Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 18 (sequence 6)
- Language
- German
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Holzhandel Rigas wird von Juden beherrscht. In den Städten Kurlands gibt es eine große Zahl jüdischer Handwerker: das Schneider-, Klempner-, Schustergewerbe ist zu einem großen Teile jüdisch. In der Gegend von Riga und Libau gibt es aber auch Landwirtschaft treibende Juden. Bei der großen Wohlhabenheit ist es natürlich, daß man in den „studierten" Berufen nicht wenig Juden findet. In Riga sowohl als auch in Kurland sind 20 v. H. aller Aerzte Juden, von den „vereidigten Rechtsanwälten" 2 bis 6 v. H. Der entscheidende Gesichtspunkt nun, unter dem man das baltische Judentum zu betrachten hat, ist der, daß es nicht eine Nationalität unter den vielen Nationalitäten dieses Gebietes ist, sondern eine Religionsgemeinschaft. „Wir sind Deutsche mosaischer Konfession wie Sie Deutsche lutherischer Konfession", ist der Standpunkt, den die Führer der Synagoge in Theorie und Praxis immer aufrechterhalten, haben. Tatsächlich haben die Juden in den politischen Kämpfen mit den Deutschen immer Schulter an Schulter gestanden und sich ebenso wie diese für deutsche Kulturzwecke eingesetzt. Mit Vorliebe schicken sie ihre Kinder in die ritterschaftlichen Gymnasien mit deutscher Unterrichtssprache, und die jüdischen Kreise haben an Stipendien für diese Gymnasien bedeutende Summen ausgebracht, die sie aber ebenso christlichen deutschen Schulkindern zur Verfügung stellen. In Zahlreichen deutschen Kulturvereinen sind sie verhältnismäßig ebenso vertreten wie die Deutschen. Die Folge dieser Stellungnahme seitens der Juden ist, daß dem Baltikum ein eigentlicher Antisemitismus ferngeblieben ist. Mit dem gebildeten Juden, dem jüdischen „Literaten" (Intellektuellen), der die Standestradition des Balten ganz in sich aufzunehmen pflegt, verkehrt der baltische Standesgenosse wie mit seinesgleichen. Das dörptische Korps Curonia, das keineswegs jeden Deutschen „aufnimmt", d. h. zum Konvent und nachher zur Philistrierung zuläßt, hat eine Reihe angesehener jüdischer Philister. In den sehr exklusiven sogenannten „adeligen Klubs" der kleinen kurischen Städte verkehren neben den „studierten" bürgerlichen Deutschen jüdische. Als nach der Revolution in Kurland der große deutsche Kulturverein begründet werden sollte, stellte eine Gruppe von Delegierten den Antrag, in den Verein auch Juden aufzunehmen. Der Antrag wäre durchgegangen, wenn Vertreter der russischen Negierung nicht erklärt hätten, unter diesen Umständen den Verein schließen zu müssen. Dafür gehören die Juden aber zu einer großen Anzahl anderer Vereine, die, wenn auch nicht offiziell, so doch tatsächlich nur deutschen Zwecken zugute kommen. Dahin gehören u. a. die sogenannten „Gewerbe"- oder „Handwerkervereine", die geselligen Zwecken dienen, Klubräume, Bibliotheken und einen Theatersaal unterhalten und zu denen Deutsche aller Stände gehören. Niemand findet etwas darin, wenn in deren Vorständen Juden vertreten sind und sogar Präsidenten werden. Dasselbe ist in den zahlreichen deutschen Kunst- und Musikvereinen der Fall. Ebenso haben die freiwilligen Feuerwehren, deren offizielle Sprache im ganzen Baltikum bis Kriegsbeginn das Deutsche war und die bei den häufigen Bränden und der dabei ungenügenden Wasserversorgung in den kleineren Städten eine sehr große Rolle spielen, nicht nur unter den tüchtigsten „Blusenmännern", sondern auch unter den Chargierten nicht wenige Juden. Kurz, wie das Verhältnis von Juden und Deutschen freundlich ist, so fühlen sich die baltischen Inden, besonders aber die sehr zahlreichen Gebildeten unter ihnen, als Deutsche. Das trat in einer kurischen Stadt, wo sich eine kleine Anzahl polnische Juden angesiedelt hatte, deutlich zutage: zwischen ihnen und den „deutschen" Juden herrschte grimmige Feindschaft. Das letzte böse Kriegsjahr hat Juden und Deutsche im Baltikum einander noch näher gebracht. Das zeigte sich besonders, als die großrussische Regierung die Jllden aus Kurland vertrieb, um sie im Innern Rußlands zu Tausenden umkommen zu lassen. In 24 Stunden mußten etwa 35 000 Juden aus Kurland fort. Trotz aller von der Polizei angedrohten Repressivmaßregeln wurde von den Deutschen eine große Hilfsaktion ins Werk gesetzt. In kurzem waren große Summen aufgebracht, der Großgrundbesitz in der Umgegend der kleinen Städte ohne Bahnverbindung stellte die landwirtschaftliche Arbeit ein, und was an Pferden, Equipagen, Wagen auszutreiben war, wurde den Juden zur Verfügung gestellt. Aus Städten, die wie z. B. Dalsen in der Nähe der Bahn lagen, gingen ganze Züge von Juden mit Lebensmitteln zur Station ab. Der ehrwürdige! Rabbiner