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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-14 · Heft 2 (14.1.1916) · p. Seite 14

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 2 (14.1.1916)
Date
1916-01-14
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
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14 Knufmaunstalcutes1 2). Aus den polnischen Bauernmafse», die noch heute meist Analphabeten sind, einen Kaufmannsstand schaffen zu wollen, ist auf viele Generationen hinaus undenkbar; um so mehr, als sich den Bauern mit dem Zerfall des Großgrundbesitzes neue gute Lebensmöglichkeiten bieten. Am guten Willen der Polen zur Verdrängung der Juden, der assimilierten wie der nichtasfinnlierten, zweifeln wir nicht; der Wille scheitert aber an der Macht der wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die den Juden zum Träger der kaufmännischen Funktionen in Polen gemacht und ihn darin trotz Boykott erhalten haben, und damit als wesentlichsten Träger westlicher Kultur in Polen. Die Juden, die Städtebewvhner und oft geradezu die Städtegründer Polens seit Jahrhunderten, sind der Bauerninasse in kulturellen Ansprüchen und Lebensgewohnheiten so sehr überlegen, daß dieser höhere Kulturbedarf den Aermeren geradezu zum wirtschaftlichen Unglück wird. Der polnische Bauer verdrängt sie kraft seines niedrigeren Kulturbedarfs aus den Fabriken3). Bei Juden haben wir, aus Frankreich kommend, in Polen zuerst wieder in weißbezogenen Betten geschlafen, Sofa und Chaiselongue wiedergesehen, und als wir dann wieder auf die Dörfer kamen, hörte ich meine rheinischen Landwehrleute traurig sagen: „Jo, hej es et net wie bi de Jüdde va Thomashof!" (Sie meinten Tomaschow.) Dies und all die früher geschilderten Einzelheiten habe ich gesehen; Millionen meiner Kameraden mit mir. Indem ich aber das Gesehene ausspreche, steigt Professor Philippson ob solchen „der Wahrheit geradeswegs zuwiderlaufenden Satzes" „die Schamröte ins Gesicht". Schamröte ist kein vollgültiger wissenschaftlicher Beweisgrund. Philippson bringt zwei Sätze als Gegenbeweis; einer bezieht sich auf die Prostitution. Diese erscheint mir als eine Folge der ungeheuerlichen Kriegsnot der Juden, deshalb spreche ich später davon. Der andere lautet: „Hat Hirsch bei seinem sechsmonatigen „unfreiwilligen" Aufenthalt in Pole» nichts davon erfahren, daß eine starke Anzahl der dortigen Juden den Goi als ihren natürlichen Feind betrachtet, den in jeder Weise auszubeuten nicht allein ihr Recht, sondern ihre Pflicht ist?" Daß ein Jude, ein jüdischer Professor das geschrieben hat, . . . mir tut es in der Seele weh. Auf die Frage aber antworte ich laut: Nein! Und dreimal nein! Niemand hat in Polen solche Gesinnung meinen Kameraden oder mir gegenüber bekundet oder gar ausgedrückt. Wohl aber kenne ich die Behauptung: Seitdem der getaufte Jude und Antisemit Eisenmenger sie ausgestellt hat, klingt sie wider von den alten antisemitischen Schmähschriften bis zu Ahlwardt, Bruhn und Fritzsche. Und damit man nicht die im unbegründeten Aerger hingeworfene Bemerkung eines jüdischen Gelehrten gegen die Wirtschaftsethik einer „starken Anzahl der polnischen Juden" ausbeute, stelle ich fest, daß Philippson nach eigener Erklärung niemals in Polen war, diese Meinung auch nicht aus der Literatur belegt, sondern sie nur vom Hörensagen hat, vermutlich von den von ihm genannten „jüdischen Polen". „Jüdische Polen" sind nicht polnische Juden. Jüdische Polen, das sind die Glieder jener garlz dünnen Oberschicht, die sich in Sprache, Sitte, Kleidung und oft genug auch im Glauben losgesagt hat von der großen Masse der polnischen Juden. Tie keine Veränderung der politischen Gestaltung, wünschen, weil sie bisher zu ihren, der Reichen, Gunsten die anderen an den Westen fesselte, während ihnen kraft ihres Geldes h Mit Staunen bemerken neuere Beobachter, daß unter den jüdischen Auswanderern ans Rußland so wenig Kaufleute waren. Diese empfanden die mit der wirtschaftlichen Höherentwickelung des Landes unausbleibliche Entwicklung schon jetzt. (Kaplun-Kogan, „Die Wanderbewegungen der Juden", S. 140, auch Heiß, Schmollers Jahrbuch 1915, 2. Heft.) 2) „Materialien