Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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8 Tagesordnung. 1893 und 1897 war sie fast ganz eingeäschert worden, bald aber verjüngt aus den Brandruinen wieder erstanden. Ob ihr das jetzt nach der so unglaublich gründlichen Verwüstung auch beschieden sein wird? Die Augen der Brisker, wie sie sich nennen, glänzen in Energie und Freude, wenn sie des vielleicht noch sehr fernen Tages gedenken, da sie wieder nach ihrem geliebten Brisk de Lira zurückkehren dürfen. Sie wollten schon für die Wiedererstehung der Stadt sorgen. Und ich traue es ihnen unbedingt zu. Ich hatte bei der Gründung von drei „Jüdischen Volksküchen" (in Biala, Kobryn und Pinsk) Gelegenheit, die Energie und Tackraft dieser Leute zu beobachten, wenn ihnen erst Vertrauen entgegengebracht und ihr Selbstbewußtsein geweckt wird. Noch erlaube ich mir kein abschließendes Urteil über die bei uns daheim gerade jetzt als so bevormundungsbedürftig angesehenen polnischen Juden, obwohl ich seit mehr als vier Monaten unter ihnen lebe und sie sehr gründlich studiere. Soviel nur kann ich heute schon sagen: der Charakter der polnischen Juden ist eine beispiellose Mischung von bewunderns- und beklagenswerten Zügen, welche letztere zweifellos nur eine Frucht moskowitischer Verkrüppelung der Moral sind, da sie auch bei den Polen und in noch verscharsterem Maße gegeben erscheinen, und die in nicht zu ferner Zeit zum Verschwinden kommen dürften. Ganz überflüssig und manchmal recht unsympathisch erscheint mir die jetzt so allgemein gewordene Diskussion über die angeblich drohende Invasion vonpolnischen Juden nach Deutschland. Die polnischen Juden denken zum allergrößten Teile gar nicht an dergleichen; sie und ihre ganzen, besonders die religiösen Verhältnisse sind viel zu sehr mit ihrem Lande verwachsen, das sie auch, wenigstens in größerer Zahl, kaum verlassen werden, sobald ihnen da volle Gleichberechtigung gewährleistet wird. Doch zurück nach Brest-Litowsk. Die Große Synagoge fand ich, obwohl ich sie schon wiederholt in Ordnung hatte bringen lassen, jetzt wieder in trostloser Verwüstung vor. Die Thorarollen lagen wieder aufgerollt auf dem Boden, Bücher überall verstreut, Berge von Schmutz allenthalben. Durch die zerbrochenen Fensterhöhlcn waren große Schneemassen in das Innere des weiten Raumes gedrungen; in dessen Mitte hatte sich eine richtige Eisbahn gebildet. Mit Hilfe meines Burschen, eines braven Pfälzers, schaffte ich in früher Morgenstunde notdürftig Ordnung für den Gottesdienst, zu dem sich gegen hundert Soldaten eingesunden hatten, zum großen Teile schon alte Bekannte. Bald nach den: Gottesdienste erwirkte ich bei der Festungskoininandantur die Abkommandierung eines jüdischen Soldaten von einem Fort, der in den folgenden Tagen durch Kriegsgefangene die Synagoge gründlich in Ordnung bringen ließ. Die Fenster wurden nrit Brettern abgeschlossen und die Synagoge selbst bis nach Kriegsende vollständig gesperrt. Künftige Gottesdienste in Brest-Litowsk werde ich im Betsaale des dortigen Soldatenheimes abhalten. Eine stattliche Zahl von Briefen aus der Heimat trug ich mit mir, in denen allen ich gebeten wurde, nach Verwandten in Brest-Litowsk zu forschen. Vergebliches Beginnen! Nur in einem Falle gelang mir eine solche Erkundung in Kobryn, sonst aber weiß Gott allein, wohin diese 45 000 Menschen verschlagen worden sind. Einen Toten dagegen, einen Lehrerssohn aus Nürnberg, der als treuer Soldat in einem Feldlazarett in Brest-Litowsk sein junges Leben ausgehaucht hatte, konnte ich an der Hand der Akten sogar in einem Massengrabe hinter der katholischen Kirche feststellen. — Kobryn, eine unansehnliche Stadt mit engen Gassen, hat eine Sehenswürdigkeit ersten Ranges in seiner Hauptsynagoge. Der Aron Hakodesch ist von einer breiten Ntzd bis an die etwa zwanzig Meter hohe Decke reichenden wundervollen