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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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24 Meine Freunde, ihr begreift wvhl, daß ich am nächsten Tage schon nicht mehr im Elternhause war, sondern auf dem Wege nach der Großstadt, um etwas zu lernen. Seit jener Zeit aber sehe ich immer die Braut vor mir. Bin ich allein im Zimmer, so male ich mir unwillkürlich das Bild meiner Braut aus, die ich immer vor Augen habe. Ein dunkles Mädchen, mit dichten Augenbrauen und dunkler Hautfarbe. Manchmal scheint es mir, als ob sie wie Dornröschen eingeschlafen sei. Sie geht und schläft, singt, tanzt und — schläft bis — der Geliebte erscheint, um sie zu erwecken. Nicht selten Plagt mich der Vorwurf, daß ich auf und davon lief und eine Braut zurückgelassen habe, die meine Rückkehr sehnlichst erwartet. Die Jahre ziehen, aber sie wird nicht älter. Sie wartet auf mich, damit ich komme, ihre Lippen küsse und sie wieder zum Leben erwecke. Ich habe viele Mädchen geliebt, an viele mein Schicksal gebunden. Aber ich habe sie alle hintergangen, denn zu Hause wartet mein Dornröschen auf inich. Am Freitagabend werden dort die Lichter feierlichst angezündet, am Halse meiner Braut schimmern herrliche Perlen, über ihre Schultern fallen zwei dicke, schwarze Zöpfe, und ihre Hände sind weiß und durchsichtig. Draußen ist alles in Nacht gehüllt. Die väterliche Mühle wird durch den Wind bewegt. Sie aber sitzt und wartet auf mich. Die Lichter brennen herunter. Am Tische sitzend, kreuzt sie die Hände und wartet. Durch Städte und Dörfer führt mein Weg. Wie viele Menschen lerne ich kennen, wie viele junge Mädchen ziehen mich in ihren Bannkreis, und ich kann und kann zu meinem stillen, untrüglichen Glücke nicht kommen." „Hast du sie nie gesehen? Wohnt sie nicht ganz in der Nähe deines Elternhauses?" So fragten meine Freunde und kamen darin überein, daß es ganz in der Nähe sei und wir in drei Stunden dort sein könnten. „Schon früher einmal suchte ich den „Schadchen" auf und fragte ihn nach der Braut, die er mir zuführen wollte. Ich war auch schon dicht neben der Mühle und kehrte wieder um." „Hast du eine Enttäuschung gefürchtet?" „Nein, aber ich will mein Glück, meine Braut nicht sehen." „Komm, wollen wir hinfahren! Um acht Uhr geht der Zug. Wie irrende Ritter treffen wir des Nachts ein und finden dein schlafendes Dornröschen. Wie romantisch!" Die Freunde waren entzückt von dem Plane, gegen den ich mich vergebens zu sträuben suchte. Es war Mitternacht, als wir dort ankamen. Mein Herzklopfen hörte erst auf, als ich mich verwundert umsah und drei Mühlen wie dunkle Wächter auf dem Hügel vor mir aufstiegen. Durch die geschlossenen Fensterladen des Hauses schimmerte noch Licht. Der Bauer, der uns führte, belehrte uns, daß in der Mühle auch das Wirtshaus sei. „He, öffnen, Gäste sind da!" riefen übermütig meine Begleiter. Sowie die Tür aufgeschlossen wurde, zitterten mir die Knie, und wie im Nebel ließ ich mich über einen unebenen Boden nach einem Zimmer führen, wo auf dem Kamin eine Lampe stand. Nebenan weinte ein Kind. Ein junger Jude im hellen Schlafrock fragte nach unseren Wünschen, und hinter ihm tauchte die Silhouette einer Frau auf mit einem weißen Kopftuch. „Können wir etwas zu essen bekommen?" fragt der Bildhauer. „Gewiß," sagt der Mann im Schlafrock und ruft: „Sorelle. Sorelle!" In einen braunen Mantel gehüllt tritt die Frau ein, geht dann nach der Küche, wo man sie Holz spalten hört. Das Kind beginnt lauter zu schreien, und der Vater verläßt uns, um es zu beruhigen. Inzwischen geht der Bildhauer zur jungen Frau heran und fragt: „Wie lange sind Sie verheiratet?" — „Acht Jahre!" — „Sollten Sie nicht