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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-28 · Heft 4 (28.1.1916) · p. Seite 38

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 4 (28.1.1916)
Date
1916-01-28
Page
Seite 38 (sequence 2)
Language
German
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38 wird, als wenn ich es tue. Abgesehen davon, kann ich zurzeit nicht nach Berlin reisen. Sollte die Angelegenheit sich bis zur nächsten Tagung des Landtages hinziehen, so würde ich nach Einvernehmen mit Herrn Geheimen Justizrat Cassel auch selbst im Kultusministerium vorstellig werden. Inzwischen bin ich mit verbindlichster Empfehlung Ihr sehr ergebener . . . ." Auch traf ich mich zu diesem Behuf in Posen mit Herrn Rabbiner Dr. Bamberger aus Schönlanke, der in diesen Dingen sehr versiert ist, und mit Herrn Dr. Neuhaus (Ostrvwo), der gern mein diesbezügliches Streben förderte. Da ich bisher eine Antwort vom Herrn Kultusminister noch nicht erhalten habe, kann ich zunächst Herrn Dr. Scheftelowitz nur recht geben, wenn er verlangt, daß alle großen jüdischen Organisationen sich dieser Angelegenheit mit dem höchsten Eifer annehmen und sie bis zum gewünschten Erfolg durchfechten. Zweifach ist der Schaden, der durch den augenblicklichen Zustand angerichtet lvird. Der jüdische Schüler wie auch sein Religionsunterricht werden von ihm getroffen. Sehen wir uns zuerst einmal den Nachteil des jüdischen Schülers an: Jur Gegensatz zu den christlichen Schülern fehlt ihm bei der Konferenz eine Stimme, die seines Religionslehrers. Während der evangelische und katholische mitstimmt, darf dies der jüdische nicht. So werden also die Schüler ein und derselben Klasse nicht mit dem gleichen Maße der Stimmen geinessen. Das aber ist bedauerlich, weil es zuweilen aus eine einzige Stimme ankommt. Ferner hat der christliche Abiturient durch die Möglichkeit, auch im Fache der Religion geprüft zu werden, die Aussicht, durch ein zu erzielendes „Gut" ein „Mangelhaft" in Physik oder in Geschichte auszugleichen. Diese Aussicht fehlt den jüdischen Abiturienten, da seine Religion nicht zu seinen Prüfungsfächern gehört. Befindet sich im Lehrerkollegium ein oder mehrere Antisemiten, dann hat der jüdische Schüler in der Konferenz nicht den berufenen Schützer gegen antisemitische Angriffe. Wenngleich ich persönlich bisher das Glück hatte, in Anstalten, wo ich bisher unterrichtete/ mit gerecht urteilenden Herren zusammen zu arbeiten, so habe ich doch in meiner Schulzeit, aus jüdischen Zeitungen und aus Gesprächen mit Schülern anderer Anstalten erfahren, was ein antisemitischer Lehrer vermag. Gerade darum ist es notwendig, so vorurteilsfrei auch viele Direktoren und Klassenleiter sind, daß in der Konferenz auch der jüdische Religionslehrer sitzt. Durch seine Anwesenheit dürfte sich mancher antisemitische Lehrer gezwungen sehen, Selbstzucht zu üben und sein Urteil nur nach den Leistungen und nicht nach dem Zufall der Geburt zu bestimmen. Mit Ausnahme der Großstädte, wo „Religionslehrer" den Unterricht erteilen, wird in Mittel- und Kleingemeinden vom Ortsrabbiner Religion gegeben. Da kommt es vor, daß ein Rabbiner in der Woche — ich erlaube mir meine eigene Tätigkeit anzuführen — 18 Stunden, und zur Zeit der Mädchencinsegnung noch zwei mehr, also 20 Stunden, unterrichten muß. Sv gibt er im Nebenamt ebensoviel Stunden wie ein Oberlehrer im Hauptamt. Ist er auch noch so sehr mit Lust und Liebe beim Unterrichten, so muß er gar bald schmerzlich wahrnehmen, daß ihm wenig Zeit übrigbleibt, um seine rabbinischen Studien fortzusetzen und so sich selbst weiterzubilden. Bedenkt man, daß die Tätigkeit eines Rabbiners nicht nur in der Predigt liegt, deren Vorbereitung ein gewissenhafter Prediger sehr ernst nimmt, sondern noch in unzähligen