Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229234--71910-3284321
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

.-10 Und Pinsk soll da gar keine Einzelerscheinung sein. Allenthalben in Litauen sei dem so, >vie mir gesagt wurde. Nun, dann ist das letzte Wort über die Zukunft Israels noch nicht gesprochen. Marschau und Habm. Bon Rabbiner Tr. Friedmann in Lnblimtz. 2?*» ie Eröffnung der polnischen Universität Warschau darf > mit Recht als eine hervorragende, außergewöhnliche Tat in der Gegenwart angesprochen und gerühmt werden. Inmitten des Kriegsgetüminels wurde das wichtigste kulturelle Bedürfnis des polnischen Volkes und nicht zum mindesten der polnischen I u d e n durch die Eröffnung der Hochschulen befriedigt, und wie der Rektor bei dein Festakt in der Aula der Universität noch unter anderem sagte, wird das polnische Volk, dem die Frage der Bildung überhaupt und der höheren Bildung im besonderen stets am Herzen lag, diese Tat gebührend zu würdigen wissen. Als „den Beginn einer Aera neuen geistigen Lebens" konnte daher auch der Generalgouverneur Exzellenz v. Beseler das große Ereignis bezeichnen. Wer von den Feinden rmd Gegnern des Deutschen Reiches noch daran zweifeln mochte, daß dieses wirklich den Polen die Freiheit bringen werde, wer noch von ihnen das Deutsche Reich des Strebens nach der Weltherrschaft und des höchsten „Militarismus" beschuldigen mochte, der wird jetzt wohl anderen Sinnes werden und die Liebe zur Freiheit und zu den Geisteswiffenschaften selbst während des schwerernsten .6 r i e g e s beim Deutschen Reiche anerkennen müssen. Tenn nur diese L i e b e konnte das siegreiche Deutschland bewegen, dem polnischen Volke zur Gewährung seines Verlangens und zur Erfüllung des Versprechens der Verbündeten so schnell, noch v v r Beendigung des fürchterlichen Weltkrieges, zu verhelfen. Ja, Warschau wird ein neues Merkblatt und Merkzeichen für die Liebe des Deutschen Reiches zur Freiheit und Wahrheit, zur echten Bildung. Aber dieses große Ereignis der Eröffnung der Universität Warschau erinnert unwillkürlich an einen ähnlichen für die Juden höchst bedeutsamen Vorgang vor Id4ö Jahren, welcher auch inmitten de S K r i e g s g e t ü m m c l s die tiefwurzelndc Liebe des I u d e n t u m S zur Freiheit und Bildung ganz besonders bewies. Während noch Jerusalem von den Römern belagert und jeder weitere Widerstand gegen die römische Uebcrmacht auf seiten der Gemäßigten unter den Inden als nutzlos erkannt wurde, da war das erste, woran inan dachte, die Rettung der Freiheit und Bildung für die Jugend, ihre Fortpflanzung in dem jüngeren Geschlechte. Deshalb suchte Jochanan ben Sakkai zu Vespasian zu gelangen und von ihm möglicherweise die Gewährung seiner diesbezüglichen Wünsche zu erreichen. Und es gelang ihin, die Wachsamkeit der Zelvtenpartei zu täuschen, die Stadt zu verlassen und vor Vespasian demütig hiuzutretcu, dem er seine drei Bitten vortrug, nämlich die Genehmigung zur Erhaltung der Akadeinie in I a b n c, die Schonung des Restes des Hillelschen Hauses und die Gewührring ärztlicher Hilfe für den durch Fasten und Entbehrungen hinfällig geivvrdcnen Studicngenvssen Zadok. Vespasian geivährte dem greisen Jochanan alle Bitten, so daß nun Iabn e (Jamnia) der Sitz des Synedriums wurde und in einen Teil der Rechte eintrat, welche ursprünglich Jerusalem gebührten. Sv wird ein Vergleich von Warschau und Jabne zu einem neuen Beweise für die Verwandtschaft