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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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39 nur, daß diese Ruhe ärte Stille vor dem Sturm bedeutet; aus Vorbereitungen zum Frieden scheint sie nicht hinzuweisen. - Vielmehr sind unsere Gegner, obgleich sie allesamt unter großen Schwierigkeiten leiden, sowohl materieller als finanzieller Natur, bestrebt, nicht nur die Sicherheit des Sieges für sich zu verbreiten, sondern alles zu tun, um uns in der furchtbarsten Weise zu schädigen. Die Anstrengungen, Griechenland zum Beitritt zur Entente zu zwingen, dauern fort. Die Bemühungen Englands, uns von aller Zufuhr abzuschneiden und dadurch, einen ungeheuren Druck auf die neutralen Mächte, besonders Holland und Schweden, auszuüben, werden mit der größten Hartnäckigkeit fortgesetzt. Wir können nur hoffen, daß alle diese Anstrengungen vergebens sind und daß unsere nahe Verbindung mit dem Orient uns manches verschafft, was die Engländer vom Westen uns abzuschneideu trachten. Für die Zukunft plant England nichts Geringeres als eine völlige Vernichtung des deutschen Handels. Aber wir dürfen vertrauen, daß diese Bemühungen vergeblich sind. Nur freilich läßt sich ein Ende des furchtbaren Ringens gar nicht absehen, und wir müssen uns auf eine viel längere Dauer des Krieges gefaßt machen, als ursprünglich selbst von den schlimmsten Pessimisten erwartet wurde. ,* In dem „Tag" vom 14. Januar finden wir folgenden bemerkensworten Artikel: Vi o ch eini g e s z u -ui £ st erju d e Uprobl e m. Pom Gouverneur v. P u t t k a m e r. In einem früheren Aufsatz habe ich bereits aus die große Bedeutung der Ostjudensrage hingewiesen. Auf Grund zahlreicher mir Angegangener Zuschriften komine ich nochmals auf die Angelegenheit zurück. Nachrichten, die aus Polen zu uns herüberdringen, bestätigen immer inehr, wie wichtig es ist, in den von uns besetzten und verwalteten Gebieten schon jetzt geeignete Maßregeln zum Schutz der dort lebenden nationalen Minoritäten zu treffen: Maßregeln, welche geeignet sind, die praktische Durchführung der beabsichtigten und durch die künftige Verfassung festzusetzenden Sicherungen zu ermöglichen. Der großen Bedeutung dieser besonders im Hinblick aus die jüdische Bevölkerung überaus schwierigen Frage hat die Reichsregierung dadurch Rechnung getragen, daß sie bereits vor längerer Zeit einem bekannten jüdischen Reichstagsabgeordneten das Referat über jüdische Kultus- und Schulangelegenheiten beim Generalgouvernement Warschau anvertraut hat. Es scheint aber dies noch nicht zu genügen; einmal übersteigt die mit der Aufgabe verbundene Arbeit entschieden die Kräfte eines einzelnen: sodann aber kommt außer Kultus- und Schulsachen noch eine ganze Menge anderweiter unendlich wichtiger Dinge in Frage, wie Vereins¬ und allgemeine Wohlfahrtsaugelegenheiten, Beschaffung und Verteilung billiger Lebensmittel, Volkshygiene, Verteilung und Besiedlung von Land, Anlage von Gärten zum Anbau von Gemüse u. dgl. Dies alles und noch manches andere ist nötig, um die Lage der jüdischen Bevölkerung'zu einer erträglichen zu machen, die Leute im Lande festzuhalten und sie kulturell zu heben, und zwar tut Eile not, wenn größtes Unheil verhütet werden soll. Was Warschauer Zeitungen berichten und Privatnachrichten bestätigen, ist nicht allzu erfreulich. Wenn man den Gedanken an -eine etwa mögliche Wiederkehr der Russen, die natürlich ein jüdisches Massengemetzel mit sich bringen würde, nicht ernstlich aufkommen läßt, so hört nian doch vielfach die Ansicht,'daß es speziell den dortigen Juden unter der russischen Herrschaft gerade in Polen wirtschaftlich eigentlich besser -ergangen sei als jetzt. In vielen Gegenden des Landes scheinen die Zustände -allerdings entsetzlich zu sein, insbesondere da Verpflegung und Hygiene nahezu alles zu wünschen übrig lassen. In einzelnen Gegenden ist die Kindersterblichkeit ungeheuer — Kinder unter fünf Jahren sieht man kaum noch. Frauen und Kinder müssen oft 25 Kilometer weit zu Fuß gehen, um in der jüdischen Volksküche der nächsten Stadt eine warme Suppe zu erhalten. Zwar fehlt es nicht an einem Hilfskomitee in Warschau, dem zur Linderung der schlimmsten Not dis jetzt etwa 