Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Fräulein Henriette Hirs ch b e r g nin 10. d. M. auf dem Friedhof in Weißensee zur elvigen Ruhe -bestattet. Die Heimgegangene, die eine gebildete, treue unb begeisterte Jüdin im wahrsten Sinne des Wortes war, hat es verdient, daß ihrer an dieser Stelle ehrend gedacht wird. Mit ihr ist eine der edelsten und strebsamsten Frauen, die uns je im Lebern begegnet sind, für innner von dannen geschieden. Aus ihrem arbeitsreichen Leben sei hier folgendes mitgeteilt: Henriette Hirschberg, geboren IO. Juni 1851 zu Wreschen (Provinz Posen), besuchte in ihrer Vaterstadt die jüdische Climentar- und eine sogenannte höhere Töchterschule, welche sie jedoch schon mit dem dreizehnten Lebensjahr verließ, um im elterlichen Ges-ck)äfte (einer Buchhandlung) tätig und bei der Erziehung ihrer drei jüngeren Brüder behilflich sein zu könum. Sie arbeitete aber unausgesetzt an ihrer weiteren Ausbildung, so daß sie ohne jede Nachhilfe imstande war, im Alter von 21 Jahrein vor der Schulbehörde in Posen das Lehrerinneneramen glänzend zu bestehen. Sie erhielt bald daraus die Konzession zur Errichtung einer Privatmüdchenschule in Wreschen, und haben ihr ihre vielen Schülerinnen bis zuletzt große Dankbarkeit und Verehrung bewahrt. Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zog sie mit , den Eltern nach Berlin, wo sie längere Zeit als Lehrerin an der städtischen Elementarschule iu der Wassertorstraße wirkte. Allagen leidend, kam sie ans die Idee, sich durch reichlichen Zuckergen.uß nach jeder Ata Istzeit, zu kurieren, was ihr auch gelang. Sie wandte den Zucker iu Pudersorm auch äußerlich mit Erfolg gegen Wunden au und ließ drei streng wissenschaftlich ausgearbeitete Werke ans diesem Gebiete erscheinen: „Der Zucker", Eostenoble, Jena; „Der Zucker als Nahrungs- und Heilmittel", Steinitz, Berlin, und „Die Zuckerration des Soldaten", Brieger, Berlin. Für das letztere erhielt sie Anerkennungsschreiben aus dem Kabinett S. All. des Kaisers, vom preußischen Kriegsministerium und von verschiedenen Generalkommandos usw. Ter Genuß voll Zucker wurde infolgedessen vielfach als ständige Ration, besonders bei Atnrschen, vorn Militär eingeführt. Auch von vielen Aerzten und in Lazaretten des In- und Allslandes wurde der Zucker zur Heilung angewandt. Sie hat sich auch vielfach als Mitarbeiterin an der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" betätigt und namentlich da ihr auch eine stark poetische Gabe verliehen war, viele inhaltreiche Gedichte in unserer Zeitung veröffentlicht. Ihr letztes Gedicht „Ehannka 1915" erschien in Nr. 49 des vorigen Jahrganges. Ein schönes Gedicht „Wo ist Wahrheit?" ist in den: soeben zur Ausgabe gelaugten Jahrbuch (1916) des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland erschienen. Ehre ihren! Andenken? 22 Berlin, 18. Januar. Tie Ortsgruppe Berlin des I ü d i - s ch er: Frauenbundes hielt am 6.. d. M. in dem zweiten Verwaltungsgebäude der Jüdischen Gemeinde, Berlin, Rosenstraße 2/4, eine Kriegsversarnmlung ab. Die beiden Vorsitzenden, Frau Siddy Wronsky und Frau Henriette May, gaben einen ausführlichen Bericht über die während der Kriegszeit geleistete Arbeit, die sich einerseits auf die Fortführung der Jllgendpslege im Klubheim des Bundes, Rosenthaler Straße 40/41, erstreckte, andererseits aber neue Tätigkeitsgebiete ausgenommen hat. Die Erkenntnis von dern Wert einer vertieften Jugendfürsorge gerade in den Zeiten-, in denen die erlverbskätige weibliche Jugend unter wirtschaftlicher und sozialer Not leiden mußte, hatte eine vermehrte Persönliche Beratung und Anleitung zur Folge gehabt. Im Anschluß daran war auch die Fürsorge für außerhalb des Mädchenklubs stehende, in Not geratene junge Mädchen -übernommenworden. Ein Wohnheim mit 10 Betten hatte den Klubräumen angegliedert werden können. Die Mitarbeit an der sozialen Krankenhausfürsorge ist mit den zuständigen Stellen beschlossen worden. Eine intensive Tätigkeit erforderte die Mitarbeit im Nationalen Frauendienst Berlin, dem von Kriegsbeginn an die Wohn räume des Mädchenklubs als Bureau zur Verfügung gestellt wurden und in dem eine Reihe von Mitgliedern des Jüdischen Frauenbundes zum Teil in leitender Stellung seit 18 Monaten tätig ist. Die aufklärende Mitarbeit in der Ernährungsrage wurde durch zwei größere Versammlungen in Verbindung mit der Kriegshi lfskommission der Jüdischen Gemeinde, Abteilung für Frauen- und Jugendfürsorge, und in einem Erörterungsabend in den Klubräumen geleistet. Der Frauenbund wurde ferner zur Mitarbeit an der statistischen Zusammenstellung des Bureaus der Statistik der Inden zur Feststellung der jüdischen Kriegsteilnehmer aufgefordert, ebenso