einer anderen kleinen Stadt sagte einem an der Hilfsaktion beteiligten Deutschen: „Sie hätten für sich selbst nicht besser als für uns sorgen können!" # Ueber den Judenfriedhof von Muraviea plaudert Eugen Szatmari in der „Frankfurter Zeitung" in folgender Weise: Der verlassene, öde Iu de n f r i e d h o f von Muraviea mag in vergangenen Friedenstagen eine jener bizarren Stätten gewesen sein, die die Phantasie eines Edgar Poe oder Villiers de UJsle-Adam gewiß gereizt hätten. Es ist aber nicht nur ein verlassener Friedhof, voll gespenstischer Schatten und spukhafter Formen, es ist mehr, viel nrehr, es ist ein Symbol. Dieser Friedhof trägt den Charakter des gehetzten russischen Judentums. Am Ende des kleinen Dorfes, am Ufer der stillen I k w a, auf einem verlassenen, von undurchdringlichem Dickicht bewachsenen Hügel schlafen sie ihren letzten, ewigen Schlaf, den letzten und vielleicht auch ersten ruhigen Schlaf im endlosen Reiche des weißen Zaren, sie,'die Gehetzten und Gezeichneten. Die grotesken Grabmäler, schlanke, rundköpfige, weiße und rote Grabsteine verschmelzen sich phantastisch mit dem dichten Laubwerk und leuchten in stillen Nächten im fahlblauen Mondlicht spukhaft hervor, das blasse Licht schimmernd widerspiegelnd. Ein verlassener Friedhof war es gewesen, eine verdammte Stätte. Kein Rechtgläubiger, kein rechter Russe durste seinen Fuß auf den verwünschten Boden des Judenfriedhofes setzen: so erzählte mir ein alter Bauer, der trotz des Krieges hier zurückgeblieben war. Hier ruhten ja die Verhaßten und Gezeichneten, die Nicht-einmal-Geduldeten, die Ewiggehetzten. Dann kam aber der Krieg und der stille Friedhof verwandelte sich in einen Kampfplatz. Kanonendonner wirbelte die Stille auf, Granaten rissen tiefe Löcher zwischen den vergilbten Knochen. Gräben laufen kreuz und qiter den Friedhof. Die Grabmüler, die Steine find in die Schwarmlinie hinuntergewandert. Der Friedhof ist auferstanden: er begriff den Sinn dieses Kampfes und stellte sich in die Reihe der Kämpfer. Der Friedhof der Unterjochten reichte die Bruderhand den lebenden Befreiern und nahm sie in seinen Schutz. Die Toten gaben ihre Grabmäler her, die sich in Schrapnellsangschirme, Kngelfänge, Brustwehren verwandelten; sie gaben ihre steinernen Namen her, um die Befreier vor der Feindeskugel zu schützen; sie ließen in ihre Ruhestätten' Minenwerfer und Maschinengewehre einquartieren und Nahkampfgeschütze, die hundertfachen Tod dem Feinde entgegenstemmen. Lebende haben ihre Wohnstätten in den alten Grabstätten aufgeschlagen, und zwischen den übriggebliebenen Steinen wirbelt ein dünner Rauch empor — der Rauch der Schwarmöfen, die die Deckungen der Honveds warnchalten. Aber sie taten noch mehr, die Toten. Ihre vergilbten Gebeine stützen den leichten Sand der Gräben, und oft stolpert der Fnß in einem runden Ding: ein Schädel ist es, ein vergilbter Schädel, und kichernd rollt er dahin. Der Friedhof schlügt sich. Er schützt, verteidigt und greift an. In einer dunklen Novembernacht, als die „Urri! Urri!"-Rufe des Feindes vor den Drahthindernissen ertönten, verwandelte sich der stille Friedhof in eine feuerspeiende Hölle. Ekrasitwurfminen flogen aus den verwandelten Gräbern hervor, versteckte Maschinengewehre spien Tod und Verderben, im dichten Gebüsch zwischen den Steinen platzten heulende Granaten, daß die trockenen Aeste krachten und ächzten, Gewehrkugeln zischten und Prallten laut winselnd von den hebräischen Leitern zurück; das fahle Licht der Leuchtpistolen warf einen beklemmend spukhaften Schein herunter, und hoch über dem Friedhof platzten laut die Schrapnells und warfen ihre verhängnisschweren Bleisamen in die Reihen des Feindes. Der Friedhof wies fünf Angriffe zurück, und er blieb Sieger. Seitdem ist er wieder still nnd verschwiegen; er wartet und schweigt. Nur selten Pfeift eine ziellose Kugel in seinem Dickicht, der Schnee hat alles mit seinem weißen Leichentuch bedeckt. Eine tiefe Stille herrscht in dem Friedhof, es ist aber nicht die Stille des Todes, des Vergehens und der Verlassenheit, sondern das selbstbewußte Schweigen der entschlossenen Aufmerksamkeit und des ehernen Widerstandes. Nachts, wenn die blendenden Finger der Scheinwerfer über dem Friedhof Hindurchgleiten,, stehen die wenigen noch gebliebenen Grabsteine wie versteinerte Soldaten im gleißenden Licht, eine in eherner .Entschlossenheit erstarrte Schar, die jeder Macht der Welt trotzig die Brust bietet. Ja, ein Symbol sind sie, die schlanken Steine mit dem runden Kopf, deren Schatten so spukhaft ähnlich dem eines Menschen scheinen. Unten in der Tiefe fließt aber langsam die Jkwa und schaukelt leise die Spiegelbilder der stahldrahtbeslochtenen Spanischen Reiter. .. * >