Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 33 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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33 Den Pogrom veranstalteten die Russen in Stry am Tage, bevor sie zum dritten- und letztenmal die Stadt verließen: Dutzende von Wagen, beladen mit jüdischem Hab und Gut, i gingen an jenem Tage nach Rußland. Den Wagen folgten die j zwölf angesehensten Familienväter der Stadt — das Rabbinat von Stry. Was aus diesen zwölf Männern geworden ist, weiß man nicht. Man hat sie nicht mehr gesehen und bis zum heutigen Tage nichts mehr von ihnen gehört. Die Russen haben Stry verlassen am Montag, um 9 Uhr vormittags. Um 1 Uhr kam die erste deutsche Patrouille in die Stadt. Man kann sich leicht vorstellen, welch große Freude die Spitzhelme der deutschen Soldaten bei der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen haben. Man trug ihnen allerlei Gerichte und Gebäck entgegen, man tanzte um sie her, und man trug sie auf Händen. Gestört wurde diese Freude an jenem Tage durch mehrere Unglücksfälle, von denen jüdische Frauen itnb Binder betroffen wurden. Generäl Andrejew, der russische Kommandant, war der letzte Russe, der die Stadt verließ. Das wußten die Deutschen, und während sie noch hinter der Stadt standen, beschossen sie die polnische Sparkasse, in welcher der russische Generalstab wohnte. Russen wurden aber von den deutschen Kugeln nicht getroffen, dagegen wurden einige jüdische Frauen getötet und viele jüdische Kinder „Fängt man schon an, Stry wieder aufzubauen?" fragte der Reporter, als Fräulein Hvrowitz erzählt hatte, daß der Bahnhof und alle umliegenden Häuser zusammengeschossen worden seien. „Es fehlt an Baumaterial," lautete die Antwort. „Und wovon leben die Juden?" war die nächste Frage. „Sie leben in Wirklichkeit nicht," war die Antwort. 3W&2& Ädkle bekommt einen Brief. Bon Pete r U j v ä r i. Einzig berechtigte Nebersetzllug aus dem Alagynrischen. Bon Dr. A d o l p h K o h it t. 3ch habe schon viele anmutige Matronen kennengelernt, aber keine, die so anziehend wie die alte Frau Udele war. Die Spuren ihrer einstigen berückenden Schönheit waren noch sichtbar, obschon die Zeit längst Furchen in ihr Antlitz gezogen hatte. Ihre Schwermut prägte sich nur auf ihrer Stirn aus. Sie wohnte allein in einem engen, niedrigen Zimmerchen in einer kleinen ungarischen Stadt. Ihr in der Landeshauptstadt lebender und wirkender einziger Sohn, den ihr die Vorsehung von ihren acht Kindern gelassen, war ein gelehrter Mann mit klangvollem Namen, obwohl sie nicht begreifen konnte, wodurch er sich einen solchen Ruf gemacht hatte. Sie liebte ihn mit innigster, mütterlicher Zärtlichkeit und war unglücklich, wenn sie am Sabbat keinen Brief von ihm bekam. Ihre runzligen, knochigen Finger streichelten auch jetzt den Brief ihres Sohnes. Am Freitagabend, vor einer halben Stunde, brachte ihn der Briefträger. Sie dreht ihn bedächtig hin und her; dann öffnet sie ihn und läßt ihn in ihren Schoß fallen, indem sie darüber nachdenkt, was wohl darin enthalten sein möge . . . Wie sie so vor dem geöffneten Fenster sitzt und nachgrübelt, bekommen ihre Augen Glanz und sie lächelt. Auf den schmalen Lippen zittert eine tonlose Rede. Ihr pergamentenes Antlitz verklärt sich . . . Vielleicht schreibt er ihr, daß er zum Besuch kommen werde, sinnt Frau Udele, die weder lesen noch schreiben konnte — und ihr Herz füllt sich mit Frühjahrsjauchzen. Auf