Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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21 um in anständiger Form meinen sehr unbrillanten Finanzen Aushilfe angedeihen zu lassen. Bei Ihrer allgemein berühmten hohen Geistesbildung und bei der Eitelkeit, mit der die Dichter behaftet sind, ist eine solche Annahme sehr natürlich. Bielleicht auch wende ich mich vorzugsweise an Sie, weil Sie, Herr Baron, Deutschlands neue Zustände genau kennen und daher wohl wissen, daß für die moralischen Interessen Ihres neuen Bankinstituts der Eifer eines Publizisten von vielbezweigtem (sie!) Einstuß nicht ganz überflüssig ist". (Die letzte Stelle ist ungemein charakteristisch. Heine bettelt in gar nicht mißzuverstehender Weise, aber er versucht die Bettelei einigermaßen dadurch zu verhüllen, daß er sich zu publizistischen Gegendiensten bereit erklärt.) Die Antwort, die der Geldfürst auf diesen Bettelbrief erteilte, ist so eigenartig, daß ich sie hier wörtlich folgen lasse: Wien, 24. Dec. 1855. Wertester Herr Heine! Ihr freundliches Schreiben vom 16ten d. M., in dessen Besitz ich gestern gelangte, gewährt mir die angenehme Gewißheit, daß, wenngleich Ihr Körper durch langjährige Leiden niedergebeugt, die Frische und der Humor des Geistes sich doch bei Ihnen ungeschwächt erhalten hat. Sie gehören jenen bevorzugten Naturen an, bei denen das geistige Wesen die Materie beherrscht. Sie wünschen, mein werter Herr Heine, daß ich Sie bei dem nunmehr ins Leben tretendesns Geschäft der Kreditanstalt für Handel und Gewerbe nicht ganz umgehe. Ich könnte Ihnen gleich dem lieben Herrgott in Schiller's Dichtung mit den Worten erwidern: „Was t h u n, d i e Wel t i st h i n g c g e ben? Willst Du in meinem Himmel mit mir wohnen?" Denn ich erhielt Ihr Schreiben, nachdem nicht nur die öffentliche Subscription geschlossen, sondern auch deren Resultat, und welch ein dürres (da sich dieses nicht über 2% der eingezeichneten Beträge erhob) veröffentlichst) waren. Wo ich jedoch voraussetzen darf, daß Ihre Poetenseele so spät als möglich ihren Sitz neben Jovis Thron aufzuschlagen sich anschicken möchte, und ich nicht so verschwenderisch wie dieser Haidengott mit den Schätzen der Erde wirtschafte, sondern für Männer die mir nahe stehn, wie für solche die ich achte bei dergleichen Geschäften etwas in Reserve halte, so stelle ich Ihnen als der Zahl der letzteren angehörend gerne den Betrag von St. 100 Aktien in der Art zur Verfügung, daß ich nun Ihrer gefälligen Rückäußerung entgegensetze um diese Aktien zu ihrem gegenwärtigen Stanistvön^liHAgio wiederum käuflich von Ihnen zu übernehmen u. das Nutzergebnis mittelst einer Anweisung auf mein dortiges Haus zu begleichen. Ich ergreife diesen Anlaß, Ihnen werter Herr Heine, die Zusicherung meiner freundschaftlichsten Gesinnungen uno ganzer Wertschätzung zu erneuern. As. v. Rothschild. II. Grabstein, aufgefunden in Rothenburg o. d. EL im Mai 1914. Heine nahm das ihm gewährte Geschenk in einem undatierten, wahrscheinlich aus den letzten Tagen des Jahres 1855 herrührenden Briese an. In diesem drückt er sich in folgender Weise aus: „Ich sage Ihnen meinen wahrhaftesten Dank für dieses Geschenk, ich sage Geschenk, denn ich hege nicht jenen kleinen Bettelstolz, der nicht gern die Sache bey ihrem rechten Namen nennt, obgleich ich dennoch eingestehe, daß Sie durch die merkantilische Fikzion womit Sie Ihr Geschenk bekleiden (!) mich doppelt verpflichtet und erfreut haben; ich sehe darin ein Zeichen der Achtung für einen Poeten und zugleich ein Zeichen Ihrer Pietät für den Geist überhaupt, den selbst der Hochgestellte nie verletzt ohne dadurch zu beurkunden, daß er nicht zur Parthey der Geister gehört. Wie wenig verstehen zumal die Neo-Millionäre die Kunst des Gebens! Jedes Mal wenn sie uns ein Stück Geld zuwerfen, werfen sie uns zugleich ein Loch in den Kopf; denn sie wissen die feineren Köpfe, die leicht wundbar, nicht zu unterscheiden von dem dicken Hirnschädel des Pöbels, der alles verträgt. Ja die Kunst des schönen Gebens wird in unserer Zeit immer seltener, in demselben Maße wie die Kunst des plumpen Nehmens, des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeihet, daher nochmals meine Danksagung, Herr Baron, für Gabe und Form des Gebens, so wie überhaupt für den Antheil an meinem traurigen Leibeszustand, der sich in Ihrem Briefe so liebreich und gefühlvoll ausspricht." Das Geschäft wurde geinacht; wie aus einem ivciteren Schreiben des Wiener Bankiers hervvrging, betrug das also Heine zugeflossene Geschenk die ansehnliche Summe von 4000 Francs. Eine zweite, gleichfalls in hohem Grade interessante Angelegenheit, die in diesen ungedruckten Briefen berührt wird, ist der Tod eines Mitgliedes der Rothschildschen Dynastie, wahrscheinlich des Chefs des Frankfurter Hauses. Der Brief ist nach der sicheren Untersuchung Hirths auf den 6. Dezember 1855 zu verlegen. Auch in diesem Briefe findet sich eine recht unverfrorene Bettelei. Da, so führt Heine aus, andere Großmächte an die Finanzen der Poeten nicht denken, so sei es hohe Zeit, daß der Pariser Rothschild wieder Geschäfte unternehme, „wobei er mich beteiligen kann". Am Anfang des Briefes erwähnt Heine den Verlust, den die von ihm verehrte Frau erlitten habe, und beklagt ihren leidenden Zustand. Dann fährt er fort: „Ich nahm mir vor, sobald ich nur eine halbwegsss schmerzlose Stunde fände, der edlen Dulderin zu schreiben; aber diese Stunde kam nicht und dann wollte ich warten bis die Zeit conventioneller Beileidsbezeugungen verflossen: denn wahrlich nichts ist mir mehr zuwider wie jene üblichen Condolenzen, jene grausame barbarische Sitte, wo es dem Ersten Besten erlaubt ist, zu jeder beliebigen Stunde den Verband von unseren Wunden abzureißen und unfern Schmerz durch