Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
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16 lagen zerstört, und die wenigen „jüdischen Polen" in den Bürgerkonlitees nahmen der Masse ihrer Stammesbrüder gegenüber oft eine sehr — charakteristische Haltung ein. Ueber 800 060 Juden sind allein in Polen aus öffentliche Wohltätigkeit angewiesen. Daß in solcher Not die Prostitution wächst, ist in allen Ländern eine allgemeine Erscheinung. In Polen fanden >vir es damit nicht so sehr viel schlimmer, wie es gelegentlich — auch aus Not — in Nordfrankreich trotz der sonst tadellosen Haltung der Französinnen gegenüber dem Landesfeind wurde. Wenn es übrigens bei den Juden damit schlimmer war als in polnischen Bauerndörfern, so lag es oft weniger an der Abficht als an der Verständigungsmöglichkeit. Wer aber um dieser aus tiefster Not — einer viel krasseren Not als bei allen Polen — erwachsenen Erscheinung willen den Juden einen besonderen Makel anheften will, noch dazu in einer jüdischen angesehenen Zeitschrift — dem fehlt das Verständnis für die ungeheuerliche Notlage jüdischer Massen, bei denen Not, Massenerkrankung und Massensterben fast überall eingetreten sind. Den Ostjuden soll man Unterstützungen geben; aber weit mehr noch: Man soll ihnen Arbeit verschaffen. Und noch weit wichtiger: Bei der Zukunftsgestalt u n g des O st e n s soll man ihrer gedenken, ihnen die kommerziellen Lebensquellen des Ostens und Südostens öffnen und ihre Stellung im Staatswesen so sichern, daß die Eigenart ihnen erhalten bleibt, die ihnen lieb und teuer ist, vor allem auch die Sprache, die sie mit dem Westen, dem Deutschtum, verbindet. Eine persönliche Schlußbemerkung: Im Entwurf meines ersten Artikels stand der Satz: „Philippsons Ausführungen beweisen, daß er nie im Ostei: war." Um jede persönliche Spitze zu vermeiden. Habe ich ihn gestrichen, obwohl die Tatsache für jeden Besucher des Ostens klar lag. Philippson bestätigt sie mm selbst. Er beruft sich aber auf „zahlreiche jüdische Polen" und aus „deutsche höhere Stellen, die seit mehr als einem Jahre im Osten »veilen", und deren Zustimmung „wird wohl die sechsmonatige Anwesenheit Hirsch' au irgendeinem polnischen Orte aufwiegen". In der Auffassung habe ich die Reichsregicruug und die für sie maßgebenden jüdischen Kreise für niich Denjenigen aber, der Herrn Professor Philippson von meiner „sechsmonatigen Anwesenheit an irgendeinem polnischen Orte" erzählt hat, hätte dieser schon ans vier sehr weit auseinanderliegende polnische Städte verweisen können, die in meinen: vorigen Artikel erwähnt waren. Ich »vor in Polen und Galizien als Infanterist, habe mit Juden verkehren können n. a. in Toinaschow, Rnwa, Lodz, Lowitsch, Pabianice, dann in Krakau, Tarnotv, Deinbica, Krasnik, Lublin, Lubartow, Partschew, Janow (Bugs, Biala. Bei den Stürinen auf Brest-Litowsk wurde der unfreiwilligen Stndienfahrt ein ebenso unfreiwilliges, plötzliches Ende gemacht. Durch diese Kämpfe ist ci>: dem Westjuden bisher verschlossenes Reich geöffnet worden. Eine »vnnderbare Welt erschloß sich uns neu. In der Judenfrage lehrt hier eil» Tag Anblick mit offene»: Augen mehr als zehn Jahre Herumfragen in: Westen. Möge»: recht viele von uns vo>: dieser nun gefahrlosen Möglichkeit Gebrauch machen. Ich bin gewiß, daß der packende, erschütternde Eindrirck blitzartig auch die dicksten Vorurteile durchschlügt. Sir Mache. Berlin, den 11. Januar 1916. as Hauptereignis der letzten Zeit war die Gefangennahme der deutschen, österreichischen und bulgarischen Konsuln in Saloniki. Damit ist ein ungeheuerlicher Bruch des Völkerrechts geschehen, gegen den keine Entschuldigung verfängt. Zudem sind diese Entschuldigungen: Vergeltung wegen eines Luftangriffs gegen Saloniki, der übrigens gar nicht der Stadt, sondern dem befestigten Lager der Franzosen und Engländer in der Nähe Salonikis galt, Furcht vor Spionage, die von den Konsuln oder deren Angestellten getrieben worden sei, so haltlos, daß es sich gar nicht lohnt, darauf einzugehen. 