Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229235--71924-3284336- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
19 „Die Post" veröffentlicht einen Artikel über die Amerikaner und die russischen Juden, der so lautet: Ein Mitarbeiter der Stockholmer „ Dagens Nhheter" hatte mit einem amerikanischen Journalisten, der mit Fords F r i e d e n s e x p e d i t i o n in- Stockholm -eintraf, und der selbst Mitarbeiter von in New Jork erscheinenden russischen und jüdischen Zeitungen ist, eine Unterredung über die jüdische Frage. Der Amerikaner sagte u. a.: Was wir für die europäischen Juden tun werden, ist noch nicht genau bestimmt. Es ist dabei viel zu tun. In Polen, Rußland und Galizien ist das Elend groß. Was der Krieg nicht vernichtet hat, haben Deportationen und andere Zwangsmaßnahmen vollendet. Schlecht waren die Verhältnisse schon früher, jetzt aber gar nicht zu beschreiben; wie allerdings die Sache für die heim- und rechtlosen Juden geregelt werden wird, darüber sind die Meinungen verschieden. Die Zionisten hoffen aus politischer Grundlage ihrer Idee, die Erschließung Palästinas für Millionen Israeliten zu erlangen, den Sieg zu verschaffen. Wir anderen denken mehr daran, wie wir der augenblicklichen Not abhelfen und eine Besserung in der rechtlichen Stellung der Juden herbeiführen können. In dieser Beziehung hegen wir gute Hoffnung. England hat versprochen, Rußland zu beeinflussen, eine vernünftigere und gerechtere Judenpolitik zu führen. Die Vereinigten Staaten Amerikas stehen noch immer auf ihrem alten Standpunkt: Kein Handelstraktat mit Rußland, bevor dessen Judenfrage in humaner und vernünftiger Richtung gelöst ist. Es sind viele Kräfte in der letzten Zeit in Bewegung gewesen, um ein Handelsabkommen zwischen Rußland und Amerika herbeizuführen, aber die Forderungen Amerikas sind nicht zu erschüttern. Weiter hat Präsident Wilson mit der größten Deutlichkeit sich verpflichtet, beim Friedensschluß seinen ganzen Einfluß in die Wagschale zu werfen, um bei der Umorganisation Europas, die durch den Krieg erfolgen wird, auch den Juden zu ihrem Rechte zu verhelfen, damit die großen, schreienden Ungerechtigkeiten in der Behandlung der Juden in Rußland und Rumänien beseitigt werden. Zur Abhilfe der augenblicklichen Not der vom Krieg betroffenen Juden in Europa hofft man in den Vereinigten Staaten durch Sammlung der dort ansässigen Juden füns Millionen Dollar zusammenzubringen. Die Sammlung begegnet keinen größeren Schwierigkelten. Als ich New Uork am 4. Dezember verließ, waren bereits 3 Millionen gezeichnet. Jacob Schiff hat allein eine Million Dollar gegeben, Nathan Strauß 500 000 Rubyl, Jacob Strauß ebensoviel, G u g g e n h e i m 200 000, der Bankier S e l i g m a n n 200 000 und die Bankiers Kühn, Löb u. Co. 500 000 Dollar. Was seitdem gezeichnet worden ist, weiß ich nicht, aber es wird nicht weniger sein. Im Frühjahr wird in den Vereinigten Staaten ein großer jüdischer Kongreß tagen, auf dem die Disposition der eingegangenen Geldmittel mrd andere praktische Maßnahmen diskutiert werden sollen. Was später geschehen wird, ist noch ungewiß. Aber was auch geschehen mag, die amerikanischen Juden werden ihre europäischen Glaubensgenossen nicht verlassen. * Uns wird geschrieben: Eine russische Gesellschaft zur E r f o r s ch u n g des j ü d i s ch e n L e b e n s. M. B. Nach einer Mitteilung der „Rjetsch" hat sich soeben die oben genannte Gesellschaft in Petersburg konstituiert trf Anwesenheit von Mitgliedern der Reichsduma, von hervorragenden Universitätsprosessoren und Literaten, unter denen auch Maxim Gorkij war. Er hielt die Ansprache an die Versammlung, die etwa wie folgt lautete: Zu unserer Schande müssen wir bekennen, daß die russische Intelligenz nur dann ihre Aufmerksamkeit auf die jüdische Frage lenkt, wenn die schwierigsten Momente eintreten, denen das jüdische Volk oft genug ausgesetzt ist. Es ist jedoch unsere Pflicht, uns planmäßig mit dieser Frage zu beschäftigen, und namentlich jetzt, da der Antisemitismus den fruchtbarsten Nährboden gesunden hat. Die