Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · p. Seite 36

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 36 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229236--71946-3284359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

56 Heinrich eine starke Leidenschaft, so das; dieser seine Verlobung mit einem hübschen blonden Mädchen, Hannchen v. Acühlensieven, anslöst, nach Brasilien in Geschäften reist nnd dort den Tod findet. Tas ist, wenn man sie in dürren Worten erzählt, die ganze Handlung. Aber die Hauptsache in diesem Roman, wie in so vielen ähnlichen Erzeugnissen der Neuzeit, ist nicht die eigentliche Erzählung, auf die wir übrigens noch mit einigen Worten zurückkommen, nicht das Was, sondern das Wie. Und da muß man sagen: die Art, wie hier die Statur und das alte Potsdam vorgeführt werden, ist geradezu köstlich. Und bei der Darstellung der einzelnen Menschen: der jungen Adligen, die den Bekanntenkreis -Heinrich Schöns bilden, eines alten Professors, wenn dieser Gymnasiallehrertypus auch etwas verbraucht genannt lverden muß, der Eltern des Jnngsräuleins -Hannchen, eines etwas morosen verabschiedeten Geheimrats und seiner adelsstolzen kirchlichb-fronunen Gattin, herrscht ein so starker Humor, das; er zwar nicht zu lautem Lachen, aber zu jenem behaglichen Schmunzeln sortreisit, wie es für die poetische Schilderung der B;edermeierze i t pa s; t. Nur mit der Psychologie des Autors kann ich mich nicht einverstanden erklären. Das; Antonie, dieses leben- und geistsprühende junge Weib, dessen Sinne noch nicht erwacht sind, in der Ehe mit einem ältere;;, vertrockneten, nur in seinen Geschäften lebende;; Manne keine Befriedigung findet, sei ohne weiteres zugegeben. Das; sie ferner in den; sowohl dem Alter nach ihr nahestehenden als geistig mit ihr verwandten Stiefsohn stürmische Gefühle erweckt und sich selbst ihm leidenschaftlich zuneigt, das; sie aber, nach eine;;; glutvollen Nachmittag, in den; die beiderseitige Leidenschaft geweckt und teilweise befriedigt wird —- aber nur teilweise — nicht geneigt ist, eine Don-Earlos-Tragvdie aufzuführen, obgleich diese Anspielungen auf Don Earlos ein biszcheu allzuzahl reich das ganze Werk durchziehen, ist selbstverständlich. Aber es erscheint uns absolut unmöglich, das; diese reine und vornehme Frau schließlich nach Heinrichs Entfernung mit einem seiner jugendlichen Genossen, einen; Herrn v. Maltitz, durchgeht, mit dem sie keine seelische Gemeinschaft fühlt, nnd es ist uns ebensowenig begreiflich, lvie sie es über sich gewinnen kann, die jäh erlvachte Sinnenlnst gerade mit diesem Durchschnittsmenschen zu befriedigen. Man könnte es verstehen, daß sie. ihres Irrtums und ihrer Verfehlung innegeworden, durch Selbstmord endet, aber man kann sich nicht denken, das; die stolze nnd dabei doch sehr kluge Antonie gefestete Verhältnisse so schnell verläßt und zu einer Dirne herabsinkt; denn das bleibt ja für jeden klar, daß ein Mensch lvie dieser Maltitz seine Karriere doch höher schätzt als das Zusammenleben mit einer hübschen Frau, die über keine materiellen Mittel verfügt, das; er sie ebensoschnell ansgibt, wie er sie gewonnen hat, und das; Antonie, der eine Rückkehr zu dem verlassenen Gatten ebenso unmöglich ist lvie in das ärmliche Elternhaus, von Stufe zu Stufe sinken, von einer Hand in die andere übergehen muß. Wenn lvir an dieser Stelle dieses spannende, trotz seiner dürftigen Handlung fesselnde und aufregende, auch künstlerisch nicht unreife Buch, in den; wir eher einen Fortschritt als einen Niedergang des Dichters sehen möchte;;, besprechen, so geschieht es nicht bloß deshalb, weil die Helden Heinrich und Antonie und die leidende Persönlichkeit: Eduard Schön Inden oder getaufte Inden sind, sondern weil nach unterer Meinung das jüdische Bewußtsein in dem Roman zu starken; Ausdrucke kommt. Schon in den; Gebert- Iacobhschen Doppelroman konnte man eine Verteidigung der These erblicken: das jüdische Element verträgt sich trotz aller Sehnsucht nach dem Aufgehei; in eine andere Welt nicht mit den; Christentum. In jenem Roman fand Iettchen, abgestoßen von dem plumpen, reinjüdischen jungen Iacoby, in der Verbindung mit dem halb genialen christlichen Hauslehrer Kößling nicht die erhoffte Befriedigung nnd sehnt sich nach ihrem Onkel Jason Gebert zurück. Als Gegenbild dazu;nöchte in unseren; Roman der Vorgang erscheinen: Heinrich Schön, trotz aller Verliebtheit in das blonde germanische Hannchen, die übrigens eine geistig höchst