Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 3 (21.1.1916)
- Date
- 1916-01-21
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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28 gekommen; der russischen Negierung Beistand zu leisten, hat er kühl abgetehnt. Lord Rothschild, der im Grunde seines Herzells ein viel besserer Engländer ist als die ans dem Kontinent geborenen Herren Cassel und Kop etzkh und andere, ist über Proteste „deutscher Barbarei" erhaben. Er protestiert seinerseits - - zwar nicht mit Worten, weil das heute für einen Engländer nicht angängig ist —, aber mit Taten gegen russische Barbareien, indem er den voll der russischen Regierung bedrückten und verfolgten Inden seine Hilfe zuteil werden läßt und indem er delll russischen Finanzminister seine Türe verschließt. Eine vornehmere und selbstlosere Handlungsweise ist nicht denkbar; ein Parvenü fragt allein nach dem Gewillil, ein streberhafter Parvenü sucht sich im neuen Vaterlande dadurch beliebt zu machen, daß er das alte Verleugnet lmd beschimpft; ein vornehmer Charakter wie Lord Rothschild bestimmt fein Handeln nach anderen Grundsätzen; er steht tnrnrhoch über diesen Männern, die sich im Grunde ihres Herzens vielleicht selber recht verächtlich Vorkommen. In ganz Polen haben die Juden die Deutschen als Befreier von der russischen Willkürherrschaft, von Tyrannei mld Grausamkeiten aller Art begrüßt; unter deutscher -Herrschaft haben sie erlöst aufgeatmet; denn niemals in der Welt sind größere Greuel verbrochen worden als in Rußland lvährend des Weltkrieges gegen die Juden des eigenen Landes. England ist heute Rußlands Verbündeter, und Herr Cassel konnte darum nicht gegen russische Greuel öffentlich Protest erheben, gleichviel, was er im Innern seines Herzens darüber dachte. Zwei der englischen Finanzmagnaten haben vornehin und taktvoll gehandelt; der eine war Sir Edgar Lp eher, der den Konflikt der Pflichten zwischen der alten Heimat und dem Adoptivvaterlande klar erkannte und der für die Dauer des Krieges in das neutrale Amerika übersiedelte; der andere ist Lord Rothschild, der darüber hinaus sogar den Mut fand, etwaigen Konflikten nicht einfach aus dem Wege zu gehen. Mit Deutschland und dem alten Hause in der Frankfurter Altstadt verbanden ihn seit Generationen bereits keine Fäden mehr; er fühlte als Engländer und stellte seine Machtmittel und sein Ansehen in den Dienst Englands, seines Vaterlandes. Aber gegenüber den barbarischen Bundesgenossen Englands fühlte er keinerlei Verpflichtung, und als Jude empfand er die Pflicht, seinen bedrängten Glaubensgenossen zu Helsen, soweit er es vermochte, ihren Bedrängern aber keinerlei finanziellen und moralischen Beistand zu gewähren. Der Mann, der sich an die Spitze des großen Hilsswerkes für die russischen Juden stellte, der aber zugleich den Vertreter der russischen Regierung, den Finanzminister, zu empfangen sich weigerte, ist einer der großen und an Heldentum wahrlich nicht armen Zeit. Die von der „Jewish Chronicle" zu Ehren Baron Leopold v. R o t h s ch i l d s anläßlich seines 70. Geburtstages eröfsnete Sammlung zugunsten der jüdischen Kriegsuotleidenden hat mehr als 2000 Pfund ergeben. * In der „Neuen Freien Presse" finden wir folgende Notiz: Wien, 3. Januar. K omitee z u r L v s u n g der gegenwärtigen jüdischen Fragen. Am 29. Dez., 3 Uhr nachmittags, versammelte sich in der Wohnung des Oberrabbiners aus Husi, Herrn Jsak B. Thum i m, derzeit Wien, 2. Bezirk, Stephaniestraße 8, eine große Anzahl Rabbiner und geachteter Bürger aus Galizien und der Bukowina zwecks Gründung eines Komitees zur Lösung der gegenwärtigen o st - jüdischen Fragen. Bei dieser Versammlung präsidierte Here Oberrabbiner Thlnnim. Nach längerer Debatte wurde ein Komitee, bestehend aus folgenden Herren bestimmt: Großrabbiner Uscher H o r ow i tz , Krakau (Präsident), Oberrabbiner Pinkas R imelt, Zolkiew (1. Vizepräsident), Oberrabbiner Jsak B. Th u mim, Hnsi (2. Vizepräsident und Kassierer), Markus H a l p e r n , Wien (Sekretär), Rabbiner Chain: Nuchim Halber st a nt m, Mosciska, Samuel Eder, Tarnobrzeg, Rabbiner Kalman Znckermann, Jäblouow, und Markus Schwarz, Krakau. Auf Beschluß der Versammelten wurde ein Huldigungstelegramm an den Kaiser gerichtet. Auf dieses Telegrannn erhielt Oberrabbiner Thumim ein 'Danktelegramm aus der kaiserlichen Kabinettskanzlei. Da die ostjüdische Frage im Vordergründe des Interesses steht, sind wir gespannt aus die Beratungen des Komitees und werden, sobald wir näheres davon