Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Schuljahres festgesetzt war. Infolge der fortgesetzten Steigerung aller Lebensmittelpreise während des Krieges war die Anstalt gezwungen, dein Kostgeber wiederholt größere Zuschüsse zu den festgesetzten Verpflegungssätzen zu gewahren, so daß die gesamten von der Anstalt geleisteten Zuschüsse sich wesentlich erhöht haben. Unterricht, Wohnung (für die Internen), Beheizung, Beleuchtung usw. wird für alle Schüler unentgeltlich von der Anstalt gestellt. Bei Beginn des laufenden Schuljahres (1915/16) meldeten sich zum Eintritt in die 4. Klasse 6 Schüler aus der Präparandenschule zu Burgpreppach und 3 aus der zu Höchberg, welche nach den neuesten Prüfungsvorschriften, § 22, auf Grund ihres Klassenzeugnisses ausgenommen wurden, so daß die Anstalt bei Beginn des laufenden Schuljahres von 28 Zöglingen besucht wurde, von denen einer extern ist. Allein es sind von diesen bereits 4 im Feld bzw. im Heere. Das Schuljahr wurde im verflossenen Jahre am 19. Oktober eröffnet und der Unterricht bis zum Ende des Jahres, 6. August, ohne Unterbrechung (mit Ausnahme der gesetzlichen Ferien) fortgesetzt. Am 19. und 20. April wurde der Unterrichtsbetrieb der Anstalt — auf Grund der königlichen Regierungsentschließung vom 18. Januar 1915 —durch den Herrn königlichen Semiuardirektor Königbauer einer eingehenden Visitation unterzogen. In bmi hierauf erfolgten Nevisionsbericht fanden der Lehrbetrieb au der Anstalt, das Lehrgeschick der Lehrpersonen und die gesamten Schulleistungen ihre volle Würdigung. Bezüglich des Lehrerpersonals der Anstalt ist folgendes zu berichten: Herr königlicher Sennnarlehrer Schunk wurde zun Militärdienst einberufen, für ihn übernahm den Unterricht in Chemie an unserer Anstalt Herr königlicher Präparandenlehrer H. Pregler. Au Stelle des zum Militär einberuseneu Herrn Präzeptor Hamburger und des Herrn Kapellmeister Schadewitz wurde deren Unterricht hi Klavier, Violine und Harmonielehre dem Herrn Kapellmeister Ripinsky bis auf weiteres übertragen. Die Anstalt hatte auch einen ballernden Verlust tief zu beklagen, indem Herr Kantor L e h m a n ll, der eine lange Reihe von Jahren den Unterricht im Synagogengesang an der Anstalt mit sehr großem Eifer und gleichem Erfolge' erteilte, am 17. Februar von seiner irdischen Laufbahn abberusen wurde. Der Unterricht im Shnagogendienst wurde Herrn Dr. Feinberg i. V. übertragen. Das Schuljahr 1914/15 war das erste, in welchem die 6. Klasse nach der neuen Lehrordnung von 1912 unterrichtet wurde. Diese Neuordnung bringt eine Reihe von Mehrstunden, namentlich in Pädagogik und Schulpraxis, welche von dem Herrn Seminaroberlehrer Stoll in bereitwilliger Weise übernommen wurden, nachdem infolge des Krieges Lehrkräfte nicht zur Verfügung stehen. Die Gesamtbelastung war demzufolge eine außerordentlich hohe. Der Gesundheitszustand der Anstalt kann im allgemeinen befriedigend genannt werden. Abgesehen von den täglichen Spaziergängen wurden öfters größere Fußwanderungen unternommen, die zugleich geographisch-geologischen Beobachtungszwecken dienten, im Winter der Eislauf, im Sommer das Schwimmen im Flusse gepflegt. Außerdem beteiligten sich die Schüler regelmäßig an den militärischen Hebungen der Landsturmriege. Aus der Reihe der ehemaligen Schüler wurden leider zahlreiche Blutopfer gefordert. Iu. Mainz, 7. Januar. Hier verschied eines der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Alter von 70 Jahren: Herr Sigmund Gähn. Der Heimgegangene entstammte sowohl väterlicherwie mütterlicherseits Altmainzer Familien, die durch viele Geschlechter hindurch echtes Judentum mit edlem Menschentum vereinten. Ein Vorfahre Cahns wurde von der Gemeinde Mainz mit der Vertretung in dem großen Sanhedrin in Paris betraut, das Napoleon für alle Juden seiner Länder berief. Ein anderer Vorfahre riß mit eigenen Händen Bresche in die Ghettomaueru, als der befreiende Sturm der Gerechtigkeit im Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Westen auch über Mainz brauste; sein Großvater war es, der das Abschlußgitter der Judengasse als erster mit eigener Hand beseitigte. Es ist nur natürlich, daß der Abkömmling einer solchen Familie alle Eigenschaftelr in sich vereinigte, die ihn zur Zierde unserer Gemeinde machten.. Hauptsächlich verhalf er vielen jungen Kanfleutcn zu Lebensstelluugen, er war Vorsteher der israelitischen Haupt gemeinde und während zweier Termine Präsident der Rhenusloge U. O. B. B. Auch war er der erfolgreiche Vertreter der Mainzer Ortsgruppe des Vereins zur Abwehr des Antisemikismus, An seinen: Leichenbegängnisse beteiligte sich eine - überaus