Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 17 (sequence 5)
- Language
- German
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17 man es auch anpackt, türmen sich schier unüberwindlich die Schwierigkeiten. Und doch ist die polnische Frage noch von unschuldsvoller Einfachheit, solange sie nicht mit dem Problem des polnischen Judentums verquickt erscheint. Man könnte sie fast beneiden, die Glücklichen, die zu seiner Lösung eine unfehlbare, mathematische Formel bereit haben. Einer, der sie hat, ist Nach um Goldmann, der in einem vielbeachteten Artikel der „Preußischen Jahrbücher'" kurz und bündig verfügte: „Die polnische Judenheit bildet einen geschlossenen und v ollen t w i cke l t e n nationalen Organismus." Etwas anderes anzu-- nehmen, wäre „geradezu lächerlich". Und Deutschland, wenn es an das Problem von einer anderen als dieser Voraussetzung heranträte, würde „sittlich eine Sünde und politisch eiiu* Dummheit begehen". Mau sieht schon, Nachum Goldiitann ist von denen, mit denen man eine Frage überhaupt nicht erörtern ftmu, dieweil sie für sie gar keine Frage mehr ist. Man käme ihnen gegenüber in die Lage, die der alte verdrießliche Hofrat Grillparzer so sehr fürchtete, als er sich weigerte, Hebbels Tifchnachbar zu werden: „Er würde mich fragen, was ist Gott — und er weiß -es, ich aber weiß es nicht." Wie es um den Staat im Staate bestellt ist, den das polnische Judentum bildet, darüber hat uns in einwandfreierer Form als der streitbare Nachum Goldmann, ein starker und guter deutscher Dichter, aufgeklärt, der den Druck des „freiwilligen Ghettos" mit ei gelten Leibe erfahren hatte und darüber zu reden berufen war wie wenige, weil er sich aus eigener Kraft von diesem Drucke befreit hat. Wer von Karl Emil F r a n z o s die große Erzählung vom Pojaz kennt oder auch nur die kleinen Geschichten der Juden von Barnow, der mag durchaus den Eindruck haben, daß es sich hier um etwas wie einen nationalen Organismus handelt, dann aber um einen siechen, kümmerlichen und verkümmernden Organismus. Und die Deutschen, die verzweifelt vor dem grenzenlosen Elend des jüdischen Proletariats in Warschau und Lodz gestanden haben, werden kauin geneigt sein, darin Beweise für die Vollkommenheit jenes „nationalen Organismus" zu erblicken. Was Erstaunen, was geradezu Bewunderung erregt, ist die zähe Lebenskraft der einzelnen, die sich inmitten der zerstörenden Einflüsse eines dem Tode verfallenen Organismus sieghaft behaupten. Sollte nicht der Nächstliegende Schluß daraus der sein, daß der unheilbar kranke Organismus sich erst noch völliger auflöfen müsse, bevor auch hier ans Trümmern neues Leben erblühen kann? Jedenfalls koinmt man der Lösung der Frage um keinen Schritt näher, wenn man an ihre Spitze ein Dogma stellt und jeden, der sich unterfangen sollte, nicht daran zu glauben, für einen Duminkops oder einen Verbrecher erklärt. Fruchtbringender ist schon eine Erörterung in Rede und Gegenrede, wie sie kürzlich im „Vorwärts" ein polnischer und ein russischer Genosse versucht haben. Der polnische Genosse, der auch das Hemd näher fühlte als den Rock, wandte sich scharf gegen Nachum Goldinanns Dogma voin freiwilligen Ghetto und forderte die Befreiung der jüdischen Volksmassen von der Herrschaft der Orthodoxie; in der Folge würden sich dann die jüdischen Volksmasseu von selbst mit den polnischen verschmelzen — was der gebildete Deutsche , einen „Asstmilationsprozeß" nennen mutz, iveun er Vertrauen zur Sache fassen soll. Der russische Genosse, der ebensowenig aus seiner Harrt kann, sieht den Weg in die Zukunft „in der Beseitigung aller politischen und bürgerlichen Ungleichheit, in der Sicherung der Rechte auch der nationalen Minoritäten". Als zuhörender Dritter darf man fragen: Sind die beiden wirklich so weit auseinander, wie es ihnen selbst scheint? Muß der Russe doch zugeben: „Gewinnen die polnisch-jüdischen Proletariermassen die Möglichkeit, unbehindert durch nationale Fesseln ihr Staatsbürgerrecht a u s z u ü b e n und der allgemeinen K u l t urteil h a f t i g z u werden, ohne den — für die meisten unzugänglichen — Umweg über die Assimilation machen zu ntüssen, so werden sie mit ihrer „Orthodoxie" schon selber fertig werden." Das heißt, sie wachsen in jenen Zustand hinein, wovon der Pole ausgegangen war, den Zustand der westlichen Juden, die so wenig einen „nationalen Organismus" für sich bilden, daß sie teilweise schon ganz munter den Luxus des Nationalismus mitm-achen, wie er auf dem Boden des Staatsorganismus, wovon sie selbst ein Teil sind, jeweils blüht. Mag man es nun „nationale Minorität" oder „geschlossenen und vollentwickelten nationalen Organismus" oder wie immer taufen — dergleichen pflegt sich.erfahrungsgemäß aufzulösen, sobald der absondernde und zusammenschließende