Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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23 groß angelegten Leben benötigte. Aber es ist auch aus diesen Briefen die bedauerliche Tatsache ftit konstatieren, daß Heine ganz unverfroren nach der Auffassung verfuhr, reiche Leute seien nur dazu da, einen Teil ihres Geldes armen Poeten zu geben. Wenn er nach -diesem Grundsätze seinem Onkel Salomon und auch dessen Sohne gegenüber verfuhr, so läßt sich dies wenigstens aus verwandtschaftlichen Rücksichten begreifen, wenn auch nicht entschuldigen; recht befremdlich ist dagegen, daß er seine Beziehungen zu der schönen und geistreichen Baronin Betty, die sein Talent würdigte, ausnutzte, um sich von ihrem Gatten bezahlen zu lassen, ja, daß er auch den ihm unbekannten Chef des Wiener Hauses geradezu mit einer Geldforderung behelligte. Die hier mitgeteilten Briefe gewähren, wenn sie auch Heines Charakter in ein übles Licht setzen, einen hübschen Beitrag zur Kenntnis der bekannten Generosität der Röthschildschen Geldfürsten. VW Meine Lrsut. Erzählung von S ch a l o in A s ch. Deutsch von Marie Beßmertnh.^ V\A ir saßen zu dreien im Zimmer meines Freundes Jossi, der Bildhauer ist und von uns scherzweise „Büstenfritze" genannt wird. Dieser Spitzname erklärt sich durch seine Leidenschaft für elegante Frauenbüsten. Cr sieht in der Frau vor allem die Linie. Begegnet er einem hübschen Mädchen auf der Straße, so geht er ihr nach, studiert ihre Linien und alle Biegungen ihrer Figur und bewegt instinktiv die Finger, als modelliere er aus der Luft, wie aus Ton, ihr Bildnis. Die Vorübergehenden blicken ihn nicht selten wie einen „Verrückten" an, und mitunter zog er sich auch sogar eine Ohrfeige zu von dem Begleiter eines seiner bewunderten Modelle. Der „Büstenfritze" betrachtete sich als einen gefährlichen Herzensbrecher und sprach gern von seinen Liebesabenteuern. Er spielte gewissermaßen die Rolle des Generals in unserem kleinen Kreise, und wir folgten seinem Beispiele und erzählten nacheinander unsere Erlebnisse. Als ich an die Reihe kam, lachten die anderen. Sie wissen nur zu gut, daß ich mich in jedes hübsche Mädchen verliebe, und zwar täglich in ein anderes. So werde ich von ihnen stets geneckt, daß ich alle schönen Mädchen in der Welt mit gleicher Hingebung liebe. Sie nehmen mich daher nicht mehr ernst, sahen mich aber verwundert an, als ich erzählte, daß die einzige Liebe, die mich wahrhaft erfüllt, meiner Braut gilt, die ich noch nie gesehen habe. . . „Das ist interessant! Fahr' nur fort!" rufen die Freunde aus, und ich beginne: „In der Familie eines „Chofsid" (eine jüdische Sekte) wurde ich in einer kleinen Stadt geboren. Mein Vater, ein reicher Kaufmann, ließ mich streng religiös erziehen und wollte aus mir einen Rabbiner machen. Meine fromme, alte Mutter, welche harte Prüfungen im Leben zu bestehen hatte, sah in mir einen sonnigen Hoffnungsstrahl. Zu ihrem Schmerze mochten meine älteren Brüder sich gar nicht mit dem Talmud befassen und widmeten sich später dem Geschäfte. Ich aber entwickelte mich ganz anders, lernte eifrig und war der Augapfel. meiner Mutter, die sich an mir gar nicht sattsehen konnte. Der Vater war die ganze Woche in Anspruch genommen, aber am Sabbat nach dem Mittagessen, wenn er mich laut den Talmud lesen hörte, schritt er leise auf den Zehen durchs Zimmer und rieb sich die Hände vor Vergnügen. Er konnte sich nicht enthalten, ab und zu an mich heranzutreten und mir zärtlich die Wange zu streicheln. Ich war der Liebling meiner Eltern, und