11 Millionen Rubel (der sogenannte Tatjana- Fonds) zur Verfügung standen, die auch unter der Aufsicht des Erzbischofs von Warschau zur Verteilung gelangt sind. Obwohl aber etwa 2)4 Millionen dieses Betrages von jüdischer Seite ausgebracht wurden, befindet sich doch kein Jude im Kontitee, und nur 150 000 Rubel sind den Juden für Hilfszwecke übergeben worden, was allgemein Erbitterung und Bestürzung erregt hat und auch kaum zu rechtfertigen ist in Anbetracht des Umstandes, daß 15 v. H. der Gesamtbevölkerung Polens Juden sind. Das Schlimmste von allein ist die Unsicherheit der Lage irn allgemeinen. Dies würde sich mit einem Schlage bessern, wenn die Regierung heute schon mit ei nein festen Programm für die Zukunft antreten könnte; das mag jedoch aus politischen Gründen noch nicht möglich sein und entzieht sich jedenfalls der öffentlichen Besprechung. Wie die Tinge liegen, haben die Juden Furcht vor den Polen und noch kein rechtes Vertrauen zur deutschen Regierung. Wie sollte auch dies seit Jahrhunderten geknechtete und geschundene Volk Vertrauen haben! Ri an darf nicht vergessen, daß ein unerhört grausames Schicksal die polnischen Inden zu dem gemacht hat, was sie heute sind - eine geängstigte und gequälte Masse, in der das Ringen um die Existenz vielfach auch eine unerfreuliche moralische Verwilderung hervorgerufen hat. Um hier Wandel zu schaffen, um vor allem Vertrauen herzusiellen, gibt es nur einen Weg. Man sollte nicht nur den Kreis der mit den Verhältnissen und der Eigenart der jüdischen Masse vertrauten Beamten erweitern, sondern auch den umnittelbaren Verkehr mit dein Volk durch Anstellung von Vertrauensmännern auch, in der Provinz und auf dem Lande erleichtern. Ties dürfen natürlich keine Eingeborenen sein, sondern reichsdeut sehe Juden von zuverlässiger Gesinnung, die gleichzeitig aber auch gute Beziehungen tut Lande haben und die Bedürfnisse und den Charakter der Leute kennen, demnach imstande sind, sich auch deren Vertrauen zu gewinnen. Ans diesem Wege, der hier nur angedeutet sein soll, wird es gelingen, einerseits die Schell, vor der Behörde, das angeborene Mißtrauen zll überwinden, anderseits das lästige und zudringliche Ueberlaufen der vielgeplagten Beamten mit kleinen Anfragen und allerhand Lappalien zu verhüten lind somit -menschenwürdige Zustände wenigstens -anzubahnen. i* Im Anschluß daran, sei aus der „National-Zeikung" die nachstehende Notiz mitgeteilt: P o l e rr u n d Inden als Kult u r t r ä g e r s ü r S i b i r i e n. Eine Anordnung des G r o ß f ü r st e n N i k o l a i N i k o l a j e - witsch verbietet den Flüchtlingen aus den westlichen Gouvernements den Aufenthalt und das Betreten des K a u t a s u s. Die Industriellen der kaukasischen Provinzen haben die Anweisung erhalten, in Zukunft keine Arbeiter mehr aus dem westlichen Rußland zu beschäftigen. Durch diese Maßnahme beabsichtigt die russische Regierung, die flüchtigen P o l e n u n d Juden z n r A b - Wanderung nach Sibirien zu zwingen, wo sie bei der Urbarmachung des noch unbebaut liegendeil Landes die Rolle russischer K u l t il r t r ä g e r spielen sollen. * Ueber Polen und Juden hat Paul Nathan im „Berliner Tageblatt" eine sehr bemerkenswerte Ausführung geliefert, die vielleicht in anderem Zusammenhang gewürdigt werden soll. * Der „Frankfurter Zeitung" entnehmen wir die nachstehende Ausführung: N il ß l a n d. Ein Erlaß g e g e n j tt disches S a n i t ä t s p e r s o n a l. Angesichts der begonnenen regiernngsfeindlicheir Militärpropaganda seitens jüdischer Aerzte und Krankenwärter in den Sanitütseisenbahnzügen ist es unbedingt erforderlich solche Maßnahmen zu ergreifen, die nicht nur die revolutionäre Propaganda einstellen, sondern auch von der Wurzel aus jede. Möglichkeit einer Wiederholung dieser Propaganda jüdischer Aerzte und Sanitäter in Zukunft beseitigen würden. Der Hauptchef für Proviant- und Transportangelegeicheiten der südwestlichen Front befiehlt daher: Ilm die verbrecherische Propaganda in den Sani tätseisenbahnzü gen zu beseitigen, dürfen in den Bestand des Personals dieser Züge und der dazugehörenden Anstalten keine jüdischen Aerzte und Krankenwärter ausgenommen werben." K

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