Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · p. Seite 29

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229236--71939-3284352
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

29 der Juden vom Heeresdienste zu eigen gemacht hat. Wie eine solche Maßnahme auf das künftige Schicksal der russischen Juden zurückwirken würde, läßt sich leicht erkennen. Die Juden würden auf immer zu „vaterlandslosen" und unzuverlässigen Elementen gestempelt, die dann natürlich den Berfolgungen „echter Russen" vogelfrei preisgegeben wären. Die Propaganda, die jetzt schon unter den russischen Soldaten von Amts wegen gemacht wird, soll vermutlich im Heere eine so starke jndenfeindliche Stimmung erzeugen, das; man es wagen dürste, ein die Juden vom Waffendienst ausschließendes Gesetz als den Willen der Armee auszugeben. * Von den so außerordentlich interessanten Berichten des Herrn Rabbiner D r. B a e ck, welche von dem „Gemeindeb'latt der jüdischen Gemeinde in Berlin" veröffentlicht werden, sind wiederum zwei, Nummer 29 und 30, erschienen. Sie sind aus dem Osten geschrieben und nicht bloß lehrreich durch die einzelnen Nachrichten, die sie mitteilen, sondern durch die allgemeinen Betrachtungen, die der Verfasser in sinniger Art damit zu verknüpfen weiß. Herr Dr. Baeck spricht von den Gottesdiensten, die er im Osten von Nowo-Alexandrowsk aus veranstaltet hat, gibt schlichte Nachrichten über seine Tätigkeit und fährt dann fort: Wir waren das erstemal beieinander, aber das Gefühl der Vertrautheit, fast die Empfindung, einander seit längerem zu kennen, stellte sich bald ein. Das gleiche Ergebnis läßt jede Fremdheit zwischen den Menschen hier verschwinden. Reicht nur auf dem Gleichen, sondern ebensosehr auf dem Erlebnis ruht hierbei der Ton. In ruhigen Tagen macht ein jeder Erfahrungen, dieser mehr und jener weniger, bald mannigfaltiger, bald einförmiger; es sind einzelne Erfahrungen, eines, ums zu dein anderen kommt. Was hier draußen an einen jeden fast herangetreten ist, ist nicht bloß eine Reihe von Erfahrungen. Es ist mehr; es ist auch zu einer innerlichen Anseuiandersetzung mit den Geschehnissen geworden, zu einem seelischen Kampfe mit dem, lvas die Tage schicken und bringen. Es ist eben zu einem Erlebnis geworden, zn etwas, was sich aus einzelnem zusammensetzt, lvas aber doch ein Einheitliches und Ganzes geworden ist, zn einem großen Eindruck, der sich der Seele eingeprägt und ihr ein Besonderes gegeben hat. Erleben ist mehr als nur Erfahren; das gilt vom Guten wie vom Harten. Die, in deren Seele das eingezogen ist, verstehen sich alsbald und ihnen ist, als ob sie seit langem voneinander wüßten. Nowo-Alexandrowsk, den 19. Dezember 1915. Es ist der Monat der kurzen Tage, und da es bei der Ungunst der Straßen ratsam ist, den Rückweg vor Einbruch der Dunkelheit znrückzulegen, so kommen für den Gottesdienst nur die letzten Vormittagsstunden in Betracht. Tie langen Nächte engen den Tag ein; er verschwindet in ihnen. Hier draußen lernt jeder empfinden, was es bedeutet, wenn das Licht nur die wenigen Stunden schenkt, wenn es Zwischen der späten Morgendämmerung und dem frühen Abend so rasch verfliegt. Der Mensch, der in den Städten daheim lebt, kennt die Finsternis nicht. Hier lernt man sie kennen und beinahe fühlen — bisweilen bei klarer Sternenpracht in ihrer Majestät und ihrer Unendlichkeit. Im Tageslicht stehen immer neue Grenzen vor bem suchenden Blick; Himmel und Erde berühren sich, und weiter kann das Auge nicht ziehen. Im Finstern dehnt die Endlosigkeit sich aus, die Erde verschwindet, und der Himmel erstreckt sich ins Unnennbare und Unfaßbare, in die Fernen, denen keine Schranken gesetzt sind. So empfindet man es in mancher Stunde. Aber ebensooft, zumal in den Tagen, in denen die letzte Sichel des Mondes geschwunden ist, fühlt man die Finsternis, die sich herniedersenkt, in ihrer Schwere, in ihrer Gestalt; sie steht vor dem Menschen, und sie wird das Undurchdringliche, in das er für einige Augenblicke und für einige Schritte einmal sein Licht hineinbohren kann, das er aber nicht zu durchbrechen und 31t bezwingen vermag. Wohin immer er sich wendet, er fühlt sich umschlossen von einem, dem er