Holzschnitzerei umgeben, die in der Hauptsache zwölf Felder mit den plastisch dargestellten Bildern des Tierkreises enthält. In etwa zehn Meter Höhe kommen über dem Allerheiligsten zwei weiße Hände heraus mit der traditionellen Fingerstellung beim Priestersegen. Das Ganze wird von einem riesigen russischen Adler gekrönt. Das Kunstwerk ist laut Inschrift eben fünfzig Jahre alt und bildet die Lebensarbeit eines frommen Künstlers aus Kobryn, wo es dem deutschen Auge um so befremdender erscheint, als man sich hier in einer in der Hauptsache aus Ehassidim bestehenden Gemeinde befindet und plastische Darstellungen, noch dazu in der Synagoge, von (eher bei den Juden verpönt waren. Einige höhere Offiziere, die als Gäste meinem Gottesdienste beiwohnten, veranlaßten sofort die photographische Aufnahme des dabei auch noch farbenprächtigen Kunstwerkes, und zwar seines Umfanges halber in drei Teilen, und sagten mir die Uebersendung der Bilder zu. Kobryn war von jeher eine zwar große, fromme und lerneifrige, aber dabei sehr arme Gemeinde. Heute kann hier von Massenelend gesprochen werden, das noch durch diö Anwesenheit von Tausenden von Flüchtlingen gesteigert wird. Herzergreifend waren die Schilderungen der vielen Deputationen und Einzelbittsteller, die bis in die späte Abendstunde hinein bei mir vorsprachen. Ich bildete auf Grund meiner Erfahrungen in Biala sofort unter Mitwirkung des Oberrabbiners Grünberg und des Bürgerkomitees ein Komitee zur Errichtung einer „Jüdischen Volksküche", die, wie jene in Biala, täglich an vorläufig bis zu 300 Personen zu speisen hat. Nach einem kurzen Aufenthalte beim Generalkommando in I. traf ich zwei Tage später auf dem vollständig zerstörten Bahnhose in Pinsk ein. Nach deutschen Begriffen von einer Stadt mit 80 000 Einwohnern sieht man sich hier sehr cuttäuscht. Unglaublich lange und sehr breite Straßen, die aber zu beiden Seiten nur halbstockhohe, oft recht armselige Häuschen zeigen. Das Straßenpflaster, wenn man von einem solchen überhaupt sprechen kann, ist unter aller Kritik. Tiefe Löcher, Pfützen, Steinhaufen allenthalben. Die berühmten hölzernen Fußsteige sind in Wirklichkeit nur Bretter, die hie rmd da über die Löcher und Pfützen gelegt sind, armselig, wie so ziemlich alles hier. Die heutige Einwohnerzahl beträgt etwa 10 000 Seelen, zumeist Juden. Die vielen Tausende von Heimlosen, die bis vor kurzem noch hier waren, sind seither größtenteils ins Etappengebiet verbracht worden, wo die Militärverwaltung nach bester Möglichkeit für sie sorgt. Tagsüber herrscht ein sehr reges, fast sorglos zu nennendes Leben in den Straßen trotz der bedrohlichen Nähe der russischen Stellungen. Ein eigentümlich anmutendes, im Vertrauen zu den deutschen Waffen begründetes Sicherheitsgefühl erfüllt die Bevölkerung. Restaurations- und Kaffeelokale aller Art, Kasinos, Kinos usw. sind in vollem Betrieb. In den letzten Wochen der Russenherrschaft soll weit mehr Aengstlichkeit in der Stadt geherrscht haben und eine Auswanderung größeren Stiles geplant gewesen sein. Doch das Beispiel der reichen und sehr angesehenen Familie Lurie, die in Pinsk verblieb, bestimmte auch die anderen Einwohner hierzu. Gegen etwaige Zerstörungspläne der Russen sicherte man sich durch Sammlung eines sogenannten Bestechungsfonds von beträchtlicher Höhe. Er gelangte aber nur teilweise zur Verwendung, weil die deutschen Truppen überraschend schnell die Stadt besetzt hatten, die bisher auch von Verwüstung verschont geblieben ist. Ganz freilich sind die Bewohner auch nicht von den Leiden des Krieges verschont geblieben. Ziemlich bedeutende Umlagen sind schon zweimal erhoben, jedoch nur zugunsten der sehr notleidenden Bevölkerung verwendet worden. Die letzte während meiner Anwesenheit in der Höhe von 18 000 Rubeln, deren Verwendung in der „Pinsker Zeitung" — ein von der Ortskommandantur herausgegebenes, täglich erscheinendes,