ist der Ortsgruppe Berlin vom Hauptvorstand des Jüdischen Frauenbundes eine Statistik über die Kriegsarbeit der jüdischen Frau übertragen worden. Die Kosten und Leitung eines der 23 Abendheime in Groß-Berlin sind von der Ortsgruppe übernommen worden; intensive Mitarbeit im Hausbienst,ausschuß und für die Kriegsspende Deutscher Frauendank 1915 ist im Gange. Zur Lösung all dieser Aufgaben bedarf es aber einer weit größeren Anzahl von Kräften als die Zahl der Mitarbeiterinnen, über die der I. F. B. zurzeit verfügt. Es wurde darum an die Anwesenden die dringende Bitte gerichtet, sich in noch größerem Umfange an den zu leistenden Ausgaben zu beteiligen und vor allen Dingen in ihren Kreisen für die Meldung neuer jüdischer Frauen zur Mttarbeit zu werben, wobei zu betonen ist, daß im I. F. B. die verschiedensten religiösen Richtungen vertreten sind, sofern sie dein Judentum Interesse entgegenbringen. Im Schlußwort gab die Vorsitzende einen Ausblick in die Zukunft der jüdischen Frau, deren Mitarbeit diesmal nicht abgewiesen oder nur geduldet, sondern überall mit großer Freude begrüßt wurde. Der feste Halt, den sie dadurch bekommen hat, soll in ihr die Verpftchtun-g izu neuer! Aufgaben erwecken, die auf eine Vertiefung der inneren Kultur hinwirken und sie auf diese Weise befähigen sollen, Jukuuftswerte von Bedeutungzu schaffen für die Zeit nach den! Kriege. Die Versammlung folgte mit sichtlichem Interesse den Ausführungen -und erklärte sich zur Mitarbeit bereit. Meldungen sind au die Vorsitzende, Frau Wronsky, Barbarossastraße 60, zu richten. Berlin, 18. Januar. Das Eiserne Kreuz zweiter Klasse erhielten: Unteroffizier Rechtsanwalt Dr. Konrad Gutmann; Landstnrmmann Siegfried Selbiger: Ersatzreservist Justus Goldin a n n; Assistenzarzt Hermann Elias, Sohn des Oberlehrers Professor Dr. Elias; Reservist Otto Lazarus, Baumeister im Hause Rudolf M v s se; Vizefeldwebel Moritz G a r b a t h, Sohn des Fabrikbesitzers Herrn Joseph Garbäth (Pankow); die Brüder Oberapotheker Dr. S. Bernhardt und Dr. med. Hugo Bernhardt; Unteroffizier August K ü ch l e r (Groß-Berlin). Die gleiche Auszeichnung erhielten: Offizierstellvertreter Martin Levy (Zachan i. Pomm.); Diplomingenieur Unteroffizier d. L. Bruno S t e r n berg (Magdeburg); Zahnarzt Max Rosen (Schlawe i. P.); Gefreiter Louis Radom i n s k i (Schwerin a. d. W.); Rechtsanwalt Louis W i l k (Thorn), der kurz darauf zum preußischen Offizier befördert uutrbe; Vizefeldwebel und Offizieraspirant Heinrich Kehr (Worms); Unterossizier Julius M o s b a ch (Iserlohn); Gefreiter Walter S t e r n b e r g , Ofsizierstellvertreter Rechtsanwalt Dr. Erich Salfeld, Ingenieur Siegfried S i m o n > Rechtsanwalt Dr. Alfred Stern nnd Raphael R v s e nb e r g (Frankfurt a. M.); Fabrikbesitzer Georg . L o e lv y (Rawitsch): Veterinär Gustav Lindemeyer (Hamm i. Wests.); Kriegsfreiwilliger Gefreiter Otto M a r x (Heidelberg). — Königsberg, 14. Januar. Ans Anlaß des 50jährigen Bestehens der R e l-i g i o n s u n t e r r i ch t s a n st a l te n der hiesigen Synagogengemeinde fand am Sonnabendvormittag ein Festgottesdienst statt. Rabbiner Dr. Vogelstein hielt die Festpredigt, ans der folgendes herborgehoben sei: Es ist jetzt nicht die Zeit, Feste zu feiern, und doch haben wir ein Recht darauf, uns in der Stille eines Erfolges zu freuen, voll Dankbarkeit in die Vergangenheit, voll Mut und Zuversicht in die Zukunft zu schauen. Heute sind es 50 Jahre, seit großzügige Männer es sich zur Lebensaufgabe machten, die Kinder in der Lehre unserer Väter zu unterweisen, nnd wir gedenken mit Stolz all derer, die sich verdienstvoll an dem Ausbau und an dem Ausbau der Unterrichtsanstalten betätigten. Es ist seit fernsten Tagen das vornehmste Kulturgebot des Judentums gewesen, das Wissen zu fördern, denn Wissen, führt zur Erkenntnis und wahre Erkenntnis zum wahren Glauben. Das Wort „Schulpflicht" mutet uns so modern an, und doch hat es schon vor der Zerstörung des Zweiten Tempels im Judentum ein dahingehendes Gesetz gegeben. Unsere Zukunft ist die Heranwachsende Generation. Darum sollen wir sie den echten Wert des Lebens lehren, die Wurzel des Guten m ihre jungen Herzen pflanzen nnd sie pflegen, daß sie ihnen und der Menschheit ein bleibender Gewinn sei. Dazu berufe man Lehrer, die dieser hohen Ausgabe würdig sind. Die gewaltige Zeit, in der wir leben, mahnt die Eltern, sie nicht ungenutzt vorüberziehen zu lassen. Der Krieg und der siegreiche Friede, den wir erhoffen und erflehen, werden ein Segen für unser geliebtes Vaterland, für das so viele -aus unserer Mitte ihr Leben gaben. Mit dem Gesänge „Alles, was Oden! hat, lobe den Herrn!" fand die erhebende Feier ihren Abschluß.