ursprünglich den Isaak Schachliner heiraten?" — „Woher wissen Sie das?" und während sie das fragte, verzerrte sich ihr häßliches Gesicht durch ein schiefes Lächeln, und ihr Mund zeigte zwei Reihen schwarzer Zähne. Ich lief zur Tür hinaus. Die Nacht war dunkel. Feuchtigkeit durchtränkte Luft und Erde. Ich eilte über die Felder in die tiefe Nacht hinaus. Woran ich in dem Augenblicke dachte — ich weiß es nicht. Aber die Erinnerung an das schiefe Gesicht und an den häßlichen Mund - - das ist alles, was mir von meiner „einzigen Geliebten" im Gedächtnis zurückgeblieben ist." Mchrrrinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Feldbrief der Agudas-Jisroel-Jugendorganisation, Bund gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine. r Karl Robert Lessings Bücher- und Handschriftensammlung, herausgegeben von ihrem jetzigen Eigentümer Gotthold Lessing, Rittergutsbesitzer zu Keseberg bei Grans.ee, zweiter Band, Handschriftensammlung, Teil 2: Deutschland. Bearbeitet von Arend Buchhvltz. Berlin, Otto v. Holten, Kunst- und Bnchdruckerei, 1915. Die Entstehungsursache der jüdischen Dialekte. Bon Matthias Vlieses. Verlag R. Löwit. Men 1915. Die älteste gedruckte deutsche Uebersetzung des jüdischen Gebetbuches aus denl Jahre 1530. Eine literarhistorische Untersuchung von Dr. Joseph Mieses. Verlag von R. Löwit. Wien 1915. Literarische Mitteilungen. G e b e te fü r K a n t o r e n b e i L e i ch e n b e g ä n g n i s s e n. Zusammengestellt und herausgegeben von Max Schwager, Mitglied des Chores der israelitischen Kultusgemeinde Wien. Zu beziehen aus dem Selbstverläge des Herausgebers, Wien II, Zirkusgasse 50. In Deutschland waren es Adolf Schön feld, Oberkantor der Brüdergemeinde Posen, und Prediger Lion Wolfs, die für den Kantor eine handgreifliche Agenda für alle seine Funktionen veröffentlicht haben. Nach diesen Kantoren hat Kaiserlicher Rat Oberkanten Joses Sing e r, Wien, ein vollständiges Handbuch zum Gebrauch für Kantoren nebst musikalischen Beilagen herausgegeben. Auch Max S chw-a ge r Mitglied des Chores der israelitischen Kültusgemeinde Wien, hat sich diesem Zweige der kantoralen Funktion, gestützt auf seine in der Wiener Kultusgemeinde gemachten langjährigen Erfahrungen, zugewandt, indem er die bei Beerdigungen üblichen Gebete wie Hazur tomi-m, Schimeu sos (Psalm 49)', Menuchoh nechaunoh, Joschew bessesser, Schiwisi, Michtom ledowid, El inole rachamim und Kaddisch hat erscheinen lassen. Wie im Gottesdienste, hat auch in der Ausübung der Kasualien Salomon Sulz er für den Kantor Schule gemacht. Sulzer. hat die eben eingeführten Gebete in Musik gesetzt und sie in seinem Schir Zion ausgenommen. Ludwig August Frankl schrieb über diese Sulzersche Funktion folgende Worte: „Am mächtigsten aber war sein Gesang, wenn er an offenen Gräbern sang. Er zerschmetterte die Seele der Trauernden, dabei hob er bebend die Hände und blickte, wie den Himmel anklagend, empor." Diese Sulzerschen Beerdigungsgesänge haben durch die gütige Erlaubnis des Professors Josef Sn lzer, der mi-t frommer Pietät das Vermächtnis seines Vaters führt, im Büchlein von Max Schwager Aufnahme gefunden, und es war eine glückliche Idee S ch Wägers, diese immer mehr in Vergessenheit kommenden, herrlichen Trauergesänge des Altmeisters Sulzer in fein gestochener Notenschrift den jüngeren Kantoren in Erinnerung zu bringen. Somit empfiehlt es sich von selbst und wird in den Kantorenkreisen als willkommene Gabe begrüßt werden. Das Büchlein schmückt auch ein künstlerisch ausgestattetes Bildnis des Altmeisters Sulzer mit Faksimile. Aron Fried mann. Königlicher Musikdirektor, Oberkantor der jüdischen Gemeinde, Berlin.

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