Russische Gesellschaft zur Erforschung des jüdischen Lebens setzt sich das Ziel, die Vergangenheit und Gegenwart nach der Geschichte, dann die' Literatur und Kunst, die Gebräuche und Sitten, die wirtschaftliche und rechtliche Stellung dieses Volkes zu ergründen. Versammlungen, öffentliche Vorlesungen und Ausstellungen, die Herausgabe von Büchern und einschlägigen Schriften werden die Mittel dazu bilden. Die Gesellschaft gedenkt ihre Wirksamkeit nicht nur auf die Hauptstadt zu beschränken, sondern sie auch auf die Provinz auszudehnen, besonders auf die inneren Gouvernements Rußlands, wo jetzt viele Tausmde von Juden dem jüdischen Ansiedelungsgebiet überwiesen wurden. Auch außerhalb dieses Ansiedelungsgebietes wird die Gesellschaft Abteilungen eröffnen, um sich mit der dortigen Lage der russischen Juden bekanntzumachen. Eine Persönlichkeit, die nicht genannt sein will, stiftete für diese Aufgabe 10 000 Rubel. Eine billige Ausgabe populärer Schriften über die jüdische Religion, Sitten, Gebräuche usw. ist vorgesehen, um sie in weite Kreise des Volkes zu bringen. Ferner wird eine Geschäftsstelle jedwede Auskunft zur jüdischen Frage erteilen. Nachdem N. D. Sokolow noch darauf hinwies, welch eine vergiftende Wirkung der Antisemitismus jetzt gerade ansübt, wurde zur Wahl des Komitees geschritten. Eine große Stimmenmehrheit erlangte Gorkij; dem Komitee gehören weiter an: Graf I. I. Tolstoi, N. W. Tschaikowsky, die Schriftsteller Sokolow, Fitosofow, Sollogub und Andrejew, von denen bereits eine Erhebung eingeleitet und durchgeführt wurde. Aus 93 Briefen, die als Antwort auf die Fragen eingingen, ist deutlich zu ersehen, daß die Juden nur deshalb immer wieder das Opfer des Antisemitismus werden, weil sie vom Gesetze als rechtlos hingestellt werden. Die Redner, und namentlich Maxim Gorkij, lösten einen begeisterten Beifall ans. Lothenburg o. d. Tauber. Von Nathan Cohn (Berlin.) um zweitenmal innerhalb eines Jahrzehnts führte mich vor kurzem mein Weg nach Rothenburg v. b. T. Dieses in herrlicher Landschaft gelegene, in reinstem mittelalterlichen Baustile mit Türmen und Mauern. Erkern und Fassaden erhaltene Städtchen bietet nicht nur für den Kulturhistoriker und Künstler, sondern auch für den Laien eine Fülle des Interessanten; für den Altertumsknndigen ist es eine schier unerschöpfliche Fundgrube. Rothenburg o. d. T. hat aber auch eine j ü d i s ch e Geschichte, die leider weniger schön wie das Stadtbild ist. das uns fesselt. Rothenburg war dereinst eine stolze und große jüdische Gemeinde. an deren Spitze der berühmte Rabbi Meyer ben Baruch (Maharam) stand. Rabbi Meyer war geboren zu Worms im Jahre 1225. starb in Ensisheim (Elsaß) 1293 und wurde dort beerdigt. Im Jahre 1307 wurde er exhumiert und dann in Worms begraben (am 4. Adar — 7. Februar 1307). Rabbiner in Rothenburg wurde er um das Jahr >260. Die Judenverfolgungen setzten ein, weil die schmählichsten und verleumderischsten Anklagen gegen die Juden erhoben worden sind. Die letzte dieser Verfolgungen, im Jahre 1343. bereitete der Gemeinde zu Rothenburg ein trauriges Ende. Von 1348 bis 1875 bestand in Rothenburg keine jüdische Gemeinde. Im Jahre 1875 hatten sich endlich wieder acht jüdische Familien in Rothenburg angesiedelt, die mit staatlicher Genehmigung die neue jüdische Gemeinde gründeten. Also 527 Jahre nach dem Untergange der einst so stattlichen und berühmten Gemeinde. Der 24jährige Lehrer Moses Hofmann wurde nach Rothenburg berufen und trat am 21. September 18 75 sein Amt an. dem er noch heute in ' Rüstigkeit, geachtet und geehrt von allen Mitbürgern, vorsteht. Herr Hofmann, der auch an der Realschule und dem Progymnastum den jüdischen Unterricht erteilt, hat sich um' die Entwickelung der wiedererstandenen jüdischen Gemeinde. die zwar auch jetzt noch klein ist — sie zählt etwa 27 Familien — sehr verdient gemacht. Die Gemeinde — Be? zirksrabbiner ist Herr Dr. Cohn in Ansbach — hat ein eigenes Gemeindehaus mit Betsaal usw. Trotz der nur 100 Seelen starken Gemeinschaft pnlsiert doch in Rothenburg wieder echt jüdisches Leben.