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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · p. Seite 34

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 34 (sequence 10)
Language
German
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Es war drollig, zu sehen, wie der 14jährige Knabe ernst und würdevoll ins Zimmer trat, Umschau hielt und ehrfurchtsvoll, aber freundlich Frau Udele begrüßte. Immer empfing ihn die Alte mit den Worten: „Gut Schabbes, lieber Wolfele." Und Wolfele erwiderte mit komischer Geberde: „Gut Schabbes, Frau Udele." Dann faltete er seine Hände und begann die allen Melodien anzustimmen, womit man die Braut Sabbat begrüßt. Er betete laut mit klangvoller Stimme. Hierauf begab sich die Hausfrau nach der Küche. Bei Tisch ißt Frau Udele wenig, um so mehr aber quält sie ihren Schützling, damit er esse. „Hier, mein Söhnchen, iß dich doch satt. Noch diesen Hühnerslügel und noch etwas Reis." Er nimmt von allem. Nach dem Abendbrot betet und singt er wieder. Die Matrone erwartet alles schön -und geduldig. Nach ausgehobener Tafel, gleichsam zum Nachtisch, nimmt sie den Brief hervor. Das ist am Sabbat ihre höchste Freude. „Wir wollen ihn lesen, lieber Wolfele," bittet sie den Knaben. Sie übergibt ihm den Brief, glättet ihn sorgfältig, und er fängt zu lesen an: „Meine liebe, gute Mutter zu 120 Jahr . . ." „Aber nicht doch, lieber Wolfele," lächelt Frau Udele. Ihr Herz ist voll Glückseligkeit, aber sie tut so, als wenn sie ihrem Gaste nicht trauen und er ihr etwas vvrmachen würde. „Im Brief steht gewiß nur zu 100 Jahr ... 120 Jahre sind zuviel." „120 Jahre sind nicht zuviel," sagt Wolfele, der an den morgigen Tag denkt und mit weiser Voraussicht auf alle die köstlichen Speisen kalkuliert, die ihm von der Alten vorgesetzt werden sollen. Er wird sich wohl hüten, zu sagen, daß 120 Jahre etwas zuviel seien. Sie schüttelt den Kopf und flüstert: „Ja, lieber Wolfele, ich will es nur verraten. Für die Leute bin ich jetzt 70 Jahre alt, aber in Wirklichkeit habe ich 10 Jahre unterschlagen. Wenn also mein lieber Sohn Szrole zu diesen 70 Jahren noch 50 Jahre wünscht, dann wünscht er mir nicht 120, sondern 1-30 Jahr, denn dazu kommen noch die 10 Jahre, wovon er nichts weiß." In ihrem einfachen, schuldlosen Leben war dies die einzige Lüge, daß sie 10 Jahre verborgen hatte. Wie die meisten alten Leute, wollte sie sehr alt werden, aber vor den Menschen gab sie sich jünger aus. „Na, wenn cs dort in dem Brief meines Sohnes wirklich so stcht, zu 120 Jahr, so läßt sich daran nicht zweifeln. Was geschrieben ist, ist geschrieben. Was ist das doch für ein Sohn! Was hat er doch für ein Gemüt und Herz! O Wolfele, was ist das für ein Brief! Wie schön schreibt er, und schöner schreibt nicht einmal der Rabbiner von Preßburg." Wolfele dachte bei sich, daß dieser Titel gerade nicht die notwendige Befähigung eines Briefschreibers sei. Eine solche freundliche Anrede kann sich jeder leisten. Aber aus Gründen der Zweckmäßigkeit unterdrückte er natürlich seine Meinung und verriet nicht mit einem Wimperzucken, daß er die mütterliche Begeisterung ein wenig übertrieben finde. Im Gegenteil, er tat so, als wenn er durchaus derselben Ansicht sei, und echote: „O, was für ein Brief! Das ist ein Brief!" „Lies weiter, Wolfele, lies weiter," flehte das Mütterchen. Und er las andächtig wie im Gebet, dann aber schnurrte er den ganzen Brief herunter, als wenn er im Bethamidrasch wäre. Sie faltete die Hände: „Höre mal, Wolfele, überspringe nichts. Das geht nicht!" Er nahm sich zusammen und betonte kräftiger die einzelnen