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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 treib-ereieu angegeben Donn-crst-aaj war ein Xai\, luo man für den Sabbat Einkäufe zu urachen Pflegte. Wenn nun der Donnerstag als Beginn einer Fastenordnung, die gewöhnlich drei Fasttage mit jeweils einem bzw. zwei Tagen Unterbrechung enthielt, anberaumt wor-den wäre, so hätten die Händler, die sahen, wie die Kunden große Einkäufe für den Abend des Fastens und für den Sabbat machten, die Preise in die Höhe treiben können. Daher mußte man mit dem Fasten immer vor Donnerstag beginnen: gewöhnlich wurde der Montag dafür gewählt. ' Und schließlich wurde bestimmt, daß, wenn H u n g e r s n o t oder nur Mangel an Lebensmitteln herrschte, der Mann getrennt von seiner Frau leben solle, damit keine Kinder erzeugt würden, die die Not des Volkes nur noch vergrößern könnten. Der Talmud kennt zwar verschiedene Prüventivmittel gegen die Empfängnis; ihre Anwendung erlaubt er aber nur -in ganz vereinzelten Fällen. Wenn man bedenkt, daß der Bibel und dem Talmud eine zahlreiche Familie höchstes Ideal ist, wenn man ferner die unzähligen diesbezüglichen Ermahnungen und Belehrungen berücksichtigt, so darf die angezogene Verordnung nur so verstanden werden, daß zum Nutzen der Allaeureilcheit und zur Erhaltung eines Volkes ein jeder einzelne sein persönliches Wohlergehen und seine individuellen Wünsche und Interessen opfern müsse. im Schluß möchten wir noch eine talmudische Stelle aus den vielen öffentlichen Reden zur äßigkeit und zur Einschränkung in den Lebensmitteln zur Zeit der Not hier anfü-hren. „Wenn Mangel au Lebensmitteln ist, so soll sich der Reiche dem Armen gleich auf das möglichste Maß einschrünkeu, damit ein Teil von den vorhandenen Nahrungsmitteln an jeden komme." „In der Zeit der Not soll sich ein jeder würdig und ernst verhalten, niemand darf sich den Anforderungen der Zeit entziehen." * An dem Tage, da diese Nummer in die Hände unserer Leser kommt, wird der Geburtstag unseres Kaisers gefeiert. Nicht durch prunkhaste Feste, sondern durch stille Anteilnahme. Wir feiern den Tag, mit dem Bekenntnis, seine rastlose Tätigkeit zum Vorbild zu nehmen, und mit dem Gelöbnis, ihm und dem Vaterlande die Treue zu wahren bis zum letzten Hauche. Die Judenpogrome in Oolen. Von Tr. H i' d w i g F i s ch in n n n. lt den Segnungen russischer Kultur, deren Mütterchen Rußland alle Völker ihres weiten Reiches in gleichen: Maße teilhaftig sehen möchte, gehört die seit den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts staatlich sanktionierte Institution der immer miederkehrenden Judenpogrome. Freilich nicht an jeder Stelle des großen Zarenreiches fand diese Blutsaat einen gleich günstigen Boden, nicht überall entsproß ihr jene unsagbar fürchterliche Ernte wie in Kischinew oder Odessa. Wenn aber in einem von Juden so stark durchsetzten Landesgebiet wie dem Königreich Polen die Zahl der Pogrome verhältnismäßig gering, ihre Opfer, an großrussischem Maße gemessen, weniger schrecklich sind, dann müssen hier zweifellos starke Unterströmungen dem Blutwerk entgegengewirkt, müssen bodenständige Kräfte die russische Wühl- und Hetzarbeit teilweise paralysiert haben. Denn an dem entschiedenen Willen der Regierung, gerade hier im weitesten Umfang Pogrome zu inszenieren, diesem beliebten Mittel russischer Gewaltherrschaft, um mit demselben Streich das verhaßte Volk der Juden zu treffen und'gefährliche revolutionäre Bewegungen abzulenken, ist gewiß nicht zu zweifeln. Konnten die Machthaber doch nur auf diesem Wege ihr Ziel zu erreichen hoffen, das von Podbjodonoszew mit zynischer Offenheit so formuliert worden ist: ein Drittel der russischen Juden werde in der übrigen Landesbevölkerung restlos anfgehen, ein Drittel auswandern und das dritte Drittel anssterben. In rein russischem Gebiet konnte und kann noch heute die Regierung dabei jederzeit der eifrigsten Mitarbeit der