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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 9

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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auf farbigem Seidenpapier gedrucktes Blatt, das in deutscher und russischer Sprache nur die amtlichen Bekanntmachungen und Kriegsberichte sowie Inserate enthält — folgendermaßen festgesetzt ward: Für Notstandsarbeiten im Interesse der Stadt zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit 9000 Rubel, Armenlasten. 3000 Unterstützung der Familien eingezogener Reservisten.1500 Krankenhäuser und öffentliche Anstalten . . 1500 Feuerwehr, Polizei und innere Verwaltung 2000 Schulen und Unvorhergesehenes .... 1000 Von dem für die Armenunterstützung ausgeworfenen Betrage hat mir der Kommandant, Hauptmann Freiherr v. Bissing, einen Beitrag für die von mir auch in Pinsk gegründete „Jüdische Volksküche" zugcsagt. Diese Volksküche speist täglich bis zu tausend Menschen morgens und mittags. Alle drei von nrir errichteten Volksküchen werden in streng ritueller Weise geführt, sind in aus meinen Namen lautenden Konzessionen von den Militärbehörden genehmigt und unterstützt. Vorsprechende 'Nichtjuden werden selbstverständlich gleichfalls kostenlos gespeist, was ich in den Gründungsprotokollen festgelegt habe. Eine Berühmtheit bildet die „große Synagoge" zu Pinsk, sowohl ihres Umsanges halber wie auch wegen ihres sehr hohen Alters und ihrer Bauart. Der ungeheure Bau mit seinen mehr als meterdicken Mauern und Säulen soll vor Jahrhunderten eine Klosterkirche gewesen sein. Zweimal habe ich in derselben gepredigt: das erstemal am ersten Chanukatage auf Bitte der beiden Bürgermeister Dr. Lurie und Wohl und nach eingeholter Zustimmung des Kommandanten, der sich mit vielen höheren Offizieren eingefunden hatte. Zwischen 2000 bis 3000 Menschen nahmen an diesem Gottesdienste für die Zivilbevölkerung teil, bei dem neben verstärktem Synagogenchor auch ein Streichorchester mitwirkte, sogenannte Klesmers. Am vierten Chanukatage fand in der wieder überfüllten Synagoge der militärische Gottesdienst statt, zu welchem die jüdischen Mannschaften von der benachbarten Front kommandiert worden waren und sich in sehr großer Zahl, wie gleichfalls verschiedene höhere Offiziere, eingefunden hatten. An diesen schloß sich eine Verteilung von Liebesgaben, Lektüre, Zeitungen ufw. Erstaunlich ist das sehr große Interesse, das unsere Feldgrauen den jüdischen Zeitungen entgegenbringen: gewiß ein Zeichen des wiedererwachten Interesses für das Judentum. Die Verteilung der von den Verlegern in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellten Wochenschriften wird zum Beispiel von den Soldaten, die ich an jedem Freitagabende um mich versammle, sehr dankbar allsgenommen. Sie geben auch stets anregenden Gesprächsstoff. Unvergeßbar bleiben wird mir der in der Frontstellung verbrachte Tag. Der Kommandierende General, Exzellenz v. Storch, hatte mir in Schloß A. bereitwilligst die Erlaubnis erteilt und einen Wachtmeister als Führer mitgegeben. Und dann gingss stundenlang durch kunstvoll in dem fürchterlichen Snnrpfboden angelegte Schützengräben, hinein in Unterstände aller Art, vorbei an dem dem Laienauge so verworren erscheinenden Drahtverhaue usw. Fast bis nach P. hinaus. Die Russen, deren Schützengrabenlinie unschwer zu erkennen war, ließen in diesen Stunden nichts von sich hören. lieber jedes Lob erhaben sind Haltung und Stimmung unserer Truppen da draußen. Keine Spur von Verdrossenheit, kampflustiges Erwarten des Feindes, den jedoch nur ein langanhaltender Frost über Strumen, Pina und Sümpfe tragen könnte. Höchst willkommen war allen mein Sack mit Liebesgaben, der so unheimlich rasch geleert war. Trotz der bedrohlichen Nähe der Russenstellung und trotz des sehr beschwerlichen Marsches, da bei jedem Schritte