Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 32 (sequence 8)
- Language
- German
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32 „Kunstwart" in Sachen des Geschmacks und guter deutscher Sitte so gern zum?raeeepkor Gennaniae aufwirft und über jeden unschönen Aschenbecher und Briefbeschwerer das Verdammungsurteil seines allein seligmachenden Geschmacks spricht, sollte in Zeiten des Burgfriedens wenigstens so viel Feingefühl zeigen, nicht weite Kreise des deutschen Volkes durch antisemitischen Spott zu verletzen. Ein solches Verhalten ist lim so unbegreiflicher, als Herr Avcnarins in seinem, gewiß gilt und ernst gemeinten Gedicht „Deutsches Kampflied" begeistert singt: „Ein Volk voir Brüdern steht der Deutsche da." Oder sollte uns Herr Avenarius nicht zu den Brüdern rechnen? Nullische Greuel in Galicien. Von Dr. M. G i n s b e r g e r. ischel Horvwitz, amerikanischer Bürger in Nclv Jork, bclvirkte durch das Staatsdepartement in Washington, daß der amerikanische Botschafter in Wien seine Tochter Frieda von Strh nach Wien verbrachte rmd von dort durch Holland nach Amerika schickte. Sechs Monate hindurch hatte der Verband der galizischen und bukoivinischen Juden in ununterbrochenem Briefwechsel mit dem Staatsdepartement gestanden und Bürgschaft gefordert im Namen des Vaters, daß das Mädchen nach Amerika gebracht lverden sollte. Frieda Horvwitz erzählt mm laut „Wahrheit" folgendes über die von den Russen in Strh verübten Greneltaten. Strh, so sagt sie, war die glücklichste Stadt in Galizien, weil die russischen Befehlshaber dort „ziemlich gute Kerle" waren. Allerdings haben die Russen auch in Strh gleich wie in anderen Städten geplündert und geraubt, aber sie taten es nrir insoweit, als es eine militärische Notwendigkeit war. Welche „militärische Notwendigkeit" die unter dem Konunandv der „ziemlich guten Kerle" stehenden Russen veranlaßt hat, Dutzende von Wagen mit jüdischem Hab zu beladen und nach Rußland zu führen, konnte Frieda Horvwitz nicht erklären. Sie konnte auch die „militärische Notwendigkeit" für die Gefangennahme und Wegführung des Nabbinats von Strh nicht beweisen. Tie Logik davon, die berühmte russische Logik, war ihr nicht verständlich. Die Russen waren zweimal in Strh. Einmal sechs Wochen und das zwcitemal — neun Monate. In dieser ganzen Zeit wurde keine einzige jüdische Frau geschändet und keine einzige Thorarvlle zerrissen. Es gab allerdings Fülle, daß jüdische Frauen, darunter Frieda Horvwitz, tagelang in den Kellern lagen, aber das geschah nur, wenn die wilden Donkosaken und die noch wilderen, Tscherkessen in die Stadt kamen. Die „gemeinen" russischen Soldaten benahmen sich der jüdischen Bevölkerung gegenüber ganz anständig. Sie haben bloß geraubt und oftmals, wenn niemand dabei war, geschlagen. Nur einer, der weiß, wie die Russen in anderen Städten verfuhren, wird verstehen, sagte Frieda Horvwitz, lvarum ich so von den Russen in Strh spreche. Der erste Kommandant in Strh war sogar ein weichherziger Mensch und ein Judensreund. So stellte er z. B. zwei Soldaten auf, um die Synagoge am Versöhnungstage zu hüten. Dafür verlangte er nur, daß man während des Gottesdienstes für den Zaren und für ihn ein Gebet verrichte. „Nun, hat man dieses Gebet verrichtet?" fragte darauf der Korrespondent der „Wahrheit". „Gelviß", sagte Frieda Horvlvitz, „und wenn nur ein Drittel dessen in Erfüllung geht, was man an jenem Versöhnungstage gebetet hat, so gäbe es schon lange keinen Nikolaus mehr." Frieda Horvwitz war bei denen, die zu Fuß nach Skvle flohen, als die Lesterreicher das