den Straßen gehen die Menschen in werktägiger Kleidung, und doch glaubt sie, daß es Feiertag sei. Sie fühlt jedesmal, wenn ein Brief ihres Sohnes eintrifft, ein Fest in ihrem Herzen und eine Feiertagsruhe. Männer und Frauen gehen vor dem Fenster vorüber, schwere Körbe oder Pakete tragend. Jeder grüßt die bekannte Matrone. Sie erwidert die Grüße und erzählt freudig bewegt: „Ich habe einen Brief bekommen." „Von Ihrem Sohn Szrole?" fragt man sie. „Jawohl, von meinen: Sohn, dem Rabbi Szrole," lächelt sie glückselig. Die Leute hören teilnahmsvoll zu, denn auch sie haben schon von dem berühmten Sohn der Frau Udele gehört, der wissenschaftliche Werke, wenn auch nicht in hebräischer oder jüdischer Sprache, schreibt und dennoch seine Mutter hoch in Ehren hält. Mancher benutzt den Anlaß, um der Greisin Lobeserhebungen über einen solchen Sohn zu machen. „Auch Ihr Sohn", gibt Frau Udele das Kompliment zurück, „ist ein feiner Alaun, so soll ich leben." Sie weiß zwar, daß sich niemand mit ihrem Sohne messen kann, aber sie ist heute so selig, daß sie das Bedürfnis empfindet, auch anderen Freude zu bereiten. Die Straßen werden leer, denn die Männer begeben sich nach Hause, unt sich zum Sabbat umzukteiden, mib die Frauen zünden die Sabbatlichter an. Auch Frau Udele muß sich vorbereiten. Sie erhebt sich vom Fenster und trippelt ins Zimmer, öffnet die uralte Kommode, von der aus ihr ein Lavendetgeruch entgegenströmt. Tann stöbert sie unter den Sachen. Seit langer Zeit zog sie den weißen Rock nicht mehr an. Darin sah sie ihr Mann am liebsten. Seitdem er tot ist, hat sie ihn noch nie wieder angerührt. Nachdem sie sich umgekleidet, begibt sie sich nach der Kirche, um nachzusehen, ob das Essen in Ordnung ist. Vieles ändert sich im Leben, aber der Sabbat nicht. Er gehört dem lieben Gott, und er hat es gern, wenn es am Sonnabend geflochtenen Kuchen, Karpfenspeise und Schalet gibt. Und auch ihr ständiger Gast liebt diese Leckerbissen. Es ist ein ganz kleines Männchen, das, obwohl es erst 14 Jahre zählt, wie ein Greis allssieht.. Der Aermste ist dllrch das viele Hllngern, die zahlreichen Nachtwachen und das beharrliche Stlldinm alt geworden. Aus seinem olivbraunen Antlitz blicken zwei neugierige Kinderaugen schwermütig uns an, lmd seine Lippen öffnen sich, als wollte daraus ein lauge zlrrückgehaltenes Lächeln Hervorbrechen. Doch er darf nicht schäkern, denn seine Jngendlust hat man gewaltsam unterdrückt. Udele liebte diesen Knaben. Man nennt ihn Wolsele, und so hieß auch ihr Mann. Und wenn aln Freitagabend dieser den Talmud studierende Knabe in ihr Haus kam, strömte die Wärme alter Zeiten ins Gemach. Dann hatte sie doch wenigstens jemand um sich, den sie mit dem Namen ihres Seligen anreden konnte. In der festlichen Stimmung tröstete sie sich mit der Täuschung, daß noch alles so sei, wie es früher gewesen. Wolsele verstand wundervollen „Kiddusch" zll machen und die „Semires" zll singen. Wolsele freilich kam erst spät abends zu ihr, aber sie erwartete ihn schon vom frühen Morgen an. Den ganzen Tag beschäftigte sie der Gedanke, daß sie sich beeilen müsse, weil sie einen Gast haben wird, und wenn sie die Sabbatspeisen bereitete, war sie stets bemüht, ihm seine Lieblingsgerichte vorzusetzen. Darin irrte sich freilich die Matrone, wenn sie glaubte, daß das Männchen Spezialgerichte bevorzuge. Er aß alles, was man ihm vorsetzte, denn vom Sonntag bis Freitagabend pflegte er gewöhnlich zu hungern.