des Deutschtums" mit dem Judentum, des deutschen Sinnes und Geistes mit dem jüdischen. SabbatmrlMkn. früher so klangvolle Tenorstimme unseres alten Chasans war brüchig und krächzend geworden, und wenn er noch so stark beim Singen die Hand an die Wange drückte, der Klang der Stimme wurde dadurch nicht angenehmer; so mußte der alte Chasan aufhören, Synagogenvorsänger zu sein. Das bereitete ihm ein trauriges Gemüt, denn die Pension, die er erhielt, nannte et den Schlüssel zum Grabe. Er hat übrigens den Schlüssel fast ein Vierteljahrhundert lang in der Hand getragen und überlebte sogar einen neuen Chasan, der sich schon Oberkantvr nannte. Der neue schaute hochmütig auf den alten Sänger, der nicht einmal Noten zu lesen ver-„ stand. Der alte hegte einen Grimm auf den neuen, und dieser Ingrimm entlud sich in den Worten: „Ein Unter- oder Obervder Ueberkantor mag er fein, ein Chasan ist er nicht. Hat er denn eine Ahnung, was in unseren Gesängen steckt, weiß er denn, wenn man am Freitagabend einen anderen Steiger hat als am Sabbatvormittag?" Um dem alten verbitterten Mann eine Freude zu bereiten, las ich ihm einmal Heines „Prinzessin Sabbat "vor, wie dort der Synagogenvorsänger am Freitagabend an das Betpult tritt: „Leeho daudi likras kallo.“ Komm', Geliebter, deiner harret Schon die Braut, die dir entschleiert Ihr verschämtes Angesicht." Der Mann hörte, ein Auge zudrückend, aufmerksam zu, überlegte nach Vollendung des Gedichtes längere Zeit, dann sich seinen langen weißen Bart streichelnd, sagte er: „Ei, ei, das ist sehr schön, aber noch nicht ganz richtig. Wie hat der Mann geheißen? Heine. Der Heine hat mich nicht in Schul singen gehört, er muß einen Chassid gehört haben." Der alte Chasan war ein Misnaggid und hielt die Kabbala für ein Knckucksei, das man dem Judentum ins Nest gelegt und dadurch die geradlinige Entwicklung deS Judentums gestört hatte. „Ich werde Erich sagen," sprach er weiter, „was wir echte Chasanim am Sabbat in der Synagoge singen. Seht, Sabbat ist wirklich wie eine Prinzessin und wie eine Braut, und diese Prinzessin gehört uns, einem jeden guten Juden, weil Gott sie uns gegeben hat. Und weil man sie gern hat, will man sich von dieser Prinzessin eine Vorstellung, ein Bild machen. Wie soll sich aber so ein einfacher Jude, der noch nie mit einer Prinzessin gesprochen hat, diese vorstellen? Doch nur wieder wie eine Prinzessin, die er gern hat und die sein ist, sein eigenes Weib. Aber nicht, wie sie jetzt aussieht, sondern wie sie in der Jugend, als Mädchen und Braut ausgesehen hat, und dann, wie sie sein Weib geworden ist, und dann, wie sie mit ihm zusammen älter rmd alt geworden ist. Freitag abend, das ist der Anfang, da ist ein ganz fröhlicher Gesang, wie ein Mädchen hüpft und springt ohne Sorgen, ohne Leiden. Freitag abend, da trillert der Gesang wie Nachtigallen und wie andere Vöglein singen, da hüpft und springt es, lauter Lustigkeit, lauter Freude, Kinderlust, Kinderlachen, Kinderfreude. Samstag früh bei Schacharith, das ist wie gleich nach der Hochzeit. Der junge Ehemann tänzelt um die junge Frau, der Gesang der Kadenzen, wie ihr das nennt. Er neckt sich mit ihr, er bittet um ihre Gunst, er schwärmt um sie. Hört nur aufmerksam den Gesang bei Schacharith an und sagt mir, ob das nicht ein Liebhaber so singen könnte. Umsonst wird ja auch nicht im Schir haschirim, diesem Liebeslied am Sabbat, gesagt:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.