erstemal sich zurückzogen von Strh. „Wir liefen", so erzählte sie, „bis wir niederfielen. Zum Ausruhen war keine Zeit. Stehenbleiben wäre Selbstmord gewesen, denn hinter uns donnerten die Geschütze und über uns hagelten die russischen Kugeln." Als die Nacht hereinbrach, begaben sich viele russische Flüchtlinge zu den ruthenischen Bauern auf die Heuschuppen. Dort, unter dem Heu, fanden sie viele Russen versteckt. Die Ruthener Verräter hatten ihre „Landsleute" dort bei sich behalten. Und wir mußten liegen, so erzählte sie, und zusehen, wie die Russen, die neben uns lagen, auf unser Militär schossen. Das schnitt uns ins Herz, aber sagen durften wir nichts. Sobald das Militär vorbei war, trieben die Russen die jüdischen Flüchtlinge von den Speichern fort. Nach dem zweiten österreichischen Rückzug von Strh flohen wiederum viele Juden nach Skole. Diesmal retteten sie sich vor dem sicheren Tode. Die Russen wußten, daß, als das österreichische Militär zum erstenmal nach Strh zurückkam, ihm die Juden mit Thorarollen in den Händen und mit Gesängen entgegenkamen. Die Juden warteten daher die russische Rache wegen ihrer Liebe zu Oestereich nicht ab und flohen nach Skole. Einige Tage später eroberten die Russen Skvle und trieben die Stryer Flüchtlinge in ihre Heimat zurück. Viele fanden ihre Häuser in Trümmern. Andere waren ansgeplündert. Die Häuser der reichen Juden, welche die Möglichkeit gehabt hatten, gleich im Anfang nach Wien zu fliehen, waren buchstäblich ansgeleert. Unter den russischen Soldaten waren viele Inden. Frieda Horvlvitz unterhielt sich mit vielen von ihnen. „Werden die Russen siegen?" fragte sie einen derselben. „Warum?" antwortete er. „Fehlt es euch an Progromen?" Ein anderer, in den mittleren Jahren stehender Mann erzählte, als er auf dem Marsche nach Galizien durch sein Heimatstädchen kam, habe er gesehen, wie sein Haus in Flammen stand und seine alte Mutter daneben saß lind jäinmerlich weinte... Angefangen die jüdische Bevölkerung von Strh auf echt russische Art zu martern haben die russischen Soldaten erst dann, als die Nachricht aus den Karpathen kam, daß ihr Heer dort geschlagen und zurückgetrieben werde. Von Andrejew, dem Kommandanten von Strh, kam dann der Befehl, daß man die Juden zwingen solle, Schützengräben auszuwersen, mit denen er sich in Strh verschanzen wollte. Alte, 80jährige Juden und junge wurden aus den Betten herausgerissen und zur Fronarbeit geschleppt. Aus den Synagogen und den Lehrhäusern wurden sie geholt, und geschlagen wurden sie wegen des geringsten Ungehorsams. Blieben die Juden zu Hause, entliefen sie in die Wälder oder versteckten sich in den Kellern, so trieb man ihre Frauen und Kinder zur Arbeit, schlug sie und mißhandelte sie; ja viele von ihnen wurden sogar getötet, wenn sie nicht sagen wollten, wo ihre Männer hingckommen seien. Die Juden griffen zu den mannigfachsten Hilfsmitteln. Die einen ließen sich die Hände, andere die Füße und wieder andere den Kopf verbinden, um sich krank melden zu können und auf diese Weise von der Arbeit befreit zu werden. Manche legten sich zu Bett, begossen das Haus mit Karbol und ließen erklären, sie seien „gefährlich krank", wenn man sie zur Arbeit holen wollte. Viele ließen Schilder mit der Aufschrift „Ansteckende Krankheit" aushängen, da sie sich sagten, die Russen würden es nun nicht wagen, ihr Haus zu betreten. Anfangs hatten diese Mittel auch Erfolg, später aber, als alle Juden plötzlich „krank" wurden, verstanden die Russen den Trick und trieben nun alle, auch die wirklich kranken, zu den Betten und den Häusern hinaus.