Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 22 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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22 nichtssagende Redensarten aufzustacheln. Solches tröstlich wimmernde lauwarme Trostgeschwätze, ist mir weit fataler, als das laute Geheul der heidnischen Todtenklage, und ich sehe hier wie acht menschlich, wie gefühlvoll zartsinnig dagegen, der fromme Gebrauch der alten Juden ist, die sich schweigend zu dem Leidtragenden niedersetzten, und nach einer Weile, ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, wieder sortgehen!" Außerdem ist eine dritte Stelle sehr interessant, die sich in einem Briefe der Baronin Betty an Heine findet. Heine hatte ihr, wie Hirth gleichfalls gezeigt hat, das bekannte Werk seines Vetters Hermann Schiss: „Schief Lewinche und seine Kalle", das zwar schon 1848 erschienen war, im Jahre 1851 geschickt und zur Lektüre empfohlen. In ihrer Antwort vom 5. Juni 1851 entschuldigte sich die Ädressatin, daß sie das empfohlene Buch bisher nicht habe lesen können, und bittet um die Erlaubnis, es nach Gastein mitnehmen zu dürfen. Nachdem sie sich teilnahmsvoll über Heines Befinden geäußert und die besten Wünsche für seine Genesung ausgedrückt hatte, fährt sie fort: „Lassen Sie mir die Freude, Ihnen auch meinerseits ein jüdisches Merkchen anzuempsehlen, und es Ihnen aus Deutschland mitzubringen. . Aus dem Ghetto ein Roman v. Kompert wird Sie gewiß höchst interessieren, seine ächt jüdische Sprache, das süße Familienleben, welches alle Fibern des Gemüts und des Herzens darin durchziehet und bis aus den harten Druck der Intoleranz, alles ist wahr und angreifend und ruft (das) längst verklungene Echo einer dahin gegangenen Zeit in uns aus." Das Kompertsche Buch, das hier empfohlen wird, war gleichfalls schon 1848 erschienen; der Verfasser, Leopold Kompert, wurde von der Familie Rothschild protegiert und erhielt durch sie eine Anstellung an der obenerwähnten Wiener Kreditanstalt. Heine hatte das ihm empfohlene Buch bisher gewiß nicht gekannt; ob er cs wirklich gelesen und Gefallen daran gefunden, läßt sich nicht bestimmen. Denn Komperts Name kommt in Heines Briefen nicht vor, auch in seinen Werken keine Aeußerung über diesen merkwürdigen Autor. Es ist aber sehr charakteristisch, daß die in Paris lebende Baronin, die ja freilich von Geburt eine Deutsche war, dem gleichfalls in Paris wohnenden Autor dieses deutsch geschriebene Werk empfiehlt. Auch die Art, wie sie darüber spricht, zeugt von ihrem feinen Verständnis und ihrer guten literarischen Auffassung. Eine vierte Angelegenheit hat zwar direkt nichts mit Juden zu tun, ist aber bedeutsam genug, um hier hervorgehoben zu werden; es ist die beabsichtigte Reise Heines nach Berlin im Jahre 1846. Heinrich Heine war bekanntlich unter den Bann geraten, der 1835 in Preußen die Mitglieder des sogenannten „Jungen Deutschland" traf. Während aber von diesen einige in Preußen lebten (Heinrich Laube und Theodor Mündt), anderen der Aufenthalt in Preußen, sobald sie darum nachsuchten, gewährt wurde, alle übrigens seit 1842 bzw. 1844 straflos dastanden, war Heine durch seine vielfachen Angriffe gegen Preußen, vor allein durch die überaus heftigen, gegen Friedrich Wilhelm IV. gerichteten Gedichte weiterhin verfemt, so daß für ihn, der seit 1831 in Paris lebte, eine Reise nach Preußen überaus gefahrvoll sein mußte. Deshalb vermied er bei seiner bekannten Reise nach Deutschland, der sein berühmtes Gedicht „Deutschland, ein Wintermärchen" seine Entstehung verdankte, ängstlich soviel wie möglich preußisches Gebiet. Wenige Jahre später, Anfang 1846, trug sich Heine jedoch mit der Absicht, Deutschland wiederum zu besuchen und geradezu nach Berlin zu gehen: nach Deutschland, um die häßliche Erbschastsgeschichte, die Hinterlassenschaft seines Onkels Salomon Heine, in Ordnung zu bringen, nach Berlin, um den dortigen Professor Dieffenbach wegen seines Augenleidens zu konsultieren. Um diesen Zweck zu erreichen, schrieb Heine an Alexander v. Humboldt am 12. Januar 1846 einen Brief, in dem er die Tätigkeit des berühmten und einflußreichen Mannes erflehte, damit seiner Reise kein Hindernis in den Weg gesetzt würde. Humboldts Vermittlung hatte jedoch keinen Erfolg. Denn der Staatsminister v. Bodelschwingh antwortete dem intervenierenden Gelehrten sehr energisch: „Daß der P. Heine unter mehreren Anklagen wegen Majestätsbeleidigung und Aufreizung zur Unzufriedenheit stehe, mithin die Verhaftung zu erwarten habe, sobald er den preußischen Boden betrete." In der Hirthschen Veröffentlichung wird nun ein Brief Heines an Rothschild (wahrscheinlich den Pariser Träger des Namens) mitgeteilt, der fast gleichlautend mit dem an Humboldt geschriebenen ist, nur daß in dem ersteren die Anrede „Herr Baron" und das Wort „dortigen" (administrativen Berufen) ausgelassen wird. Daraus geht hervor, daß Heine sich nicht mit der Vermittlung Humboldts begnügte, sondern auch den mächtigen Finanzmann, der auch Königlich Preußischer Geheimrat war, um Verwendung anging. Rothschild aber weigerte sich, für seinen Schützling, dem er sonst gern gefällig war, etwas zu tun, so daß Heine am 10. Februar 1846 ziemlich ärgerlich schreiben konnte: „Mit Rothschild sehr gespannt." Es ist überaus interessant, aus diesem Schriftstücke zu ersehen, wie Heine alle Hebel in Bewegung setzte, um den Zugang in Preußen zu erlangen. Ein solcher Schritt schändet ihn durchaus nicht, denn er ließ sich nie herbei, eine Abbitte zu leisten oder, wie es andere Schwächlichere in jener Zeit taten, ein Versprechen für sein künftiges Wohlverhalten abzugeben, sondern wünschte nur die Zusicherung der Behörden, bei einer Reise durch den preußischen Staat nicht belästigt zu werden. Der zuletzt erwähnte Schritt Heines kann ihm also nicht übel gedeutet werden. Dagegen werfen die früher behandelten, teilweise mitgeteilten Schriftstücke kein sehr schönes Licht auf seinen Charakter. Gewiß war er krank und konnte gerade infolge dieser Krankheit nicht die Summen verdienen, die er zu seinem, wenn auch nicht gerade verschwenderischen, aber etwas III. Grabstein, aufgefunden in Rothenburg o.d.T. im Mai 1914. •fort J-C " Xx'n