zu den großen Festtagen bekam ich einen feinen Atlasrock. Meine Mutter war ganz vernarrt in mich. Sie schenkte mir Geld und eine Uhr. Oft erschien sie auch bei meinem Lehrer oder „Rabbi", um nachzuhören, ob ich Fortschritte mache. So gingen 16 Jahre ins Land. Ich weiß nicht, wie es zuging, aber aus einmal begann ich zu denken und zu zweifeln. Mein Glaube an Gott und an die Kraft des Gebetes wurde erschüttert, sobald ich tiefer in das Wesen des Weltgetriebes eindrang. „Warum sollte man nicht sündigen dürfen? Was geht es Gott an, wenn die Leute sündigen?" Solche Gedanken erfüllten mein Hirn, wenn ich durch die Straßen ging und ernstlich nachzudenken suchte. Ich liebte die strahlende Sonne, und heimlich ging ich an der Talmudschule vorüber und begab mich in den Garten. Dort legte ich mich oft unter einen Baum, schaute aufmerksam nach den Wolken und ihren Bewegungen und versenkte mich in die Welträtsel. Jetzt kann ich wohl leicht daran denken, aber damals litt ich tief darunter. Die Erschütterung meines Glaubens war von seelischen Qualen begleitet, und nur mit großer Ueberwindung gab ich das Beten auf. Ganz besonders peinlich war mir der Gedanke an meine Eltern. Welch eine Verzweiflung würde sie ergreifen, wenn sie von dem Umschwung meines Innenlebens Kenntnis erlangen! Sie bemerkten allerdings meine veränderte Stimmung und erklärten sie nach ihrer Weise. Mein Vater, der viel zu tun hatte, kümmerte sich an den Werktagen nicht viel um mich. Am Sabbatanfang setzten aber für mich schon die schrecklichen Stunden ein. Die religiöse Weihe und heilige Ruhe dieses Tages drückte meine Seele und mein Gewissen. Am Freitagabend schon schmückte ich mich mit dem schwarzen Atlasrock und begleitete den Vater zum Bethause. Sowie ich nach Hause zurückkehrte, grüßten mich die brennenden Lichter in silbernen Leuchtern, und das Antlitz meiner Mutter zeigte den Widerschein einer inneren Erleuchtung. Unter dem Eindrücke der Gebete, des Gesanges stimmte ich mit dem Vater das „Hohelied" an und fühlte mich beruhigt. Das währte aber nicht lange. Ich faßte vielmehr den Entschluß, vom Elternhause zu entfliehen und in der Großstadt zu lernen. Ueber die anderen Wissenschaften konnte ich mir nur eine dunkle Vorstellung machen, aber dennoch litt ich unter einem geistigen Hunger. Ich hatte etwas von Philosophie und von Spinoza gehört, und die Fragen nach „Anfang und Ende" aller Dinge marterten mich Tag und Nacht. Unerwartet trat inzwischen noch ein Ereignis ein. Eines schönen Tages kam nach der Talmudschule, wo ich meinem Studium oblag, der „Schadchen" (Heiratsvermittler) Jankel mit noch einem klug und bärtig aussehenden Juden. Sie näherten sich meiner Bank und fingen an, mich zu examinieren. Erst war ich verwirrt, weil meine Kameraden mich umringten. Dann aber antwortete ich prompt, und die beiden Fremden schienen mit mir zufrieden zu sein und streichelten mir die Wangen. Zu Hause sah alles festlich aus. Mein Vater durchmaß mit dem bärtigen Juden das Zimmer. Ich wurde in die andere Stube gerufen, wo ich auf den Wunsch von Jankel einen „deutschen Brief" schreiben sollte. Als er beendet war, wurde er von dem fremden Juden geprüft, der mir Zeichen seiner Anerkennung gab. Sodann begaben wir uns alle nach dem Eßzimmer. Ich bekam an diesem Tage eine ganze „Portion", wie ein Erwachsener. Nach dem Essen führte mich meine Mutter in einen entlegenen Winkel, fiel mir um den Hals und sprach: „Du, mein Leben, mein geliebtes Kind, du sollst eine Braut haben, die Tochter dieses reichen Müllers! . . ."