Sätze. Seine Stimme wuchs immer mehr, und augenscheinlich war Frau Udele nun mit ihm zufrieden. Sie sog förmlich die Musik der Worte in sich und hätte noch bis zum frühen Morgen | zugehört. Und als endlich der Vorleser den langen Brief beendet hatte, zuckte sie zusammen und fragte stotternd: „Nur so wenig? Ach bitte, sieh doch einmal nach. Vielleicht hast du etwas übersprungen." „Ich habe ihn wörtlich vorgelesen, Tante Udele. Ach ja, hier ist ja auch noch eine Nachschrift." „Was steht denn dort?" fragte sie und lächelte wieder heiter. „Also hören Sie: Geliebte Mutter! Diese Woche ist mir eine große Ehre zuteil geworden. Die Akademie hat mich zu ihrem korrespondierenden Mitglied gewählt. Ich glaube, daß ich Dir mit dieser Nachricht Freude bereite, deshalb schreibe ich sie Dir. Sie blickte voll Spannung auf Wolfele, denn eme gewisse Fremdartigkeit störte ihre Stimmung. Ihr Sohn schreibt ihr, daß sie sich jetzt freuen müsse, und sie weiß nicht worüber. Wenn er ihr mitgeteilt hätte, daß er gesund sei, dann wüßte sie, warum sie sich freuen soll. Wenn er ihr geschrieben hätte, daß er bald nach Hause kommen würde, so hätte ihn ihr mütterliches Herz verstanden, aber das verstand sie nicht. Was ist darin für eine Ehre und welches Glück? Was soll das bedeuten, daß sie ihn in der Akademie zum korrespondierenden Mitglied gewählt haben? Was ist denn Akademie? Warum korrespondiert er für die Akademie? Leise, verwirrt und unruhig fragt sie dann auch: „Steht das Wort „Akademie" wirklich in dem Brief? Was ist das Wolfele?" Er wußte es auch nicht genau und war verlegen. Was soll er sagen? Was ist Akademie? Er legte seine Stirne in Falten und dachte nach, denn auf diese Frage mllß er antworten. Seine Autorität stand auf dem Spiel, wenn er keinen Bescheid wußte. Auf seinem Antlitz perlte der Schweiß, denn mit zusammengekrampftem Herzen ahnte er, daß der Respekt vor ihm jetzt bald schwinden müsse. Dann, Sabbatlcckerbissen lebt wohl! Verzweifelt rief er daher aus: „Die Akademie ist die Schasz Chevreh. Das Antlitz der alten Frau erheitert sich. „So? Also ist die Akademie ein Schasz Chevre?" Und sieh, wie oft haben die schlechten Menschen ihr Kummer bereitet, indem sie ihr erzählten, daß ihr Sohn Szrole den: Talmud den Rücken gekehrt und sich mit fremden Wissenschaften abgebe! Sie haben die Unwahrheit gesagt. Ja, sie war immer überzeugt davon, daß sie logen. Denn ihr Sohn konnte dem Talmud nicht untreu werden. Sie wußte es, sie hat es immer gewußt. Hätte ihn denn die Akademie gewählt, wenn er dein Talmud abspenstig geworden wäre? Denn wen wählt die Akademie? Die Akademie wählt nur einen echten Talmudgelehrten! Spaß, ist Szrole ein großer Talmudgelehrter! So saß sie nun und schwieg und grübelte und sann nach. In diesem Augenblick schien sie wie in einem alten Gebetbuch eine gepreßte Blume. Auf ihrem gelben Antlitz spiegelte sich die Freude wider. Doch plötzlich zuckte sie zusammen, denn aufs neue benrächtigte der Zweifel sich ihrer Seele. „Und das Rabbinatsdiplom? Hat er schon das Rabbinatsdiplom?" Daß er dasselbe sich erworben hätte, darüber hatte er ihr bisher nichts geschrieben. Wolfele beruhigte sie. „Die Morene? Nn na. Ohne die Morene wird ihn die Akademie wählen!" Das ist logisch, und die Mutter beruhigt sich. Aber jetzt scheint ihr die Auszeichnung für ihn noch zu gering zu sein. „Als was hat man ihn gewählt?" fragte sie erregt. „Zmn korrespondierenden Mitglied." „Warum nicht zum Gabbe? Man hätte ihn doch wirklich auch zum Gabbe wählen können." h Ein Talmudvcrein.

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