Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3229232-3229234--71907-3284318
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Bevölkerung gibt es keine im Stabt- und Festuu gsbereich, und i für die Soldaten besteht kaum Veranlassung. die in tiefster Finsternis gehüllten Straßen zu. betreten, so daß man nur selten einem menschlichen Wesen begegnet. Grabesruhe liegt über der einst so Volks- und handelsreichen Stadt, die säst nur aus Häuserleichen besteht, über welche die gütige Natur in reichem Schneesall ein weißes Totenkleid gedeckt hat. Schauerlich hört sich das eintönige Lied der im Nachtwinde schaukelnden eisernen Balkonreste an, und wie drohend gen Himmel gestreckte Zeigefinger heben sich die stehengebliebenen Kamine von den sie umgebenden Trümmerhaufen ab. Ich habe mir von den in Kobryn und Pinsk zu vielen Tausenden lebenden Flüchtlingen aus der unglücklichen Stadt erzählen lassen, wie dieses beispiellose Verwüstungswerk vor sich gegangen war. Plötzlich war an die gesamte Einwohnerschaft der Befehl ergangen, die Stadt innerhalb drei Tagen, vom 14. bis 16. August, zu verlassen. Man hatte zu dem Behuse die Stadt vom Bug bis zur blauen Kirche in drei Teile geteilt. Am schlimmsten waren jene daran, die den Stadtteil bewohnten, der sofort, schon am ersten Tage, geräumt werden mußte. Denn über Hals und Kopf mußten die Unglücklichen hinaus auf die Landstraßen oder, wenn sie Geld genug zur Bezahlung der Fahrt und Bestechung der Beamten hatten, zum Bahnhofe, wo für die Flüchtlinge täglich zehn Züge nach dem Innern Rußlands abgingen. Die Kosaken trieben mit erbarmungslosen Hieben zur Eile an, Greise, Kranke, Kinder, alles mußte fort, pünktlich, innerhalb drei Tagen, denn man mußte vor dem bedrohlich raschen Heranziehen der Deutschen noch Zeit genug haben zur Plünderung und Brandlegung. Nichts von ihrem Hab und Gut durften die gegen 40 000 Vertriebenen mitnehmen. Weinend erzählten sie, wie der letzte Abschiedsblick auf ihr Heim ihnen auch zugleich die russische^ Bauern aus den umliegenden Dörfern zeigte, die mit ihren Wagen herbeigekommen waren, um sich an der Plünderung zu beteiligen. Sobald ein Stadtteil geräumt war — bei der Ungeduld der Kosakenhorden in der Regel schon zwei bis drei Stunden vor der festgesetzten Zeit — dann wurde alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus die Straße getragen und hier zunächst von den in solchen Raubzügen sehr bewanderten Offizieren genau besichtigt. Was diese für sich geeignet hielten, ließen sie zur Bahn befördern, die täglich Zug auf Zug mit dem Raubgute abgehen ließ. Dann holten sich Kosaken und Bauern ihre Beute. Was dann noch übrigblieb, ward an der breiten Chaussee, die nach Kobryn führt, in gewaltigen Hausen aufgeschichtet und in Brand gesteckt. Und Brest-Litowsk mit seinen, wie ich von verschiedenen Seiten übereinstimmend hörte, mehr als 60 000 Einwohnern war eine sehr reiche Stadt, die in großem Stile den Zwischenhandel von russischem Holz und Getreide nach Deutschland betrieb. Und dieser Handel lag Der Armeerabbiner der Göppingen, an der in der Hauptsache in der Hand der Juden, die eine nicht nur ob ihres Alters und ihrer Geschichte, sondern auch ob ihres Reichtums und ob ihrer Institutionen hochangesehene Gemeinde bildeten. Mit wehmutsvollem Stolze und tränenvollen Augen erzählten mir der Dajan Bleiweiß und der 70jährige 1. Parneß Schatz in Pinsk von dem, was ihr Brest- Litowsk gewesen ist und geleistet hat. Außer den zwei großen Synagogen, der Hauptsynagoge und der Spitalsynagoge, gab es noch 40 aschkenasische und 15 iephardische, richtiger chassidische Bethäuser, die auch als Lehrhäuser dienten. Zwei große, reichdotierte Krankenhäuser besaß die Gemeinde mit je 50 Betten. Dem Jugendunterricht war außerordentliche Sorgfalt gewidmet worden. Ein großer Tälmud-Thvra-Vercin unterhielt 31 Schulen, so eine Art Cheder, aber auch mit den Unterrichtselementen Profaner Bildung, in welchen auch mehr als 1000 Kinder armer Leute umsonst Unterricht erhielten. Die für die Juden bestehende Zchnprozentnorm war an dem einzigen russischen Gymnasium der Stadt heiß umstritten, in der Kommerzschule und in der Realschule war mehr als die Hälfte der Schüler Juden. Brest- Litowsk bildet die Grenzscheide zwischen den polnischen und litauischrussischen Juden. Die letzteren sind den ersteren in jeder Hinsicht überlegen, was sich dein Beobachter allenthalben aufdrüngt. Ihre talmudische Gelehrsamkeit ist eine weit größere, ihre Kultur in jeder Hinsicht eine weit höhere, ihre Intelligenz eine weit entwickeltere. Ihre äußere Erscheinung — wenigstens in Brest und Pinsk — unterscheidet sich kaum vom deutschen Juden, und auch ihre Sprache ist eine beinahe gut zu nennendes Deutsch, während sie das „Jiddisch" der polnischen Juden in Wort und Schrift weit von sich weisen, ja als verächtlich hinstellen. Ich verweise diesbezüglich auf die ausführliche, dieses Thema behandelnde Vorrede in dem Gebetbuche „Minchath Jehuda", Wilna 1911, das I. Perelman mit jüdischdeutscher Uebersetzung versehen und herausgegeben hat und das in Litauen allenthalben anzutreffen ist. Der Vorsteher gab mir auch Auskunft über die Organisation der — leider ehemaligen — Gemeinde in Brest- Litowsk. Diese ward von drei Vorstehern geleitet und hatte eiu Rabbinatskollegium von vier Mitgliedern, an dessen Spitze der berühmte, jetzt irgendwo in Rußland befindliche Rabbi Ehajim Solowejzik stand. Ferner war noch ein Krvnrabbiner da. lieber das Vereinswesen befragt, konnte er mir nur von vielen, vielen Vereinen sprechen, nicht aber alle auszählen. Die größten Vereine verausgabten jährlich: der Hekdefch- (Spital)- Verein 50 000 Rubel, der Talmud-Thora-Verein 20 000 Rubel, der Armen- und Krankenhilfsverein 15 000 Rubel. Einnahmen Hatte die Gemeinde nur 20 000 Rubel von der Fleischabgabe. Alles Erforderliche wurde durch freiwillige Selbstbesteuerung aufgebracht. Leiden und Heimsuchungen aller Art sind sch»n über die Stadt hinweggezogen, große Brände waren an der Bugarmee Dr. Tänzer, Front bei pinsk.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.