anderen Dingen, von denen der Laie gar keine Vorstellung hat, weil ein gewisser Teil der zeitraubenden Seelsorge geräuschlos behandelt werden will, so wird man zugeben müssen, daß sich der Rabbiner die Zeit geradezu rauben muß, um für sich persönlich zu arbeiten. Aber gerade die anstrengende rabbinische Tätigkeit macht es oft zur Folge, daß der Rabbiner aus dienstlichen Gründen (Beerdigung, Trauung usw.) den Unterricht ausfallen lassen muß. Daher muß auch nach dieser Richtung hin ein Wandel eintreten. Der jüdische Religionsunterricht muß vollkommen dem christlichen gleichgestellt werden. Demgemäß hätte der Staat die Pflicht, selber jüdische Religionslehrer anzustellen. Diese müßten ein Triennium an der Universität und ein Studium von zehn Semestern an einer der bestehenden theologischen Anstalten mit abschließendem Religionslehrerexamen Nachweisen und den Titel „Oberlehrer" führen wie bei den Katholiken. So wäre auch ein jeder Rabbiner eo ipso Oberlehrer im Fach der Religion (in Oesterreich erhalten die Rabbiner, die Religionsunterricht erteilen, den Titel „Professor") und könnte sich ausschließlich dem Lehrfach widmen und sich als „Oberlehrer" anstellen lassen, wenn er merkt, daß ihm das Unterrichten mehr liegt als die Seelsorge. Unter solchen Voraussetzungen würden auch die allerorten laut werdenden Klagen über mangelhafte Erfolge des Religionsunterrichtes verstummen. Man würde dann nicht mehr in der Zwangslage sein, vier Klassen zu einer Stufe zu vereinigen. Ich höre schon den Einwand, daß in manchen Anstalten sehr wenig jüdische Schüler sind, für die der Staat keinen besonderen „Oberlehrer" anstellen würde. In diesem Falle, wo naturgemäß die Anzahl der Stunden eine geringe ist, könnte wie bisher der Rabbiner den Unterricht übernehmen. Oder es müßte ein „Oberlehrer" angestellt werden, der an dieser und gleichzeitig an der Nachbaranstalt unterrichtet. Diese rein technischen Fragen sind ja schließlich eine euru posterior und finden eine rasche Lösung, so man nur ini Prinzip die Gleichberechtigung auch auf die Schule zu übertragen sich entschließen möchte. Die Gleichberechtigung auch in dieser Beziehung zu erlangen, muß aber gerade heute unser eifrigstes Bestreben sein. Schon jetzt müssen wir darum alles versuchen, um den augenblicklichen unhaltbaren Zuständen ein rasches Ende zu bereiten. Die Opfer, die wir Juden in so großer Zahl unserem geliebten deutschen Vaterland gebracht haben und bringen, sie geben uns ein Recht, lauter denn je den Ruf nach Gleichheit zu erheben. Sie Woche. Berlin, den 25. Januar 1916. ie Freude über die Unterwerfung Montenegros, die namentlich bei den Oesterreichern sehr lebhaft ist, weil diese sich rühmen können, den ersten Feind zum Frieden gezwungen zu haben, soll uns von unseren Gegnern gründlich vergällt werden. Sie üben dabei freilich ihre altbewährte Taktik, die darin besteht, alle unsere Eroberungen, alle unsere Erfolge als unbedeutend und kleinlich zu bezeichnen. Sie haben das Märchen ausgesprochen, daß die Verhandlungen abgebrochen sind und daß der König von Montenegro mit den Seinen nach Italien geflüchtet sei. Dieses Gerücht ist, wie es scheint, begründet; freilich macht auch die Entwaffnung Schwierigkeiten, so daß die Angelegenheit sich etwas in die Länge ziehen wird. Auch sonst ist nichts Wesentliches von den, Kriegsschauplätzen zu berichten. Die furchtbare Schlacht an der beßarabischen Front hatte vor einigen Tagen aufs neue begonnen, ist aber, wie es scheint, in Rücksicht aus die ungeheuren Verluste, welche die Russen erlitten haben, zum Stillstände gelangt. Auch in Italien herrscht verhältnismäßig Ruhe. Vom Westen und von dem Kriegsschauplätze im Nordosten Rußlands hört man nicht das geringste. Man vermutet

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