'Griechenland hat gegen diese ungeheuerlichen Maßregeln aufs entschiedenste protestiert und nach langem Zaudern sind, wie es hieß, die Konsuln mit ihrem Personal aus der Gefangenschaft entlassen worden. (Die Nachricht wurde aber bereits widerrufen.) Die deutschen und bulgarischen Truppen haben bisher die Neutralität Griechenlands und Albaniens vollkommen geschont und so:nit den Ententemächten Zeit gelassen, ein großes Heer in und bei Saloniki zu vereinigen, und den Italienern vergönnt, eine starke Truppenmacht — man spricht von 70 000 Mann — in Albanien zu landen. Der Laie kann sich keinen Begriff machen, warum gerade wir und unsere Verbündeten die Neutralität Griechenlands und Albaniens in so hohem Grade respektieren, die von anderen so schonungslos mit Füßen getreten wird; wir haben keine rechte Vorstellung, warum man den Feinden Zeit gelassen hat, ihre bisher schwache Macht zu verstärken und sich tüchtig zu verschanzen, aber wir beugen uns vor der höheren Einsicht und erwarten die künftige Haltung. Man spricht bereits davon, daß das ganze Unternehmen seitens unserer Feinde aufgegeben werden soll. Unterdessen ist in Ostgalizien furchtbar gekämpft worden. Die Westmächte hatten große Hoffnungen auf diese Kämpfe gesetzt. Sie sprachen bereits von einer neuen Einnahme von Czernowitz und faselten davon, daß die Russen bald wieder die Karpathen erreichen würden. Alle diese Voraussagungen sind durch die Tatsachen entschieden in Abrede gestellt worden. Trotz einzelner kleiner Erfolge, welche die Russen in den letzten Tagen errungen hatten, ist der mit großen Mitteln unternonrinene Durchbruchsversuch mißlungen; die Russen haben ungeheure Verluste — man spricht, von SO 000 Mann — erlitten. Die österreichisch-ungarischen Truppen haben sich in ihrem heroischen Widerstande aufs neue glänzend bewährt. Sie sind ferner in Montenegro weiter vorgerückt und haben die ihnen entgegenstehenden Scharen vertrieben und besiegt. Der König von Italien hat ruhmredig in einer Neujahrsrede verkündet, er werde nur als Sieger wieder in den Ouirinal einziehen. Teilweise wird er wohl recht haben. Denn wenn ihin, »vie wir zuversichtlich hoffen, der Sieg nicht beschieden ist, so dürfte es ihm von seinem in Liebe und Zorn leicht erregbaren Volke schwerlich vergönnt sein, lebendig wieder in den stolzen Palast seines Vaters einzuziehen. Ein gleichfalls wichtiges Ereignis der vergangenen Woche ist die Annahme der allgemeinen Wehrpflicht in England. Sie ist gegen eine immerhin starke Minderheit erfolgt, tiefgehende Spaltungen sind in England eingetreten. Man spricht von der Demission dreier englischer Minister und von der starken Gegnerschaft der Arbeiterpartei. Denn man muß bedenken, daß durch diesen Beschluß die jahrhundertelangen Traditionen Englands zerstört werden und daß damit dieses antimilitaristische Land, das angeblich den Krieg unternommen hat, um den deutschen Militarismus zu bekämpfen, selbst in das Fahrwasser des Militarismus eingesegelt ist. Im Westen ist alles still. Man betrachtet diese Stille allgemein als die Ruhe vor dem Sturm und sieht großen Ereignissen in der nächsten Zukunft entgegen. In den letzten Tagen sind hübsche Erfolge der deutschen Truppen zu verzeichnen. Aber wie soll das Ende werden? Alle Welt sehnt sich nach Frieden, und doch scheint auf keiner Seite eine Geneigtheit zu ernstlichen Friedensverhandlungen zu bestehen. * Ueber das p ol n i s ch - j ü d i s chePr o b l e m, das uns schon vielfach beschäftigt hat, finden wir im „Berliner Tageblatt" einen Artikel von Paul Harms, den wir hier folgen lassen: Wer «»»fängt, sich mit der polnischen Frag« zu beschäftigen, bekommt alsbald eine unbegrenzte Hochachtung vor diesem Problem, denn >vo