Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · p. Seite 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229236--71936-3284349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

26 sicherlich nicht zu regeln sind — sich als Brüder, gleichinteressierte Freunde und bewußte Mitkämpfer für ihre Nationalität heranzuziehen. Sie haben im Gegenteil durch den sogenannten „Asemitismus", durch eine Planmäßige Zurückdrängung und teilweise auch grausame und herzlose Verfolgung der jüdischen Mitbürger (von den haarsträubenden Vorgängen während des Krieges ganz abgesehen) eine Kluft geschaffen, durch welche es selbst den Polnisch sprechenden und polnisch gesinnten Juden unmöglich wird, ihre Glaubensgenossen von dem Vorteil eines bedingungslosen sprachlichen und politischen Anschlusses zu überzeugen. Ein anderes bedauerliches Mißverständnis in den Ausführungen des Herrn Prof. Philippson ist folgendes: Er meint, in Widerlegung eines Einwandes von konservativer Seite, wonach die Annäherung an das Polentnm zu einer Zerstörung der Religiosität führen würde, daß es sich dabei um das „mittelalterliche Zeremonial- und Formalsystem" handle. Die Verhältnisse liegen auch in dieser Beziehung ganz anders. Bei den streng frommen Juden in Russisch-Polen und Galizien sind zwar die im Schulchan Arnch minutiös vorgeschriebenen Lebensformen etwas Selbstverständliches, mit ihrem Wesen Verbundenes, aber sie stehen durchaus nicht i in Mittelpunkte ihrer echten Frömmigkeit. Der gewöhnliche religiöse Jude ist sogar häufig in minder wichtigen Bräuchen weniger rigoros als ein orthodoxer Glaubensgenosse in Ungarn oder in Süddeutschland. Die Rabbiner der großen polnischen Gemeinden sind viel größere Talmudisten und dabei viel freisinniger und bei weitem mehr zu Kompromissen geneigt als ihre ungarischen Kollegen. Bei den Versammlungen der „Agudas Israel" waren sie es, die im Gegensatz zur extremen Orthodoxie eine Erweiterung der Grenzen anstrebten. Aber was den polnischen Juden, der aus einem „Eheder" hervorgegangen ist, kennzeichnet, ist der Besitz eines unermeßlichen Schatzes religiöser Bildung, einer schwärmerischen Liebe zum alten hebräischen Schrifttum, das er von Kindheit auf, wenn auch nicht systematisch, Tag für Tag mit Hingebung pflegt und aus dem er Lebensmut, Idealismus und eine — trotz der durch Armut und Not hier und da hervorgerufenen häßlichen Erscheinungen.- sich im Leben bewährende erhabene Ethik schöpft. Was selbst der ungebildete Handwerker und vielgeschmähte kleine Händler durch die ihm vom Eheder her bekannten und vertrauten Gebete, Psalmen, weisen Sprüche und volkstümliche Traditionen aus Bibel, Talmud und Midrasch an geistigem Gut besitzt, ist ihm zu heilig und wertvoll, und die polnische Volksschule kann, selbst mit einem eingefügten Religionsunterricht, diesen Bildungsstofs dem Juden nicht bieten. Auch die deutsche nicht; aber die deutsche Bildung hat seit Mendelssohn selbst dem in biblischtalmudischer Weltanschauung ausgewachsenen Juden wenigstens weite ideale Perspektiven eröffnet. Schiller und Kant haben selbst auf orthodoxe polnische Juden eine gewaltige Anziehung ausgeübt. In praktischer Beziehung bedeutet die Erlernung der deutschen Sprache die Erschließung einer großen, weiten Welt und wird es nach dem Kriege noch mehr bedeuten. Nebenbei ist sie auch die für die jüdische Wissenschaft neben dem Hebräischen in erster Reihe in Betracht kommende Sprache. Mit der lediglich polnischen Volksschulbildung erlangt der jüdische Knabe weder eine richtige Stütze für den Lebenskampf — flwt er mit der Sprache nicht weit kommt — noch den Eintritt in eine ihn freudig als ganz zu ihr gehörend betrachtende nationale Gemeinschaft, noch auch den Schlüffel zu einer erstklassigen Weltliteratur und zu