgesucht haben, nach Zahl und Umfang Revue passieren lassen, so wie sie von der „zur Erforschung der Pogrome eingesetzten Kommission" in überaus verdienstvoller und eingehender Weise „im Auftrag des Zionistischen Hilfsfonds in London" ermittelt und im Jahre 1909 veröffentlicht worden sind, zu einer Zeit, da man in London noch nicht den Schleier der Alliiertenliebe mild verhüllend über moskowitische Greueltaten zu breiten gezwungen war, so ergibt sich, daß Polen jene entsetzlichen großen Pogromperioden gar nicht kennt, die besonders die südwestlichen Gouvernements Rußlands zu Beginn der 80er Jahre und in noch weit furchtbarerer Wiederholung in den Jahren 1908 bis 1906 durchgemacht haben. Bis zum Jahre 1881 hat cs in Polen seit Generationen überhaupt keine Pogrome gegeben. Erst der Regierung Alexanders Hl. und des Friedenszaren Nikolaus war es Vorbehalten, die Blutwoge der Judenpogrome auch nach Polen hinüberfluten zu lassen. Trotzdem kennt dieses Gebiet, abgesehen von gleich im Keime erstickten Pogromversuchen und bloßen Panikstimmungen, nur den Warschauer Pogrom in den Dezembertagen des Jahres 1881, den Lodzer im Mai 1892, den Ezenstochauer im September 1902 und die verhältnismäßig unbedeutenden Ausschreitungen zu Ostrowetz im Gouvernement Radom und zu Partschew im Gouvernement Sjedletz. Nicht auf die schwarze Liste polnischer Pogrome gehören die Schreckenstage von Bialystok im Sommer 1905 und 1906, die, durch die Energie der Duma bis in ihre letzten Fasern enthüllt, einzig und allein als das Werk russischer Polizei- und Militärgewalt vor den schaudernden Augen Europas dastehen, und ebensowenig auch der Soldatenpogrom von Sjedletz. Aber auch ihrem Umfang nach stehen die polnischen Ausschreitungen gegenüber den russischen in erfreulicher Weise zurück. Betrug doch bei dem Lodzer Pogrom, wohl dem blutigsten von allen, die Zahl der Todesopfer nach Mazowieckis „Geschichte der sozialen Bewegung in Polen" etwa 40, während von den Odessaer Schreckenstagen des Jahres 1905 auf dem dortigen Friedhof 802 Judcngräber schauerliche Kunde geben, indessen die Zahl der Verwundeten und Vermißten in die Tausende geht. Ebenso verhält es sich mit dem materiellen Schaden: die Werte, welche der Raub- und Zerstörungswut des Pöbels bei den Warschauer Plünderungen zum Opfer gefallen sind, betragen nach der Schätzung des allgemeinen Hilfskomitees über 700 000 Rubel, während in Odessa 3% Millionen Rubel jüdischen Gutes vernichtet worden sind. So verschieden sich die polnischen Pogrome in ihren wirklichen und vorgeblichen Voraussetzungen, in den Einzelheiten ihres traurigen Verlaufs untereinander erweisen, in zwei Punkten zeigen sie eine klare Ucbereinstimmung: in der Inszenierung und Leitung durch plötzlich auftauchende und verschwindende Agitatoren und durch das Verhalten der russischen Obrigkeit den Exzedenten gegenüber. Hierin dokumentieren sich die polnischen Judenverfolgungen deutlich als ein in anderen Boden künstlich verpflanztes Reis des großrussischen Stammes. Als der Pogromsturm im Jahre 1881 durch die Lande fuhr, da schien es, als müsse er an der Grenze Polens vor dem festen Willen der dortigen Bevölkerung haltmachen. Wohl schwirrten dunkle Gerüchte von bevorstehenden Exzessen gegen die Juden durch Stadt und Dorf; wohl ward der 15. Mai als der erste rote Tag bezeichnet: aber einmütig wirkten die Warschauer Archidiözese und das dortige Rabbinat beruhigend auf die Volksmassen, unterstützt von der gesamten polnischen Presse,- die ähnliche Vorgänge wie die russischen im eigenen Lande für unmöglich erklärte. In der Tat schien ihr die ungetrübte Ruhe der nächsten Monate recht zu geben. Daß die antisemitische Partei die diesmal noch gnädig an den Juden vorbeigezogene Gefahr dazu ausbeutete, um ihnen als einziges