Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 31 (sequence 7)
- Language
- German
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31 Verdienste um die Ausgaben des Judentums und die Pflichten dem Vaterlande gegenüber. Dann sprach er über den großen Kampf, den wir mit Gottes Hilfe siegreich bestehen, fand Worte ausrichtiger Bewunderung und Dankbarkeit für unsere .tapferen Kämpfer und Helden! und erflehte vom Himmel ehrenvollen Sieg für unsere und unserer Verbündeten Waffen. — Die Versammlung beschloß, an den König, an den Ministerpräsidenten und den Minister für Kultus und Unterricht Huldigungstelegramane abzusenden. Von Sr. Majestät traf folgende Antwort ein: „Seine kaiserliche und königliche Apostolische Majestät hat die Huldigung der Generalversammlung des L a n d e s r a b b i n e r v e re i n s mi t Zufriedenheit e n t ge ge nge u om men und hak geruht, für diese Kundgebung der königstreuen und Pa-! triotischen Gefühle der versammelten ungarischen R abbi u e r s eine n a l l c r g n ädig st e n Dank a u s z u - sprechen." ' j Der erste Punkt der Tagesordnung betraf die Frage der Feldsool-! sorge und Feldrabbiner. Das Fehlell der Autonomie hat auch hier > manche unliebsamen Folgen gezeitigt, und so ist es zu erklären, daß unsere Glaubensgemeinschaft nicht immer die würdigste und auch unserer Religion zur Ehre gereichende Vertretung gefunden hat. Die Versammlung beschloß, in dieser Angelegenheit eine Eingabe an das zuständige Forum zu richten, damit in Zukunft nur amtierende Rabbiner zu Feldrabbinern ernannt werden mögen und eine jüdische Militärseelsorge auch für die Friedenszeiten zugelassen werde. — Die A g u n a frage, unter welchen Bedingungen nämlich laut dem Religionsgesetz der Beweis für das Verschwinden oder den Tod des verheirateten jüdischen Soldaten als maßgebend betrachtet werden könne, um eine Wiederverheiratung der Frau zu ermöglichen, wurde an die eingesetzte „Kommission für religiöse Fragen" zur baldigen Berichterstattung verwiesen. — Das Kriegsgebetbuch des Räbbinervereins, das bisher in 20 000 Exemplaren erschien und vollständig vergriffen ist, soll neu aufgelegt und mit einer kurzen Kriegsbibel ergänzt werden. — Mit schwerer Sorge erfüllt es die Mehrheit der ungarischen Rabbiner, daß sie noch immer keinen Lande spensionssonds besitzen und ihre Witwen und Waisen unversorgt Zurücklassen. Die Gemeinden, die nur zum geringsten Teil über eine Pensionskasse verfügen, behandeln diese Frage zu Lebzeiten ihres Rabbiners mit einer gewissen Lässigkeit und können nach seinem Tode die Lasten kaum selbst erschwingen. Diese Angelegenheit dulde keinen Aufschub mehr, und die Bereinsleitung erhält von der Versammlung den Auftrag, die Vorarbeiten schleunigst in Angriff zu nehmen, damit die Frage für das ganze Land einheitlich geregelt werde. Auch mit der Frage einer Witwenunterstützung, die von sämtlichen Mitgliedern des Vereins immer nach dem Tode eines Kollegen zugunsten der Witwe zu zahlen wäre, beschäftigte sich die Versammlung eingehend. — Don wichtigeren Anträgen und Beschlüssen sind noch zu erwähnen: Eingabe an das zuständige Ministerium wegen Verlegung der Wochenmärkte vom Sonnabend auf einen Wochentag. Errichtung einer jüdischen Lehrerinnen- und Erzieher innenanstakt, um dem unheilvollen Einfluß, den missionierende Erzieherinnen in den jüdischen Familien ausüben, zu