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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · p. Seite 15

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
Seite 15 (sequence 3)
Language
German
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15 und Hochschulen stärkt, andererseits doch die Eigenart der deutschsprechenden Juden erhält.' Ist es wirklich so schwer, einen Politisch ziemlich deutlichen Tatbestand zu verstehen? Das Polentum unterscheidet sich vom Moskowitertum, hat gegen dieses früher seine blutigsten Kämpfe geführt. Stärkung seiner Stellung schwächt den russischen Hauptfeind. Darum steht aber das Polentum dem Deutschtum noch lange nicht allgemein freundlich gegenüber. Die einflußreichste junge Partei in Polen, Narodnaja democratia, propagierte wirksam den allslawischen Gedanken, zugleich Antisemitismus und Deutschenhaß. Vor dem Kriege hatte sie im gebildeten Polentum das Uebergewicht; wie es nach dem Kriege sein wird, weiß niemand genau. Gewiß aber ist, daß ein festgefügter wichtiger Teil der Bevölkerung Polens einen deutschen Dialekt spricht, im Deutschtum seinen politischen Befreier sieht, um dieser Hoffnung willen hinter der Russenfront planmäßig verdächtigt, vertrieben, verfolgt wird. Jedem Stamme ist die deutsche Regierung in den besetzten Gebieten entgegengekommen: den Vlamen im Westen, den Letten und Polen im Osten. Den Polen, obwohl in allen Großstaaten eine Minorität, bringt sie eine Sicherung ihrer sprachlichen und kulturellen Sonderexistenz. Und den Juden Polens sollte man dasselbe verweigern? Ihnen, die trotz Unterdrückung von ihrer Sprache, einem deutschen Dialekte, nicht lassen wollen, die mit dieser Sprache die natürliche Brücke zwischen der deutschen und slawischen Kulturwelt bilden, sollte die deutsche Regierung diese Sprache gewaltsam nehmen? Zumal sie dieses Bevölkerungsteils politisch am sichersten ist? Man braucht wirklich nicht „deutsch-patriotisch verbohrt" zu sein, um das Sinnwidrige eines solchen Verlangens einzusehen. Die Ostjuden aber empfinden und wissen trotz vieler Not in der Gegenwart, daß sie dem polnischen Lande, in dessen Vergangenheit sie so reiche Mitarbeit geleistet haben, auch in Zukunft noch Großes werden wirken können, so wie sie waren und sind, und weil sie so sind. Heute ist gewiß viel Elend unter den Ostjuden. Dieses aber läßt sich wirklich nicht so einfach erklären, wie mit diesem unbewiesenen, aller geschichtlichen Ueberliefevung in Polen zuwiderlaufenden Axiom: „Zu solchem entsetzlichen materiellen und moralischen Elend hat die jahrhundertelange Trennung zwischen Juden und Christen in Polen und die daraus erfließendc Unterdrückung der Juden unsere unglücklichen Stammesbrüder hinabgedrllckt." (Philippfon.) Läge die Erklärung so nahe, dann hätten sich die Jca, die Rabinowitsch, Margolin, Cleinow, Hillmann, Bielschowsky, Kaplun-Kogan u. a. ihre mühevollen, feinsinnigen Untersuchungen sparen können. Aber diese Arbeiten zeigten ganz andere Zusammenhänge, und einige davon seien in knappster Form hier erwähnt. II. Die a u g e n b l i ck l i ch e N o t der O st j u d e n'). Nicht immer gab es Judennot im Osten. Jahrhundertelang war Polen das „Judenparadies" für alle, die aus West- und Mitteleuropa vertrieben wurden. Nicht einmal um 1850, als schon eine halbe Million Juden allein in Polen zusammenwohnte, konnte man in diesem selbständigsten jüdischen Gemeinwesen von Judennot sprechen; sie ist seit etwa einem Menschenalter da; ihre Ursachen vor dem Kriege lagen 1. in der großen Vermehrung der Ostjuden; von einer halben Million sind sie in Polen binnen 65 Jahren auf zwei Millionen angewachsen. Es wirkte 2. die rechtliche W o h n b e s ch r ä n k u n g. Sie ist ein Ausfluß reinen. russisch-offiziellen Antisemitismus, wie 4) Eingehendere Darlegung des hier Skizzierten in meinem Artikel „Die wirtschaftliche Lage der Juden in