Rettungsmittel das Aufgeben all ihrer nationalen Eigentümlichkeiten und völliges Aufgehen in dem sie ritterlich schützenden polnischen Stamm zu empfehlen, ist ebensowenig verwunderlich wie die Selbstberäucherung gewisser polnischer Kreise, die sich am schärfsten in den Ausführungen des Parteihauptcs Swentochowski spiegelt: „Das die Inden hassende, gegen sie aufgebrachte und in dieser Richtung nicht aufgehaltene Volk hat zu einer Zeit, da im Reiche ganze jüdische Stadtteile zerstört wurden, nicht einmal eine Schenke angegriffen. Diese Ruhe, diese Würde ist lediglich den Organen der gesellschaftlichen Ordnung als Verdienst anzurechnen und entspringt zweifellos dem Charakter des Volks, das seine Triebe zu beherrschen weiß und nicht Befriedigung in roher Gewalttätigkeit sucht." Da brachten die Weihnachtstage ein furchtbares Erwachen aus diesem schönen Wahn. Es war während des Festgottesdienstes in der Kathedrale des Heiligen Kreuzes zu Warschau, als plötzlich der Ruf: „Es brennt!" eine wilde Panik unter den Versammelten erweckte. Alles stürzt zum Ausgang. Furchtbare Szenen spielen sich ab. Tote und Verstümmelte bedecken den Boden der Kirche. Und in diese bis zum äußersten erregte Menge schlägt plötzlich, niemand kann sagen woher, das unheimliche Gerücht: jüdische Diebe haben wohlüberlegt die Panik erregt, um sich in der allgemeinen Verwirrung an fremdem Gut bereichern zu können. Das ist der zündende Funke: in dichten Scharen strömt die entzügelte Masse in die Häuser und Wohnungen der Juden. Ein Plündern beginnt, das drei Tage währt. Wer jenen Alarmruf ausgestoßcn, ist bis zum heutigen Tage nicht aufgeklärt. Interessant ist die Bekundung des Staatsanwalts des Warschauer Kreisgerichts, dem ein Augenzeuge als Urheber der Panik einen fremden Herrn und zwei Damen bezeichnet hatte; beim Ausgang der Kirche gestellt und nach seinem Namen gefragt, gab der Unbekannte Namen und Adresse an, die sich später als falsch erwiesen. Er selbst blieb seither spurlos verschwunden. Zu diesem mysteriösen Unbekannten stimmen auch die Behauptungen ausländischer Zeitungskorrespondenten und vieler Augenzeugen, daß bei der Organisation und Leitung des Pogroms unbekannte Agitatoren, eine „fremde Hand" im Spiele gewesen ist, stimmt auch die sonst verwunderliche Tatsache, daß laut Bekundung der „Nowoje Wremja" es genügt habe, wenn der Besitzer einer Wohnung die eindringenden Plünderer russisch angesprochen habe, um sie zum sofortigen Verlassen seines Hauses zu bewegen. Sollte einer polnischen Menge aus sich selbst heraus eine solche Ehrfurcht vor der Sprache ihres Fronherrn innewohnen? Es gehört viel Naivität dazu, dies zu glauben, ebenso wie die Beteuerung desselben russischen Blattes, daß die polnischen Exzedenten sich der größten Höflichkeit gegenüber dem Militär befleißigten, immer vorausgesetzt, daß es rein polnische Scharen gewesen wären. Und wie verhielt sich nun dies russische Militär? Genau so, wie es sich in analogen Fällen in Rußland stets verhält: es sah der plündernden Menge untätig zu, feuerte sie wohl gelegentlich durch Zurufe an und beschränkte seine Tätigkeit im übrigen darauf, die zur Selbstwehr schreitenden Juden auseinanderzutreiben. Wer denkt dabei nicht an das berüchtigte Wort des Odessaer Militärkommandierenden Kaulbars, der im Kreise der versammelten Bureaukratie mit Ueberzeugung erklärte: „Wir alle sympathisieren mit dem Pogrom." Wahrlich, nicht diesen Hütern der Ordnung war es zu danken, daß in Warschau nur ein Toter und 24 Verwundete zu betrauern waren und daß die Brutalitäten russischer Pogrome sich hier nicht ereigneten. Ist so die Mittäterschaft, wenn nicht Urheberschaft der Regierung außer allem Zweifel, so ergibt sich die Frage nach ihren Motiven. Auch dafür scheinen die Gründe ziemlich