Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-21 · Heft 3 (21.1.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 3 (21.1.1916)
Date
1916-01-21
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229236--71935-3284348
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

80. Jahrgang Nr. 3 Berlin, 21. Januar 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint rvöchsntUch. A bonnement s-p re^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vier telzähr lich 3 M. — Postscheckkonto 32^. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Kuäolk Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße <*M9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Tftth^lft* ^lu Schulsnige in Nujsisch-Polen. Bvn Dr. Armand y ♦ Kamiuka, Wien.— Die W ochc. — Ernst Hardt: König Salvmo. Von Ludwig Geiger. — Landesrabbiner Tr. G. Nüls in Braunschweig. — Der ungarische Landesrabbinerverein. Von B. E. — Herr Avenarius und der Burgfrieden. Bon I. Seifensieder. — Russische Greuel in Galizien. Bon Dr. M. Ginsberger. — Feuilleton: IIcelc bekommt einen Brief. Von Peter Ujvari. Einzig berechtigte Ueversetzung aus dem Magyarischen. Bon Dr. Adolph Kohut — Büchereinlans. — Literarische Blitteilungeu. — Sprechsaal. Der (tzemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des gudennims^. Berlin, Königsberg, Breslau, München, Schlüchtern i. B., Karlsruhe i. 93., Wien, Nom, Lodz. — Bon Nah und Fern. Lur Schulkrsge in Hullilch-Oolen. Bon Dr. A r m a n d K a in i u k a , Wien. s fällt schwer, einem sonst so genauen Kenner der Kulturverhältnisse und Bestrebungen der Inden in allen Ländern wie Prof. Dr. Martin Philippson, einem Manne, dessen Meinung und Rat in Zeitfragen unserer Religionsgemeinschaft so schwer ins Gewicht fallen, in einer in Deutschland wie in Oesterreich die Gemüter so sehr bewegenden Frage, wie die Organisation des Unterrichtswesens für die Juden in Russisch- Polen, mit Widersprilch zu begegnen. Aber gerade wegen der hohen Autorität, welche der verehrte Verfasser der Artikelserie über die Zukunft der Inden des Ostens genießt, dürfen seine Ansichten in der Schulfrage nicht ohne Verwahrung und teilweise Richtigstellung bleiben. Sie beruhen nämlich mehrfach auf unrichtigen Voraussetzungen, und es darf wohl als sicher angenommen werden, daß der beim Studium der Dinge der Vergangenheit an eine wissenschaftliche Prüfling des Sachverhalts gewöhnte Historiker ailch hinsichtlich der Kultnraufgaben der Gegenwart in Russisch-Polen ilnd Galizien bei näherer Untersuchung der wirklichen Lage gern seine Anschauung ändern wird. Um zunächst von dem als Beispiel angeführten Galizier) auszugehen, so trifft es ganz und gar nicht zu, daß die Inden dort ökonomisch wie moralisch auf einem so niedrigen Standpunkt stehen, „weil sie es hartnäckig abgelehnt haben, sich irgend mit dem herrschenden Polen tum zu verschmelzen". Leider ist - da unter Verschmelzung doch nur eine nationalpolitische Verbindung gemeint sein kann — das Gegenteil davon emo uns in Oesterreich, die wir den Dingen etwas näher stehen, wohlbekannte Tatsache. Die Inden in Galizien gingen bis in die letzte Zeit fast durchweg mit dem Polentum. Nicht nur dadurchdaß beinahe ein Dutzend jüdischer Reichsralsabgeordn-eten dem Polenklub angehört und aus seine nationale Politik eingeschworen ist, und nicht nur dadurch, daß die führende Schicht unter den Inden in Galizien polemisiert ist und in den ruthenischen Gegenden, wo das Polentum schwer zu kämpfen hat, sich für dessen Interessen exponiert. Weit mehr als dies bedeutet der Herrn Prof. Philippson, wie es scheint, unbekannte Umstand, daß gerade die weltfremdesten chassidischen Rabbis, wie der Rabbi von Belz, und ihr aus tiefster Kulturstufe stehender, jede moderne Schulbildung bekämpfender Anhang eine H a u p t s ä u l e de s P v l e n t u m s in Galizien bilden. Mit diesem bildrrngsseindlichen Chassidismus in treuem Bunde hat das herrschende Polentum, das sich der Inden gern bedient, aber deren wirtschaftlichen Aufschwung mit grimmigem Neide sieht, es dahin gebracht, daß der in Oesterreich gesetzlich bestehende Schulzwang für Galizien de facto außer Kraft gesetzt wurde. Nicht nur daß die Landesregierung Galiziens, welche in Schulangelegenheiten vollkommen autonom ist — selbst in einem polnischen Staate könnte sie nicht mehr Unabhängigkeit genießen —, nicht für die Volksschulbildung der Kinder der breiten Schichten der ihr treu ergebenen, bei den Wahlen in geschlossenen Reihen für sie eintretenden Chassidim sorgt, sondern selbst wenn die jüdischen Organisationen (die Baron-Hirsch-Stiftnng und die Israelitische Allianz zu Wien) hier Abhilfe schaffen und unter finanzieller Entlastung der Landesschulbehörden polnische Schulen ans ihre Kosten begründen, haben sie mit unsäglichen von den Behörden in den Weg gelegten Schwierigkeiten zu kämpfen. Wenn man die Entwicklung der Dinge in Galizien von der Nähe betrachtet hat, wo die Herrschaft des Polentums schon vor dein Kriege so gut lvie in einem eigenen Staate fundiert war und sich als Apparat zur konsequenten kulturellen N i e d e r h a l t u u g u u d soziale u £> c r a b d r ü cf u n g der jüdischen Bevölkerung erwiesen hat, kommt mau über die Besorgnis nicht hinlveg, daß ettt unabhängiges Russisch-Polen im Verhältnis zur steigenden Macht der herrschenden Nationalität trotz des sprachlichen Anschlusses der Inden dieselben der wirtschaftlichen wie der kulturellen Verelendung zuführen würde. Oder vielmehr, dieser sprachliche Anschluß würde zum Scheine gefördert und zu politischen Zwecken nach außen ansgenntzt worden (wie in Galizien der Belzer Rabbi und seine Chassidim offiziell für das Polnische eintreten), ohne daß in Wirklichkeit die ungebildete und wirtschaftlich zurückgebliebene Masse die Möglichkeit erlangen linitbc, europäische Kultur auszunehmeu; ja -sogar, indem ihr hierfür die größten Hindernisse in den Weg gelegt werden würden. Ich hege die wärmste Sympathie für das leidenschaftliche Nationalgefühl der Polen und habe volles Verständnis für ihre an sich berechtigte Sehnsucht, Herren in ihrem Lande zn werden. Es wäre auch müßig, jetzt weiter darüber Untersuchungen anzustellen, an wem die Schuld liegt, daß die Juden nicht ein integrierender, politisch assimilierter Bestandteil des herrschenden Volkstums geworden sind, wie man es z. B. in Ungarn sieht. Tatsache aber ist, daß die Polen es wenigstens in den letzten Jahrzehnten nicht verstanden haben, ähnlich den Magyaren, die in ihrem Lande in so großen Massen wohnenden, in den Städten fast die Hälfte der Bevölkerung bildenden Juden — ohne deren aktive, freiwillige und begeisterte Teilnahme die Geschicke des Landes für die Dauer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.