Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Fronjahre schwer als ein geringer Knecht. Und immer, wenn der Lenz ins Land gegangen, Trieb er die Schafe singend durch das Tal Und trug der Knechtesarbeit harte Fron, Und trug der Sehnsucht glühendes Verlangen Mit krummem Rücken und in stiller Oual — Und Rahel ward des Harrens hoher Lohn. Sag's ihnen nicht, sie werden's nicht verstehn. So wie du's selber nicht verstanden hast — Doch siehst du draußen einen bleichen Gast Mit heißem Blick durch deine Scheiben spähn, So ruf' ihn in dkin lichterhelltes Haus Und laß ihn deines Glückes Zeuge sein. Und breitest du die Arme segnend aus, Das Fest der Lichter gläubig einzuweihn, Dann zünd an der Menorah letztem Ast, Fern von den Kerzen, die das Fest geboten, Ein kleines Licht — für einen Toten . . . Hugo Zuck er m an n.1) Litrrsrilchr Mitteilungen. Max Dreher: Ter de u t s che Morgen. T-as Leben eines Mannes, l. bis 5. Tausend. Leipzig, Verlag von L. Ltaackmann. 1915. Max Dreher, bekannter als dramatischer Dichter, hat auch schon eine ganze Anzahl Geschichtenbücher und Romane geschrieben; freilich ist. der vorliegende der erste, der mir bekanntgeworden ist. Es ist ein sehr interessantes Buch, das die deutsche, richtiger preußische Geschichte von 1815 bis 1819 erzählt. Tie literarischen Streitigkeiten, die beginnende politische Reaktion, die Begründung der Burschenschaft, das Wartburgfest, die politischen Denunziationen, der ganze Kreis derer nur Kamptz und Wittgenstein, die Berliner Universität mit ihren Prostssoren, zum Beispiel Schleiermacher und Niebuhr, kommen vor. Ta aber das Buch ein Roman ist, so dreht sich die Geschichte im wesentlichen um eine Hauptperson, Jens Harting, außerordentlichen Professor der Geschichte in Berlin. Ter genannte hat die Besreinngskriege mit Auszeichnung mitgemacht und war nach Berlin zurückgekehrt, nachdem er die Schloßherrin von Rüdnitz, Gertrud, kennen und lieben gelernt hat. Reben dem zarten Verhältnis mit dieser, dem der aristokratisch gesinnte eifersüchtige Gatte lebhaft entgegentritt, spinnt sich auch mit einer seinen, exotischen adligen Dame ein zarter Liebeshaudel an. Diese Liebesverhältnisse jedoch sind nicht die Hauptsache; es handelt sich vielmehr im wesentlichen um Harlings Auftreten für Freiheit in seinen Vorlesungen und in seinem Verkehr mit Studenten: seinen: Bruder Rochus, der allen neuen Erfindungen, Lustfchifseu und dem ersten Versuch von Tauchbooten und anderen begierig zustimmt und sich lebhaft an ihnen beteiligt, sowie mit einigen anderen jungen Leuten. Wegen dieses Verkehrs mit Studenten und wegen einzelner Schriften wird gegen den Professor eine Haussuchung vorgenommen, einer seiner kompromittierenden Briese an die genannte Gertrud ausgefangen und Jens in die Hausvogtei gebracht, wo er ein ganzes Jahr gefangen sitzt; bei dieser Gelegenheit lverden Tambach, E. T. A. Hofstnanu und andere Untersuchungsrichter genau geschildert. Ter Gefangene soll nach Magdeburg gebracht werden; auf dem Wege dahin wird er befreit, aber durch mehrere Schüsse verletzt, tottrank aus das nnhegelegene Gilt seiner Freundin gebracht, wo er an seiner Verwundung stirbt. Man uuiß über diesen Roman, wenn er auch mit dem Tode des Helden endet, sagen: es ist nur ein Stück Geschichte und ein Stück Leben; so viele Andeutungen, so viele Anfänge und keine rechte Losung. Ob dem Verfasser bei der Hauptperson ein bestimmtes Modell vorgeschwebt hat, läßt sich nicht sagen. Manche Schilderungen sind derart, daß man an eine der bekanntesten Persönlichkeiten jener Zeit, an Steffens denken möchte, obgleich dieser freilich ein ganz anderes Schicksal gehabt hat. Reben dieser Hauptperson treten unzählige Nebenpersonen auf, die recht gut gezeichnet werden: ein Buchhändler, ein Polizeispitzel, die Tochter des erstgenannten, ein liebes Gänschen, das den Rochus liebt, der sich zwar in seiner zerfahrenen Art diese Liebe gefallen läßt, trotzdem das Mädchen vernachlässigt, ferner ein holsteinischer Student und x) Aus Zuckermanns Gedichten. Wien, R. Löwits Verlag, 1915. ein jüdischer Buchhandlungsgehilse, die beide in jenes Mädchen verliebt sind. Der letztere, der sich in seinem Feuereifer in der kaufmännischen Tätigkeit nicht wohlfühlt und Student wird, sucht mit Rochus Händel, um ihn wegen seiner Vernachlässigung des hübschen Mädchens zu strafen. Es