hören, den Lesern unseres Blattes davon Kenntnis zu geben uns beeilen. * Wie schlimm es in Rußland für unsere Glaubensbrüder aussieht, davon geben zwei Mitteilungen Kunde, die wir der Berliner „Bolkszeitung" und der „Frankfurter Zeitung" entnehmen: Die beiden Berichte lauten folgendermaßen: Ein m i n i st e r t e 11 genehmigter P ogro m. Stockholms. Januar. (Privat.) Jur Budgetausschuß der Duma machte der Abgeordnete Winogradow aufsehenerregende Mitteilungen über den bisher geheimgehaltenen A st r a ch a n e r I u d e n p o g r o m. Danach wurde Ende September von der dortigen Polizei ein Pogrom inszeniert, der zwei Tage dauerte. Die jüdischen Geschäftsläden wurden ausgeplündert und mehrere Juden erschlagen. Obwohl die städtischen Behörden von Astrachan den Minister Ch wo stow ersuchten, die Bestrafung der schuldigen Polizeiorgane zu veranlassen, wurde gegen die Polizei nicht nur keine Untersuchung eingeleitet, sondern sie wurde, wie in Moskau, sogar noch belohnt. Der Minister des Innern Chwostow, gegen den diese Anklage im Budgetausschuß gerichtet war, gestand ein, daß die Polizei durch ministerielle Rundschreiben a u s g e f o r - d e r t w a r, k e i n e S ch r i t t e z u r A u f h a l t u n g von Pogromen zu unternehmen. Er fügte zur Beruhigung hinzu, daßjene ministeriellen Rundschreiben nunmehr außer Kraft gesetzt seien. Bei der fortgesetzten Debatte über das Budget des Ministers des Innern wurde Chwostow scharf kritisiert, weil er der Regierungspresse eine verschärfte Kampagne gegen alles Fortschrittliche gestattete und die Abhaltung des Petersburger imb Nischninowgoroder Mona r ch i st e n k o n g r e s s e s erlaubte, der mit seiner reaktionären Resolution das Volk empört habe. Militärischer Antisemitismus. Wir haben schon eine Reihe russischer Armeebefehle wiedergegeben, aus denen deutlich die Tendenz hervorging, die Juden vor dem russischen Soldaten verdächtig und verächtlich zu machen. Die traurigen Folgen dieser P o g r o m p o l i t i k haben sich in Polen und Galizien schon gezeigt. Alles deutete darauf hin, daß Großfürst Nikolaj Nikolajewitsch und sein ehemaliger Generalstabschef Schiliuski die judenfeindliche Hetze begünstigten. Jetzt gehen uns zwei weitere russische Armeebefehle zu, die nicht nur den vollen Beweis für diese Tatsache bringen, sondern auch die Ziele der großfürstlichen Propaganda klarstellen. In einem von dem Brigadekommandeur Generalleutnant Schdano witsch erlassenen Befehl an die erste Reserveinfanteriebrigade vom 8. Juli 1915 werden die Offiziere aufgefordert, ihre Mannschaften darüber aufzuklären, daß sich alle russischen Untertanen „mit Ausnahme der Juden" zum Schutze des Landes vereint haben, während die Juden „sich mit allen Mitteln bemühen, dem Militärdienst zu entgehen". Ein Befehl des Generals Janow vom 30. März 1915, der ausdrücklich als geheim bezeichnet wird, lalltet folgendermaßen: „In Anbetracht der offenen Erklärung der Froutkommandeure, daß die Juden als Kriegsmaterial untauglich seien und es sehr wünschenswert wäre, wenn der Zufluß von Juden bei der Komplettierung von Korps vermindert würde, hat der Stab des Höchstkommandierenden wegen dieser Frage mit dem Generalstab verhandelt. Es hat sich herausgestellt, daß es augenblicklich keinen Allsweg gibt, so daß die Frage über die Unfähigkeit der Juden zum Militärdienst und die Notwendigkeit, sie zu lösen, sofort nach dem Kriege behandelt werden nrllß. Sie Zwingt uns jetzt schon, Material zu sammeln, wonach festgestellt werden kann, daß die Anwesenheit von Jllden in der Armee nicht wünschenswert ist. Der Höchstkommandierende hat daher befohlen, die Kommandeure der einzelnen Armeeabteililngen wegen dieses Materials jetzt schon anzusragen. Dieses soll für die Untauglich k e i t der I u d e n als Kriegsmaterial zeugen. Es ist iwtwendig festzustellen, wieviel von den Juden desertiert sind und sich freiwillig in Gefangenschaft begeben haben. Diese Fragen müssen möglichst allseitig beleuchtet und sowohl durch einzelne Tatsachen wie durch allgemeine Ausführungen belegt werden. Das ganze Material ist sodann zusammen mit dem Gutachten des Korpskommandeurs dem Stabe der Armee zuzustellen. In Anbetracht der Wichtigkeit dieser Frage hat der H ö ch st k o m m a n d i e r e n d e befohlen, das oben Erwähnte sofort und genau auszuführen." Dieses Dokument zeigt, daß der Großfürst-Höchstkommandierende sich die von der „Rowoje Wremja" und andern antisemitischen Blättern in Rußland seit Jahren erhobene Forderung nach dem Ausschluß