Druck staatlicher, kirchlicher und geselliger Ungleichheit nachläßt. So haben sich in England Sachsen und Normannen, in Frankreich romanische Kelten und germanische Franken, im östlichen Deutschland germanische und slawische Stämme zu einem neuen Volkstum verschmolzen, nachdem iu ihrem notgedrungenen Gemeinschaftsleben erst einmal das Verhältnis von Eroberern und Unterworfenen, Alteingesessenen und Hergelaufenen überwunden war. Das vollzieht sich nicht von heute auf morgen und vollzieht sich nicht, ohne Spuren im netten Volkstum zu hiuterlasfeu, das daraus hervorgeht. Die Vereinigten Staaten haben vor nahezu 150 Jahren ihre Selbständigkeit erkämpft, aber der Prozeß der inneren Einschmelzung zu einem eigenen Volkstum ist noch so ivenig vollendet, daß sich Deutschamerikaner und Angloamerikaner heute wieder einmal gar nicht verstehen. Ungeduldige mögen sich also nur darauf gefaßt machen, daß in Polen --- selbst wenn es ganz und gar nach ihren Wünschen ausg-cbaut werden sollte — polnische und jüdische Volksteile in 150 Jahren auch noch inerklich verschieden nebeneinander lagern. Das wird namentlich da der Fall sein, wo die Juden die Hälfte und auch mehr der Bevölkerung ausmachen. Es wird aber die Verschmelzung nicht aufhalten, wenn sie inzwischen so weit -fortgeschritten ist, daß sich in den wirtschaftlich wichtigsten Schichten oben und unken ein dauerhafter Kitt gebildet hat. Was das Ergebnis der Verschmelzung sein wird, hängt, .wie jeder angehende Chemiker weiß, ebensosehr von der Beschaffenheit der einzelnen Metalle ab, die miteinander verschmolzen werden, tute von dein Verhältnis, vooriit die Verschmelzung vorgeitommen wird. Solange die Metallstücke unerweicht im Tiegel beieinander liegen, pflegt es die Hauptsorge jedes einzelnen zu sein, daß seine Sonderart den Charakter der Legierung bestimme. Diese Sorgen erledigen sich um so einfacher, je größer der Meilg-mnnterschied ist, steigern die Schwierigkeit der Verschmelzung aber um so mehr, je näher die -Mengen der Gleichheit koininen. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Juden frage in Polen und östlich davon ein anderes Gesicht hat als in Westeuropa. Ter Einfluß derer, die überhaupt nicht schmelzen wollen — die schlechtesten Metalle sind das bekanntlich nicht! kann da zu einer Gefahr für das Gelingen des Gusses iverden. Zumal daun, wenn ihre Abneigung sich begegnet mit der Unfähigkeit der Umgebung, bildend und befreiend ans Volksmassen zu wirken, wie es im russischen Staatswesen der Fall war. Aus dem russischen Staatswesen denken sich mm freilich alle, die um das polnisch-jüdische Problem ringen, so Polen wie Juden losgelöst! Und dennoch gibt es unter ihnen Fanatiker, die das Judentum in Polen als „nationale Minorität" so unangetastet halten möchten, wie es unter der russischen Knute allenfalls denkbar gewesen wäre. Vertrügt sich denn der Staat im Staate mit gleichen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten? Wenn der „nationale Organismus", der iu einem höheren Organismus steckt, nicht auch räumlich „geschlossen" sein kann, doch kaum; und auch dann wäre es noch sehr die Frage, ob er' sich als Staat im Staate „voll entwickeln" könnte. Das Deutsche Reich hat ein sehr lebendiges Interesse daran, daß an seiner Ostgrenze kein Staatswesen entstehe, das von vornherein zur Erstarrung verurteilt ist und besser ins 18. als ins 20. Jahrhundert passen würde. Aber daß das Deutsche Reich dem polnischen Judentum gegenüber die Rolle des eifernden Rabbis übernehme, der den armen Pojaz verfemt und verflucht, weil er, in seinem Hunger nach westlicher Bildung, eigenwillig hinausstrebte aus der Enge des Ghettos, das muß man vom Deutschen Reiche im Ernste nicht verlangen. * lieber die baltischen I u den veröffentlicht die „Magdeburgische Zeitung" einen eigenartigen Artikel, von dem wir unseren Lesern Kunde geben: Die baltischen Juden. Man stellt sich in Deutschland die Lage der Juden im Baltikum irrigerweise nach Analogie der gedrückten, armen jüdischen Bevölkerung Polens oder Galizens vor und hält sie vielfach, wie gesagt worden ist, für eine „Kmnmerrasse", Ghettojuden, die, von der Mitwelt verachtet und ausgeschlossen, einen Staat im Staate bilden. Das mag für Polen zutreffen, für das Baltikum jedenfalls nicht. Sie sind hier an Zahl viel geringer als in Polen und bilden 2,65 v. H. der Bevölkerung gegenüber 4 bis 5 v. H. in Polen. Ihrem Berufe nach sind sie — das ist zum Teil eine Folge der gegen sie erlassenen einschränkenden Bestimmungen — meist Kausleute, aber keineswegs nur kleine Krämer, sondern gerade die angesehensten und größten Geschäfte z. B. in der Kolonialwarenbranche sind in ihren Händen. Eine der größten Zündholzsabriken Rußlands, in Goldingen, ist eine jüdische Gründung. Fast der ganze riesenhaste