begegnen inib dem Mangel an entsprechenden jüdischen Lehrkräften abzuhelfen. — Die im Laufe der Zeit von der Landesrabbinerschule und dem Pester Rabbinat in wichtigen neuzeitlichen religiösen Angelegenheiten gegebenen Entscheidungen, Responsen (Teschuwosz) sollen im Organ des Räbbinervereins, dem von Dr. Eduard Neumann trefflich redigierten „Magyar Jzrael", und auch selbständig erscheinen. — Die Erledigung der Tagesordnung erforderte einen ganzen Tag. Am Nachmittag las Dr. Michael Guttmann, Professor an der Landesrabbinerschnle, eine tiefgründige Studie über die Begriffe Mim-Hatthora und Midder - abana n im Talmud und gab so der Versammlung auch wissenschaftlichen Gehalt. B. E. Herr Amnsrius und der Lurgkrieden. Von I. Seifensieder. or kurzem wollte ich meinen Schülern wieder einmal eine Freude machen, indem ich etwas vorlas. „Etwas" heißt aber in gegenwärtiger Zeit selbstverständlich immer „etwas vom Krieg". So nahm ich denn das in Fr. Seybolds Verlagsbuchhandlung (München) erschienene Kriegslesebuch für Schule und Haus „Deutschland über alles 1914/15" von Wilhelm Müller (Rüdersdorf) zur Hand und wählte aufs Geratewohl das Stück „Heimwärts. Reife durch die Mobilmachung" von Ferdinand Avenarius. Ich hatte es vorher nicht gelesen, da der 9came des Verfassers mir dafür zu bürgen schien, daß ich das Stück meinen Jungen ohne Bedenken vorlesen könne. Aber da hatte ich mich gründlich getäuscht. Avenarins schildert darin seine Erlebnisse bei Kriegsausbruch auf seiner Heimfahrt von Sylt nach Leipzig. Dabei entwirft er folgendes Situationsbildchen: „Tiefe Nacht. Ein Abteil zweiter Klasse, aber so vollgepfropft, daß die Menschen auch auf den Armlehnen sitzen . . . Alle waren sie nun Kameraden: die deutschen Flieger, der tschechische Schneider, der Wiener Bäcker, der polnische Bauernsohn, der kleine Jude. . Selbstverständlich kommen die Mitreisenden denn auch ins Gespräch. Der Flieger spricht von seiner Fliegerei, der Tscheche schwärmt von Prag und will kämpfen „zusammen mit Deitsche", der Athlet erzählt von seiner neuesten „Nummer" und „das Jüdlein" gestikuliert in ungeheurer Begeisterung von der Brücke über den Nordostseekanal, über die er gestern gefahren ist: „Word' ich : Ihnen sagen: ote Deutschen sind das erste Volk der ' Welt, und wenn ich auch nich schön bin, passen Se auf, se nehmen mich." Soweit war ich in meiner Vorlesung freilich Herrn Avenarins nicht gefolgt, denn; nachdem meine vorauseilenden Augen das Wort „Jude" j gesehen, war ich vorsichtig geworden und konnte das „Jüdlein" l mit seiner humoristisch fein sollenden Rede meinen Zuhörern! unterschlagen. So konnte ich es meinen jüdischen Schülern i ersparen, vor ihren christlichen Kameraden lächerlich geluncht! und beschämt zu werden. Die Tatsache aber, daß zwei deutsche; Schriftsteller und eine namhafte deutsche Verlagsbuchhandlung I eine derartige antisemitische Geschmacklosigkeit zu jetziger Zeit in einem Kriegslesebuch für Schule und Haus zum besten geben, verdient der jüdischen Oefsentlichkeit nicht vorenthalten! zu werden. Sie beweist, wessen wir uns auch nach dem Kriege j trotz allem von gewissen Seiten zu versehen haben. Trotz aller blutigen Opfer, trotz aller Liebe und Begeisterung für unser Vaterland bleiben wir gewissen Leuten nur die mauschelnden Jüdlein. Herr Avenarins aber, der sich in feinem Rabbiner Dr. Rülf Braunschweig.