Polen" in nächster Februarnummer der „Süddeutschen Monatshefte". mau ihn einst in Deutschland und jetzt z. B. in Spanien erlebt hat, obwohl dort keine gewollte sprachliche und kulturelle Trennung vorlag. Die Zusammendrängung führte zur Rot 3. durch die Gleichartigkeit der spezifischen Begabung der Juden. Geistige Tätigkeit bleibt ihr Lebenselement, die Warenvermittlung, der Handel, ihre seit Jahrtausenden gepflegte Domäne. Dabei ist Selbständigkeitsdrang ein Grundzug der jüdischen Seele. In Polen war der Handel seit Jahrhunderten übersetzt, so daß Hunderttausende von Juden auch ins Handwerk übergingen. Der Landwirtschaft haben sie sich, wie alle Städtebewohner, auch vor ihrem rechtlichen Ausschluß davon, nicht wesentlich zugewendet. Gerade im Handwerk wurde aber ihre Lage bitter und hoffnungslos, als 4. die Industrialisierung Polens eintrat. Der jüdische Handwerker konnte sich in seinem Selbständigkeitsdrange nicht in die aussichtslose Maschinerie der Fabrik einfügen. Polen und Russen, noch vor zwei Generationen leibeigen, vermochten dies leicht; sie schoben sich ein und verdrängten den Juden. Dieser wurde zum Heimarbeiter, und als solcher wandert er in großen Massen aus"). Während aber die Industrialisierung die eine Hälfte der Juden, die Handwerker, hinab- und schließlich hinausdrängte, gab sie der anderen, den Kaufleuten, neue Möglichkeiten: Juden haben den Msatz der Industrie organisiert; allein in Lodz leben 20 000 jüdische Reisende und Angestellte. Juden haben für Polens Industrie den russischen Osten erobert, haben ihre Waren nach Sibirien, Kaukasien, China, selbst bis nach Kleinasien und Uebersee geführt. Juden organisierten den Rohstoffbezug aus dem weiten Reiche in die industrielle Arbeitsstätte des Reiches, eben nach Polen, Litauen und den Nachbargebieten. Juden haben, indem sie Polens wirtschaftliches Aufblühen begründeten, alle Lebenswurzeln für Polens Industrie und Handel nach Osten und Südosten tiefer und tiefer erstreckt — und nun hat der Krieg diese Wurzeln teils unterbunden und teils gar durchschlagen. 5. DerKrieghatdasElendderOstjudenallgemeingema ch t. Vor dem Kriege war es das keineswegs. Ins industrielle Polen strömten aus Jnnerrußland jährlich etwa 20 000 Juden, aber die Auswanderung war von dort prozentual viel kleiner als aus dem übrigen Rayon. Die schnell wachsende Industrie verhieß dem allzu reichlich vorhandenen jüdischen Handelsgeiste trotz allem Beschäftigung, der sich entfaltende Bod'enreichtum des Landes bot ihm neue Möglichkeiten. Pogrome waren in Städten, wo Juden die Hälfte der Bevölkerung und mehr darstellten, einfach technisch linmöglich. Das Elend war da, war groß, aber Polen war ein aufblühendes. Land, und der Jude hatte trotz allem Hoffnung und Gründe zur Hoffnung. Nun hat der Krieg das Land vom Osten abgeschnürt. Die Textilindustrie des Landes hat keine Rohstoffe, der Handwerker kein Material mehr; alle Industrien haben ihr großes, reiches Absatzfeld verloren. Die russische Reichsbank hat vor Einrücken der Deutschen alles Geld zurückgezogen, die ungeheure Verkehrslähmung traf besonders die Juden. Der Kosak hat die erreichbaren Vorräte verbrannt und das Judenhaus mit besonderer Vorliebe dazu. Begreift man, daß der polnische Jude vor grauenvollem Elend stand? Viel, viel mehr als der polnische Bauer? Dem Bauer bleibt sein Land und die überall vergrabenen, oft ganz reichlichen Vorräte; ihm halfen die polnischen Hilfskomitees, für die Städter sorgten die städtischen Bürgerkomitees. Dem Juden aber wurden alle Existenzgrund- 5) Philippson erklärt. „Hirsch meint, sie (die polnischen Jude») sollen auswandcrn", und knüpft daran 28 Zeilen Polemik. Mit keiner Silbe habe ich dergleichen gesagt. Es erübrigt sich also ein Eingehen auf P.s Ausführungen über Amerika, Mesopotamien und die dürren Hochlande Kleinasiens.

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