große Anzahl von Mitgliedern der hiesigen Gemeinde sowie Freunde von weither; eine Reihe von Rednern pries die hohen Tugenden des Dahillgeschiedenen. Es sei noch erwähnt, daß ein Brilder des Verstorbenen die höchste Beamtenstellnng einnahm, die jemals ein Jude in Deutschland erreichte, und daß der Geheime Legationsrat Dr. Will). Cahn (Berlin), so heißt der Herr, noch höhere Aemt-er, die ihm um den Preis eines Glaubenswechsels winkten, ausschlug. Stratzburg i. E., 7. Januar. Die hiesige israelitische K n l t n s g e in einde bezieht zurzeit zur Bestreitung ihrer Kultusausgaben eine städtische Unterstützung von 1500 Mark jährlich. Sie hat beim Gemeinderat den Antrag gestellt, daß diese Unterstützung aus 5000 Mark erhöht werde. Begründet wird der Antrag besonders damit, daß die Kultusgemeinde beabsichtige, eine Ruhegehaltsrücklage für ihre Beamten einzurichten. Hierzu fehlen noch etwa jährlich 5000 Mark, welche die Stadt aufbringen soll. Der Gemeinderat beschloß, den erbetenen Mehrbetrag aus folgenden Gründen abzulehnen. Die zur Begründung des Antrages vorgelegte Rechnung von 1912 weise keinen Fehlbetrag ans, ebensowenig der Voranschlag für 1914. Die Erhöhung des städtischen Zuschusses von 1500 Mark auf 5000 Mark solle dazu dienen, neue Ausgaben zu machen, die einen Fehlbetrag nicht rechtfertigen und für welche die Stadt unter keimu Umständen aufzukommen habe. Der Haushaltsplan der israelitischen Kultusgemeinde lei so reichlich nusgestattet, daß die Haushaltspläne der übrigen hiesigen Kultusgemeinden keinen Vergleich damit anshalten können. Es bestehe hiernach rechtlich und sachlich kein Alllaß, dem Anträge stattzugeben. KMstins. 2. Jerusalem, im Dezember. Die türkischen Behörden haben den Kolonisten von R i scho n-l e - Z i on die Dünen längs ihrer Kolonie abgetreten. Diese Konzession wurde voll den Behörden als Zeichell der Anerkennung des Wertes der jüdischen Kolonien für das Land gewährt. Die Abgrenzung der abgetretenen Dünen wird in den nächsten Wochen vorgenommen werden. ~~ Der Frauenverein in Jerusalem beschloß, einen Zyklus von Wintervorträgen über Geschichte, Naturwissenschaft und Kunst in Jerusalem zu veranstalten. Die Organisierung der Vorträge soll dieselbe sein, wie die der Vorlesungen, die die Lehrer im vorigen Sommer eingerichtet hatten, aber populärer, um auch den breiten Schichten der Intelligenz Jerusalems zugänglich zu sein. Der Zyklus wird ans 20 Vorlesungen bestehen. Bis jetzt haben die folgenden Vorlesungen stattgesunden: Schriftsteller A. M. Boruchow über Soziologie, Dr. A. Beham über die Entdeckungen des verstorbenen Professors Ehrlich und Professor Boris Schatz über Autokolsky. Alle diese Vorträge, die in hebräischer Sprache abgehalten und durch Lichtbilder illustriert wurden, zogen Scharen von Besuchern an, die mit Spannung den Vorträgen folgten. — Leider hat sich die wirtschaftliche Lage in Palästina erheblich verschlechtert. Die Preise für die Lebensmittel steigen von Tag zu Tag und sind selbst für die nicht ganz mittellose Bevölkerung kaum noch zu erschwingen. — Es niuß immer wieder darauf hingewiesen werden, daß die Ueberweisung von Hilfsgeldern aus allen Ländern dringend erforderlich ist. Spenden nehmen die einzelnen Landessammelstellen oder die Zentralstelle für die Palästina- Hilfsaktion (American Jewish Relief Committee, New Dort, 44 East 23rd Street, und das Bureau der Zionistischen Organisation, Kopenhagen, Vestergade 1) entgegen. Amerika. Z. New Aork, im Dezember. Am 22. November fand in New Port eine große Versammlung «der New Iorker Kanflente und Industriellen statt; dieses Meeting war einberufen worden, um die Schritte zu beraten, die zur Beschaffung, eines Millionenfonds für die vom Kriege betroffenen Inden in Europa nötig wären. R-ev. Dr. I. L. Magn es präsidierte, und unter den Rednern des Abends waren: Jacob H. Schiff, Kongreßmcmn Meyer London, Herman Bernstein, Oberst Cutter usw. Jacob H. Schiff führte in seinem Appell folgendes aus: „Was wollen wir nun tun? Was können wir tun? Wir haben bereits ein Hilfskomitee organisiert, und in den VA Kriegsjahren haben wir 1 300 000 Dollar aufgebracht. Doch was ist diese Summe, verglichen mit den 3 000 000 Juden Amerikas, von denen ja mindestens 100 000 reich sind. Wir würden nicht zu viel leisten, wenn wir 30 000 000 Dollar aufbrächten! Wir müßten sogar noch mehr ausbringeu. um dem Elend unserer Glaubensgenossen zu steuern. Ich glaube, jeder Jude in Amerika könnte für einen Juden der kriegführenden Länder sorgen. Jeder muß jetzt seine Pflicht bis aufs äußerste tun, jeder hat etwas übrig für seine leidenden Glaubensgenossen jenseits des Wassers."