die Anhänglichkeit des Bodens an meine Stiesel überwunden werden mußte, war mir dieser Tag ein froh verlebter, denn ich gewann unmittelbar den Eindruck, wie treue und sichere Wacht unsere Feldgrauen hier halten. Recht ungemütlich wird's in Pinsk erst des Abends. Außer den fortwährend das Gelände absuchenden russischen Scheinwerfern und dem zitternden Lichte unserer eigenen Leuchtkugeln fällt kein Lichtstrahl in die stockfinsteren Gassen, die nach 7 Uhr ein Zivilist nicht mehr betreten darf. Nicht nur Lebensmittel jeder Art, sondern auch Beleuchtungsmaterial ist nur sehr spärlich vorhanden. In allen Aemtern wird nur bei Kerzenlicht gearbeitet. Und bei einem solchen Stüinpschen in fleißiger Arbeit vertieft fand ich auch einen berühmten Gelehrten, den Verfasser des „Thora temima", Baruch Epstein, den ich zu vorgerückter Abendstunde besuchte. In fast jedem Haufe jüdischer Fachgelehrten ist das genannte, der Peutateuchausgabe beigedruckte Werk zu finden, da es wegen feiner Gegenüberstellung schriftlicher und mündlicher Lehre geradezu unentbehrlich geworden ist. Baruch Epstein ist nicht Rabbiner von Beruf, sondern Direktor einer großen Privatbank in Pinsk, die jedoch seit Kriegsausbruch ihre Tätigkeit eingestellt hat. Geboren in Bobrinfk als Sohn eines bedeutenden Rabbiners-, ist er heute 50 Jahre alt. 1896 bestand er in Plock beim Gouvernement die vorgeschriebene Prüfung für Rabbinerstellen in Polen, lehnte jedoch ihm wiederholt angebotene Rabbinate ab. Seit 1879 lebt er in Pinsk, dessen Oberrabbiner Gurewitsch sein Schwiegervater wurde. Der sehr bescheidene, stille Gelehrte arbeitet derzeit an seinen „Lebenserinnerungen". Seine vier Kinder haben sämtlich akademische Ausbildung erhalten. Seine jüngste Tochter, die 1907 in der zweiten Duma als Stenographistin tätig war und die jetzt ein Mädchengymnasium in Pinsk leitet, führt dem verwitweten Vater seit Kriegsausbruch den Haushalt. Und noch einer rühmlichen Pinfker Spezialität will ich kurz hier gedenken. Aus Bitte des Vorstandes stattete ich einer der vielen Schulen, einer jüdischen Mädchenvolksschule, einen kurzen Besuch ab. Sauberkeit, Ordnung, gut geregelter Schulbetrieb an den sechs Klassen mit je 10 bis 60 Schülerinnen. Was mich aber so überaus mächtig ergriff, war der Umstand, daß der gesamte Unterricht in tadellosem, fließend gesprochenem Hebräisch vor sich geht. Kein Suchen erst nach dem Ausdrucke, Lehrpersonal wie Schülerinnen beherrschen das Hebräische wie ihre Muttersprache. Noch sehe ich die großen, erstaunten Allgen der Mädchenschar - es war in Klasse 5 - - vor mir, als ich ihnen mit einigen hebräischen Sätzen meine Anerkennung aussprach. Ein Mann in deutscher Offiziersuniform, der hebräisch zu ihnen sprach, war ihnen gar zu unerhört. Ein jubelndes „tando" schallte mir bei meinem Weggehen nach. Dieses Beherrschen der hebräischen Sprache unter Ablehnung des Jargon unterscheidet den russischen Juden vonl polnischen, erhebt ihnebenso über diesen ivie die große Sorgfalt, die der Ausbildung der weiblichen Jugend gewidmet wird. In der Familie meines Gastgebers T., die ich noch von Meran her kannte, hatte ich Gelegenheit, verschiedene Frauen und Mädchen kennenzulernen, die sich fließend in reinstem Hebräisch miteinander unterhielten, ein klassisch zu nennendes Hebräisch schrieben und auch inder talmudischen Literatur eine verblüffende Gewandtheit zeigten. Sie zitierten alle Augenblicke talmudische Aussprüche und brachten meinen Zitaten ohne weiteres volles Verständnis entgegen. Pinsk besitzt seit vielen Jahren eine sehr große, stark frequentierte Volksbibliothek in einem geräumigen Lokale in der Kiewer Straße. Ich war dort und fand die Büchersammlung fast ausschließlich aus hebräischen Werken bestehend, meist belletristischen oder wissenschaftlichen, selten theologischen Inhaltes.

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