großen dumpfen Menge sicher sein, deren niedrigste Instinkte, die Mord- und Beutegicr, mehr noch als ben religiösen Fanatismus sic skrupellos entfesselt. Anders in Pole». Genuß, auch hier ist nicht das gelobte Land der religiösen und nationalen Duldsamkeit; auch hier ist seit alters her eine starke antijüdische Strömung unter der Bevölkerung vorhanden, die bald höhere, bald niedere Wogen wirft, je nachdem die Reibungsflächen zwischen Polen und Juden sich in den jeweiligen politischen oder ökonomischen Kämpfen verschärfen oder vermindern; auch hier sind es nicht immer die reinlichsten Waffen, die im Streite geführt werden: aber der Judenpogrom steht nicht in diesem Arsenal. Mit wenigen Ausnahmen hat das polnische Volk der russischen Negierung die Gefolgschaft hierbei verweigert. Wo es aber dennoch gelungen ist, einen Pogrom ans polnischem Boden zu entfesseln, wie in Warschau oder in Lodz, da zeigte er niemals jene Akte entmenschter Grausamkeit und roher Bestialität, welche die russischen Veranstaltungen in so trauriger Weise auszeichnet. Hier scheidet sich der auf einer höheren Kulturstufe stehende Pole von dem russischen Asiaten. Dabei dürfen wir freilich nicht übersehen, daß bei dem Bestreben der leitenden polnischen Männer, Pogrome zu verhindern oder wenigstens in ihren Wirkungen abzuschwächen, auch die Rücksicht auf das eigene nationale Interesse im weitesten Maße mitspielt! denn konnte es ein besseres Mittel geben, vor den Augen Westeuropas die eigene sittliche Höhe gegenüber dem barbarischen Unterdrücker zu dokumentieren und sich damit die Sympathien dieser Mächte zur Verwirklichring des nie erloschenen Freiheitstraums zu sichern? In der Tat hat sich die Polnische Presse die Gelegenheit nicht entgehen lassen, diesen Gegensatz zu wiederholten Malen scharf zu formulieren. Selbst ein jeder antisemitischen Strömung huldigendes Provinzblatt, die „Ziemia Lubelska", schrieb mit deutlicher Betonung dieser Tendenz nach dem Bialystoker Pogrvm, daß die Polen, heute selbst ein geknechtetes Volk, die Juden nicht mehr verteidigen könnten, wie sie das einstmals getan hätten. Und war es nicht anch klüger, die starke jüdische Partei als Mitstreiter gegen die russischen Machthaber an sich zu fesseln, statt sie mit Gewalt ins feindliche Lager zu treiben und sich einen gefährlichen Gegner iin eigenen Lande zu erwecken? Hierin haben schließlich die immer wieder auftauchenden Assimilierungsversuche, die von den verschiedensten polnischen Richtungen an den Inden gemacht wurden, ihren letzten Grund. Doch stärker als all diese Stimmen klug abwägcnder Reflexion bestimmt unzweifelhaft ein wahres und echtes Solidaritätsgefühl die Handlungsweise der Polen in der Pogromfrage. War nicht jüdisches und christliches Blut vereint im Jahre 1863 für Polens Freiheit geflossen? Seufzen sie nicht beide, Polen wie Inden, unter der Knute desselben verhaßten Zwingherrn? Führen sie nicht den gleichen Kampf um die primitivsten Menschenrechte, um die Sicherheit des eigenen Lebens? Und kann der Blutstuhl, der heute in den Häusern der Inden rast, sich nicht mvrgen das Haupt des polnischen Edelmanns zum Opfer erküren? Ans diesem Geiste ward das schöne Wort von „der Solidarität, die den Kindern einer Erde geziemt", geboren, mit dem die Stadt Warschau jede auswärtige Hilfe für die Opfer des Pogroms zurückwies, indem sie diese Hilfeleistung als ihr eigenstes Recht für sich forderte und reichlich erfüllte. Und dasselbe Leitmotiv spricht aus der ritterlichen Handlungsweise jener Deputation angesehener Polen, die bei der Tranerfeicr für die Opfer des Odessaer Gemetzels in einer Synagoge erschien, einen Kranz mit den polnischen Farben „den Opfern schmachvoller Gewalttat weihend als Hoffnungspsad, daß die Menschen endlich einmal zur Besinnung kommen, einander die Hand reichen und gemeinsam nach dem Ideal und dem Lichte streben werden".

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