minderwertige, klatschsüchtige und kleinliche junge Dame ist, kann es bei ihr nur solange aushalten, bis ihn; Antonie, Geist aus seinem Geist und Blut von seinem Blut, entgegentritt. Mit anderen Worten: der Jude, ob er nun äußerlich dein Judentum noch angehöre oder das Christentum angenommen, fühlt sich nur glücklich in der Verbindung mit seinesgleichen. Ich will nicht sagen, das; diese These wirklich richtig ist, auch nicht, daß sie durch den Verfasser irgendwie bewiesen worden ist, aber ich möchte meinen, daß sie im Hintergründe des Bewußtseins des Dichters geschwebt hat. Gerade wegen dieses Umstandes möchte ich das Werk, das ich weder als künstlerische Großtat trotz seiner unleugbaren Borzüge Preisen, noch viel weniger aber als gewöhnliches Lesefntter zu verdammen geneigt bin, den Lesern dieser Zeitung war;;; empfehlen. L. G. Bprrdjfaal. A u d i e deutschen Jude n! Der Krieg hat das deutsche Vaterland, von dem Einfall der Russen in Ostpreußen abgesehen, nur in Elsaß-Lothringen unmittelbar in Mitleidenschaft gezogen. Hier sind die .Kriegsschäden jedoch beträchtlicher Art nnd in ihrem ganzen Umsang heute noch nicht zu übersehen. Unter den in Elsaß-Lothringen durch den Krieg Geschädigten befindet sich auch eine Reihe unserer Glaubensgenossen, bei denen dringend augenblickliche Hilfe not tut. Eine Anzahl ist als Geiseln nach Frankreich verschleppt worden. Eine rivch größere Zahl hat unter dem Zwange der T Z ‘ " Hans und Hof verlassen urüssen und sieht sich, eigenen Vermögens bar, auf Unterstützung aus öffentlichen und Privaten Mitteln angewiesen. Bei anderen ist Hab und Gut unmittelbar durch den Krieg vernichtet worden. Die im Sperr- und Operationsgebiet erlassenen Vorschriften, durch die der Verkehr von Ort zu Ort verboten ist, haben eine große Anzahl Gewerbetreibender, lvie Hausierer, Makler und Angehörige ähnlicher Berufe, der Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu erwerben, beraubt. So sieht man jetzt viele Hunderte unserer Glaubensgeuvsser; in Elsaß- Lothringen in der dringendsten N-otlage. Es ist eine Ehrenpflicht derjenigen, die nicht unmittelbar unter der Not des Krieges zu leiden haben, ihre;; bedrängten Glaubensgenossen zu Hilfe zu konuuen. Unter dein Vorsitz des Herrn Staatssekretärs für Elsaß-Lothringen besteht ein Ausschuß, der sich die Beseitigung der Kriegsschäden in Elsaß-Lothringen ohne konfessionelle Rücksichtnahme zur Ausgabe gemacht hat. Dieser Kriegsspende sind aus Alkdeutschland erhebliche Mittel, insgesamt bis jetzt etwa 2% Millionen Mark, zngeflossen. Unter den Beträgen befindet sich eine besonders reiche Spende der evangelische;; Glaubensgemeinschaften, die durch Veranstaltung einer Kirchenkollekte in allen Gemeinden Altdeutschlands einen Betrag von 40t) Wb Akk. erzielten, von denen ein Drittel der elsaß-lothringischen Kriegsspende überwiesen wurde, zwei Drittel für besondere konfessionelle Zwecke verwendet werden. In ähnlicher Weise bereiten die Katholiken für ganz Deutschland eine Kirchenkollekte zugunsten der Kriegsgeschädigken in Elsaß-Lothringen vor. De;n Beispiele der Protestantischen und katholischen Volksgenossen folgend, wenden lvir uns an unsere Glaubensgenossen mit der Bitte um Hilfe. Bon den eingehenden Geldern soll ein noch näher zu best; nuneuder Bruchteil gleichfalls der allgemeinen Kriegsspende zur interkonfessionellen Verwendung zugeführt werden. Der größere Teil ist für unsere besonders hilfsbedürftigen Glaubensgenossen in E lsaß-Loth ringen besti mmt. In Elsaß-Lothringen sind bisher etwa 30 000 M. gesammelt worden. Dies genügt aber nicht zur Deckung der Bedürfnisse, die, auch nur für die Zeit bis zum -Frühjahr 1916, auf mindestens 150 (XX) M. zu veranschlagen sind. Wir wenden uns daher an die oft bewährte Mildtätigkeit unserer Glaubensgenossen im Reiche und bitten, der „Indischen Kriegssürsorge für Elsaß-Lothringen" reiche Spenden zuzuführen. Der Bedarf an Mitteln ist groß und wächst täglich, lieber die eingehenden Gelder erfolgt öffentliche Empsangsanzeige. Jüdische Kriegs)ü rs o r g e für Elsaß-Lot h ringen: Rechtsanwalt Dr. Weil, Vorsitzender. Justizrat Dr. Schmoll, Präs. d. isr. Konstst. d. Unterelsaß, stellvertr. Vorsitzender. Handelsrichter Direktor Levy, Schatzmeister. Kaufmann Epstein, Schriftführer. Folgen ferner die Unterschriften des Verbandes der Deutschen Juden, des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, des Hilssvereins der Deutschen Juden, des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.