Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 2 (14.1.1916)
- Date
- 1916-01-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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80. Jahrgang Nr. 2 Berlin, 14. Januar 1916 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-pre^s; durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. vegrün-et von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Kats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 4M9, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Die ^Schicksalsfragen der Ostjuden. Van Hochschuldozent 5)111)4311* Dr.Iul.Hirsch,Köln. — Die Woche. — Rothenburg o.d.T. Bon Nathan Cohn, Berlin. — Heinestudien. Von Ludwig Geiger.— Feuilleton: Meine Braut. Erzählung von Schalom 41 sch. Deutsch von Marie Beßmevtny. — Büchereinlauf. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"!. Berlin, Posen, Aus der Provinz Posen, Lissa i. P., Breslan, Guben, Grevenbroich, Nürnberg, Würzburg. Mainz, Straßburg i.E., Jerusalem, New Jork. — Von Nah und Fern. Die Schicksalsfragen der Oltjuden. Von Hochschuldozent Dr. Jul. H i x s ch (Köln). II. Artikel. re größere Hälfte der heutigen Judenheit lebt im Osten Europas. Die schroff antisemitische Politik der russischen Regierung hat ihren größeren Teil aus den Westen dieses Riesenreiches zusammengedrängt, nach Polen und 13 weiteren Westgouvernements. Ueber eben diese Gebiete ist mit elementarer Wucht der Krieg dahingegangen und hat das Schicksal etwa der Hälfte der Ostjuden in die Hände der Mittelmächte gelegt; mindestens für die nächste Zeit, wahrscheinlich aber für recht lange Dauer. Die Mittelmächte richten ihre Entscheidungen außer nach augenblicklichen militärischen and wirtschaftlichen Erwägungen natürlich in erster Linie nach dem, was heimische Interessenten und Sachkenner ihnen Vorschlägen; in der Iudenfrage also vor allem nach Aeußerungen der deutschen und österreichisch-ungarischen Juden. Eben deswegen ist es dringend notwendig, öffentliche Urteile nicht nur aus bester Absicht, sondern aus möglichst genauer Kenntnis der ostjüdischen Lebensbedingungen zu fällen, und eine solche kann neben dem Studium der recht reichlichen Literatur nur der persönliche Aufenthalt im Osten geben. Trifft man von dort heimkehrend auf publizierte Meinungen, die im Westen ganz begreiflich, im Osten aber nach der ganzen historischen, sozialen und ökonomischen Schichtung der Juden unmöglich sind, so ist man eben moralisch zum Widerspruch verpflichtet. Solchen Widerspruch habe ich hier (Nr. 49) gegenüber Ausführungen von Professor Philippson meiner Gewissenspflicht gemäß erhoben und, wie mir und anderen scheint, mit Argumenten nachdrücklich gestützt. Philippson antwortet (Nr. 51) mit großer Schärfe, zu der weder Form und Inhalt meiner Darlegungen, noch Oie Kraft seiner Gegenargumente irgendwie berechtigen. Da der Raum dieser Zeitschrift für bloße Polemik zu schade ist, möchte ich, indem ich die von Philippson meiner Beweisführung entgegengehaltenen Ausführungen bespreche, zugleich das Problem der Ostjuden nach der wirtschaftlichen Seite hin zeigen, nachdem es hier bisher hauptsächlich nach der national-kulturellen hin erörtert worden ist. I. Assimilation und Sprachenfrage. Die Assimilation der Ostjuden im westeuropäischen Sinne erscheint uns unmöglich. Sie ist es, weil die Juden dort eine in sich geschlossene Volksmasse darstellen, die sich von der Umwelt seit sieben Jahrhunderten scharf scheidet nach Wohnweise, Berussgruppierung, Kultur, Glauben, Sprache und selbst Kleidung. Aus diese mit einer Darstellung des Selbstgesehenen illustrierte Tatsache erklärt Philippson: „Was die Masse betrifft, so stehen aber den 3 Millionen Juden in Polen und Westlitauen 9 Millionen Christen gegenüber, und diese sind sehr wohl imstande, mit der jüdischen Minderheit gründlich aufzuräumen." Die Zahlenangaben stimmen zwar nicht ganz; in Kongreßpolen allein gibt es über 9A Millionen christliche Polen, fast r'M Millionen andere Christen und knapp 2 Millionen Juden. Aber werden die Christen wirklich „mit der jüdischen Minderheit aufräumen"? Mit dem „Aufräumen" gegenüber kompakten Minderheiten hat es eigene Schwierigkeiten. Wir haben es in Preußen just mit den Polen erlebt; die Machtmittel von 60 Millionen Stammesdeutscher wandten sich gegen 3% Millionen Polen. Aber in 25 Kampsjahren erlebten wir das Entstehen eines „polnischen Gemeinwesens im preußischen Staate", für dessen Größe und organisatorische Feinheit wir stets trotz unseres „verbohrten deutschen Patriotismus" staunende Bewunderung gehabt haben. Die Polen haben es mit der „Aufräumung" auch mehrfach versucht; in Galizien bei den Ruthenen, von deren Hilferufen ganz Europa widerhallte, und die Ruthenen sind heute so stark wie je. In Russisch- Polen versuchten sie es mit dein Ruse: Kaust nicht bei Juden! Philippson verweist mich auf diese Tatsache, die ich vor ihm uachdrücklichft betont habe (S. 582, Abs. 3). Dabei sagten wir, daß dieser Ruf an der ökonomischen Struktur des Landes scheitern mußte. Da dies offenbar nicht jedem verständlich ist, erläutern wir: Jedes Land hat einen gewissen Bedarf an Händlern; in Deutschland macht die Quote jetzt über 3 % der Bevölkerung ans, steigt stellenweise bis zu 8 und 10%. In Polen ist sic jetzt noch nicht 1H%; nach den allgemeinen Entwicklungsgesetzen muß und wird sie steigen. Von jeher war Polen mehr als andere Länder auf Handel nach und von außen angewiesen; das moderne Polen braucht ihn dringend als die Lunge seines w-achsenden wirtschastlichen Körpers; es braucht Kausleute noch dazu als Organisatoren seiner Industrie. Die Schaffung ihrer Industrie haben die Polen ganz den Reichsdeutschen, Juden und einigen Franzosen überlassen, noch heute besitzen sie keinen nennenswerten Anteil an den Fabriken. Am Handel beteiligen sich nominell etwa 25 000 Polen, am eigentlich großen, dem Fernhandel des Landes, haben sie kernen Anteil. Von alters her liegt der polnische Handel iu den Händen der Inden: jetzt von rund 160 000 jüdischen Kauflenten (samt ihren Familien weit über A Million Personen); daneben zählt man große Massen jüdischer Kaufleute in der Industrie. Zur Handels- und Jndustrieorganisation gehört ein spezifisch kaufmännisches Talent, und dieses findet sich, in Jahrtausenden hoch entwickelt, bei den Juden; selbst alte große Kulturreiche wie Deutschland, Frankreich und England bedürfen des hochqualifizierten jüdischen