weitverzweigten technischen Kenntnissen, wie ihn die deutsche Schule bieten kann. Bei alledeni ist es kein Zweifel, daß eine gewisse Schicht seit Generationen in Polen ansässiger Juden die Annäherung an das Polentum für sich so weit vollzogen hat, daß unter allen Umständen der von ihr s e l h st gewünschte polnische Schulunterricht für ihre Kinder gerechtfertigt ist. Der Fehler liegt bei der ganzen Debatte in der Generalisierung. Es darf nicht von den l'A Millionen Juden in Russisch-Polen wie von einer gleichartigen Masse gesprochen werden, für die ein einziger Schultypus, ein polnischer oder ein deutscher, zu schaffen wäre (ein „jüdischer" wird immer die Tendenz haben, sich in einen deutschen zu verwandeln). Es muß den Juden die Freiheit gegeben werden, die ihnen konvenierenden Unterrichtsanstalten zu besuchen, und die Möglichkeit, an Stelle des Eheders streng religiöse deutsche Schulen mit umfassendem hebräischen Unterricht zu gründen, wobei aber die wirtschaftlich abhängige jüdische Bevölkerung bei der in ihrem Interesse gelegenen Bevorzugung deutscher Schulen vor d e m T e r r o H smusder herrschenden Nationalität zu schützen sein wird. Es beruht endlich auf einer Verkennung der Tatsachen, wenn für den Fall einer Verschlechterung der Lage der Juden m Russisch-Polen gleich von einer Auswanderung von drei Millionen Menschen gesprochen wird (die Zahl wird wohl unter Hinzurechnung von Galizien, Litauen und Kurland gefunden, welche Länder jedoch mit Bezug auf die Kulturfrage wie hinsichtlich der wirtschaftlichen Verhältnisse gesondert zu beurteilen sind). Die Auswanderer, heißt es, würden nicht, wie früher die Juden aus Rußland, in weit überwiegendem Maße mit eigenen Mitteln die Kosten bestreiten können, und die verarmten europäischen Glaubensgenossen würden nicht in der Lage sein, sie z>u unterstützen. Wer seit der Regelung der osteuropäischen jüdischen Auswanderung (im Jahre 1904) bis zum Beginn des Krieges sich mit derselben ununterbrochen befaßt hat, weiß, daß die westeuropäischen Unterstützungen mit Geldmitteln für dieselbe fast gar nicht in Betracht kamen; daß die vereinigten Subventionen der Jca, des Hilfsvereins der deutschen Inden und der Wiener Israelitischen Allianz kaum 5 Prozent der Auswanderungskosten ansmachten und dabei grundsätzlich nur an Personen erteilt wurden, welche bereits überseeische Schiffskarten besaßen. Aber auch die eigenen Mittel der Emigranten spielten keine entscheidende Rolle. Das Gros der Emigranten reiste vielmehr mit den von ihren Verwandten in Amerika ihnen eingesandten Schiffskarten (Prepaids). Dies würde im ungünstigsten Falle auch bei einer neuen jüdischen Auswanderung aus Russisch-Polen geschehen. Mit Bezug auf den Umfang derselben muß man als Anhaltspunkt die Zahlen für Galizien nehmen. Aus diesem Lande der Not und Armut wanderten in den letzten Jahren zirka 15 000 Juden jährlich nach Amerika ans (1909 nur 8431, 1910 nur 13 142, aber im Zeitraum 1899 bis 1910 insgesamt 180 802 Personen). In Russisch-Polen würde man im Maximum wahrscheinlich mit der doppelten Anzahl zu rechnen haben, also mit etwa 3 0 0 0 0 Personen, welche von ihren Verwandten in den Vereinigten Staaten übernommen werden würden. Aber gerade durch die bevorstehende wirtschaftliche Erschließung Syriens und Mesopotamiens wird sich für junge Leute, die eine deutsche Schulbildung erworben, die Möglichkeit einer kommerziellen und gewerblichen Betätigung in jenen Gebieten eröffnen, während das Polnische ihnen bei einer jedenfalls mit in Kombination zu ziehenden Auswanderung nach dem Orient zu gar nichts nutzen würde. Also auch nach dieser Richtung ist die Förderung des deutschen Unterrichts für die Juden in Polen von großer Bedeutung.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.