nicht entfliehen, dessen Enden sein Blick nicht sehen kann. Auch das kann zn einem Erlebnis, zu einem religiösen Erlebnis fast, werden. Hier lernt man auch die Freude begreifen, die aus dem alten Gebete unserer Väter hervorklingt, dem 'Segenswort über den Mond, welches die schmale Sichel des neuen Lichtes begrüßt, die der hinausschauende Blick suchte und die er nun am dunklen Hinnnel leuchten sieht, die hellen Nächte verheißend. Ein solches Gebet, ohne es zu kennen, hat manch einer hier im stillen und unbewußt gebetet, in frohem Dank: nun wird es wieder Licht im Dunklen auch. So erleben unsere Soldaten auch das Schweigen der Nacht. Sie verlangt oft die Stunden der Arbeit, und wenn am Tage das Gespräch sich im Werke regen mag, im Stillen des Dunkels wird man, auch wenn es nicht geboten ist, selbst still. Es ist ein unvergeßliches Bild, das vor einen hintritt, wenn man im Mondschein an unseren Stellungen vorbeigeht und unsere Leute in ihrer Arbeit sieht, wie sie die schweren Baumstämme tragen, die Erdbefestigungen aufrichten, eines zum anderen fügen, schweigend jeder an seinem Werk. Man möchte selbst Hand anlegen, um nicht bloß Zuschauer zu sein. Diese Fähigkeit, st il zu sein, sie ist überhaupt im Ernste der Zeit hier erworben worden. Tie, welche am meisten geleistet, haben es am meisten gelernt. Es ist ja auch oft beobachtet worden, wie sie, wenn sie in die Heimat kommen, am wenigsten geneigt sind, zu erzählen. So ist es immer: die, welche nichts getan oder nichts tun können, suchen sich und andere durch geräuschvolle Reden über ihre Untätigkeit oder ihre Unfähigkeit hruwegzutäuschen. Ter Schaffende kann still sein. Auch das könnte eine Frucht dieser Zeit sein, daß so mancher es lernte, im stillen zu schaffen und das, lvas er geleistet, für sich sprechen zu lassen, ganz, wie er jene andere Bescheidenheit auch lernte, die Demut. lkrnlt Hardt. König Salomo Von Ludwig Geig e r. ei biblischen Dramen wie bei solchen, die historische Stoffe behandeln, soll man nicht in erster Linie fragen, ob sie die Quellen treu wiedergeben, ans denen sie genommen zu sein vorgeben. Daher spreche ich bei dem hier anzuzeigenden Drama nicht davon, ob die Erzählung, die Hardt gibt, dem biblischen Berichte genau entspricht, und will es auch nicht einmal als einen Fehler erklären, wenn er, um nur eines hervorzuheben, Salomos Entscheidung über den Streit zweier Frauen um ein Kind als die erste Regierungstat des Herrschers erwähnt. Das einzige, was der Dramatiker aus der Geschichte wirklich zu bewähren hat, sind die Charaktere, ilnd im ganzen hat sich der Dichter an die Charaktere gehalten, wie sie von der Bibel gezeichnet werden. Wenn man den Titel „König Salomo" liest, so erwartet man zunächst, daß von seiner Regierung oder von einzelnen ihr ungehörigen Ereignissen, etwa von der Begegnung mit der Königin von Saba, von seinem Tempelbau und ähnlichem, die Rede sein soll. Das ist aber nicht der Fall. Denn König ist Salomo erst im 3. Akte. Das ganze Stück handelt vielmehr von den letzten Tagen des Königs David, von den Ansprüchen, die sein Sohn Adonia auf den Thron macht, von dessen niedergeworsener Empörung und von dem Tode, den er mit seinen Getreuen zu erleiden hat, und berichtet sodann von dem ersten Herrschaftstage des neuen Königs. In der Mitte der ganzen Handlung steht Abisag von Sunem; sie müßte streng genommen dem ganzen Stück den Namen geben. Daß dies nicht geschah, hat seinen Grund wahrscheinlich in der vielleicht richtigen Meinung 'des Verfassers, daß dieser Name zu wenig Reiz auf das große Publikum geübt hätte. Diese Abisag, das schöne Mädchen, das mit seiner Amme Maecha in einer ärmlichen Hütte zusammenlebt, ist die wirkliche Heldin. Sie hegt eine Leidenschaft.zu dem jugendlichen, strahlendschönen Salomo, der -sie seinerseits, wie er überhaupt nichts von Frauen weiß und wissen will, noch niemals bemerkt hat, obgleich sie ihm überall nachgeschlichen ist und ft Ein Drama in 3 Akten. In; Jnsetverlag zu Leipzig. 1915. Das Drama ist, wie es scheint ohne sonderlichen Beifall, im Deutschen Künstlertheater zn Berlin, Anfang Oktober 1915 zur Ansführung gebracht worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.