kommt zum Duell, in dem beide verwundet werden, aus dem sie aber mit dem Leben davonkommen. Dieser jüdische Buchhandlungsgehilse und spätere Student Ahasver Roseuwanger, in seinem unendlichen Forschungsdrange, wird ganz ausgezeichnet geschildert, durchaus ohne jede antisemitische Tendenz; im Gegenteil, der Verfasser sieht in der beginnenden Unterdrückung der Juden, in der judenfeindlicher: Stimmung adliger Kreise eine schlimme Abkehr von dem freien Geist der früheren Jahre. Gelegentlich kommt als humoristische Nebenfigur auch ein Papierhändler Leopold Weichselbaum vor, der von besonderem Zorn gegen den bekannten Staatsrat Koreff erfüllt ist, einen getauften Juden, der als Schriftsteller, Arzt, Gesellschastsmensch und Diplomat in jenen Zeiten eine gewisse Rolle spielte. Man sieht aus diesen Einzelheiten und aus manchem der oben berührten Vorfälle, daß der Verfasser manche Quellen der Zeit kennte Aber oft gerät er in seltsame Fehler. So läßt er noch 1815 Nicolais Allgemeine deutsche Bibliothek erscheinen, die 1811, und ebenso die Berliner Monatsschrift, die schon mehrere Jahre vorher eingegangen war. Es ist ferner sehr bedenklich, wem: er den Gedanken des lenkbaren, mit Dampfmaschinen betriebenen Luftschiffes schon ins Jahr 1817 setzt. Jedoch diese einzelnen Fehler können nicht zur Verurteilung des interessanten Buches führen. Der eigentliche Fehler liegt in der ziemlich unorganischen Verknüpfung der Zeitgeschichte mit dem Schicksale eines einzelnen Menschen, ferner darin, daß zu viele Fäden geknüpft werden, die nicht recht abgesponnen werden. Aber der Roman gibt eine interessante Schilderung einer merkwürdigen Zeit und ist anregend und spannend dazu. I,. G. * — Päpstin Johanna. Bon Ludwig Gorm. Delphin-Verlag, München. ~ . Die Sage von der Päpstin Johanna, die im neunten Jahrhundert zwischen Leo IV., gestorben 855, und Benedikt 111., gestorben 858, wenige Wochen aus dem päpstlichen Stuhl gesessen haben und während einer Prozession entbunden worden und gestorben sein soll, entstand in der Mitte des dreizehnten Jahrhundert und wurde erst im sechzehnten Jahrhundert als unhistorisch bezeichnet. Sie ist manchmal von deutschen Schriftstellern poetisch verwertet worden und es mag einem Neueren daher nicht verwehrt sein, sich ihr wieder zuzuwenden. Ludwig Gorm, der in dem neuesten Kürschnerscher: Literaturkalender noch nicht erwähnt wird, vielleicht also ein junger Schriftsteller, hat den Stoff in sehr eigenartiger Weise behandelt. Danach ist die Päpstin Johanna ein schönes Mädchen, Gilberta, das aus Deutschland stanunt, sich leidenschaftlich in einer: Mönch Ortwin verliebt und mit diesen: entflieht. Da er Seelenqualen empfindet, so geht er nach Rom und sie, als -Mönch verkleidet, zieht mit ihn:. Durch ihre Milde :rnd ihren Verstand weiß sie sich bei der Bevölkerung Ansehen und bei den: in Ron: herrschenden Markgraf Alberich solche Bedeutung zu verschaffen, daß dieser nach der Ermordung des sittenlosen Papstes Sergius die Wahl Gilberts (diesen Namen trägt der vermeintliche Mönch) zum Papste durchsetzt. Während ihres kurzen Papsttluns aber wird Gilberta durch ihren Zustand so geplagt, daß sie sich urn die Regierung wenig bekümmert; sie wird schließlich bei den: Einzug des Königs Otto, der die ihm entgegeustehenden Heere besiegt hat, von Geburtswehen befallen und durch das aufgeregte Volk getötet. Das Ganze ist höchst spannend erzählt und das Liebesleben Ortlvins und Gilbertas mit glühenden Farben ausgestattet. Ortwins Seelenleiden werden vortrefflich geschildert. Die Darstellung der verrotteten Zustände Roms ist meisterhaft durchgesührt. Aus diesen: Grunde, da ich es für meine Pflicht halte, auf hervorragende literarische Erscheinungen hinzuweisen, würde ich mich nicht scheuen, das Buch zu erwähnen, selbst wenn es nichts Jüdisches enthielte; es sind aber ein paar wirksame, freilich unerfreuliche Szenen zu finden, in denen Juden eine Rolle spielen: Seite 58 ff. eine durch Gilberta in einer deutschen ungenannten Stadt hervorgerufene Judenverfolgung und Seite 158 ff. eine kleine Szene in Rom, wo ein Jude Schnull von römischen Gassenbuben gehöhnt und gedrängt wird. Das sehr eigenartig ausgestattete Buch verdient wegen des starken, freilich noch nicht völlig ausgeglichenen Talentes des nur persönlich unbekannten Ver- I fassers immerhin Beachtung. L. G.