der Jca" 1904, Bd. Il, S. 168, auch Pasmanik u. a. m. das ganze weite Reich offen stand. Das sind diejenigen, die von der Menge als „Muschkos" bezeichnet werden, weil ihre Sympathien nach dem Moskowitertum stehen; es sind solche, die mit Verachtung aus die „Kaftanträger" herabsehen und diesen gerade in der Kriegszeit so bittere Enttäuschungen bereitet haben. Jüdische Polen sind aber glücklicherweise nicht die einzigen Wohlhabenden unter den Israeliten Polens. Mnschkos nur können gesagt haben, daß „westliche Kultur nur bei wenigen Gebildeten zu Hause ist, kaum bei einem Hundertstel der Bevölkerung". Man wird uns doch glauben, daß jeder Jude sich und den Seinen ein kulturwürdiges Dasein zu schassen strebt, sofern es die Mittel irgend erlauben? Nun, unter den Ostjuden waren — bei etwas über 1 Million Erwerbstätiger — ihrer 71 848, die jährlich 1800 Mark Gewerbesteuer zahlen können, also mehr, als die ganz große Masse der Polen und Rüsten im Leben jemals beisammen sieht. Fast 7 Prozent der erwerbstätigen Ostjuden können solche Summen aufbringen, und auch der kleinste Mann unter ihnen strebt nach kulturwürdigem Dasein; seit Jahrhunderten, inmitten einer großen kenntnis- und bedürfnislosen Slawenmaste. - Seit Jahrhunderten bewahrt die große Maste der polnischen Juden inmitten des Polentums treu ihre Eigenart und Sprache. Nicht durch polnische Gewalt vor dem Kriege und nicht durch süße Worte und bittere Taten der „jüdischen Polen" im Kriege hat sie sich um einen Finger breit davon abdrängen lassen. Nun meint Philippson, wenn Deutschland jetzt die Juden dem Polentum nicht assimiliere, so bedeute das Germanisierung; er findet, daß damit „die Juden dem schrankenlosen Hasse ihrer christlichen Mitbürger ausgesetzt und geopfert werden". Wir haben nachdrücklichst betont, daß es sich um die Erhaltung desBestehenden handelt; daß, auch wenn man der Volksschule das über allen deutschen Dialekten stehende Hochdeutsch vorschreibe, dies zunächst naturgemäß „stark Jiddisch durchsetzt sein werde". Das Ziel ist die Erhaltung der seit sieben Jahrhunderten tatsächlich bestehenden jüdischen Sprach- und Kulturgemeinschaft; diese weiß und fühlt sich unlöslich verbunden mit der Sprache und Kultur ihrer Väter, die einst aus Deutschland vertrieben wurden, obwohl sie — nach Philippsons Ideal — sich dort sprachlich aufs äußerste assimiliert hatten. Die Neuerung fordert, wer ihnen jetzt Plötzlich die polnische Schulsprache aufdrängen will. Das würde ein plötzliches Nachlaufen hinter dem Polentum bedeuten, das von den Juden nicht nur das Aufgeben ihrer kulturellen Eigenart, sondern auch ihrer Religion verlangt. Die polnischen Drohungen, die wir nach Philippsons Zeitungsausschnitten „lernen" sollen, sind ja vor dem Kriege tausendfach ausgestoßen worden, und immer wieder wird — selbst in einem jener Ausschnitte — die volle Assimilation, auch im Glauben, gefordert. Eben diese aber verweigert die jüdische Masse. Mit Stolz hält sie an ihrer Eigenart fest in einem Lande, das ohnehin von mehreren Sprach- und Kulturgemeinschaften durchsetzt ift3), und in dem keine höherwertige slawische Kultur sie verlocken kann, in der Erhaltung ihrer Sonderwerte nachzulassen. Der deutsche Reichskanzler hat betont, daß „die Kinder in ihrer Muttersprache unterrichtet werden", diese Erhaltung also in der Tat stattfindet. Wir erachteten das als im wohlverstandenen deutschen Interesse liegend. Philippson aber sieht einen Widerspruch darin, daß man einerseits die Nationalität der Polen durch polnische Schulen 3) Das Polentum bildet in Kongreßpolen nur etwa drei Viertel der Bevölkerung. Außer der jüdischen Sprach- und Kulturgemeinschaft steht ihm eine deutsche mit % Million Köpfen gegenüber, auch eine russische mit %, Million. Und nahezu absolut gilt in diesem Lande Konfession gleich Stammeszugehörigkeit: Polnisch gleich römisch-katholisch, russisch gleich griechisch-katholisch, deutsch gleich protestantisch und jüdisch gleich mosaisch. Religion und besonderer Stamm decken sich; wer einer neuen Gemeinschaft beitreten will, kann sich von ihr aus die Dauer nicht durch die Religion unterscheiden.

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