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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 6

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Nun sagen diese Nationalisten.- jeder Zwang ist verwerflich. Dem stinnnen lvir zu, fügen aber bei: die Aufrechterhaltung der Absonderung, des freiwilligen Ghetto, ist ebenfalls nur möglich durch Zwang, durch den Gewissenszwang-, den heute die jüdische Orthodoxie auf die Gemeinschaft der Juden ausübt. Die schwierige Frage, die zu lösen ist, lautet: Wie befreit man die jüdischen Volksmassen von dieser Orthodoxie? Ist diese Frage gelöst, dann wird das Zusammenleben von Juden und Polen als gleichberechtigte Bürger eines Landes sicher keine Schwierigkeiten bereiten. * Durch die Zeitungen geht folgende Notiz über die jüdischen Soldat e n i m deutschen Heere,~ von der wir freilich nicht 31t sagen vermögen, ob sie auf authentischen Angaben beruht. Nach einer Zusammenstellung erhielten bisher das Eiserne Kreuz 1. Klasse 26, das Eiserne Kreuz 2. Klasse 5122 jüdische Soldaten. Andere militärische Auszeichnungen erwarben sich 680 Juden. Zu preußischen Offizieren unirboi 509, zu bayerischen Offizieren 202, zu württemberg-ischen 21, zu sächsischen 21 befördert. — Insgesamt wurden über 9000 gefallene- und ausgezeichnete jüdische Soldaten mit Namen und Daten angeführt. # Was die I u d e u in Rußland nach dem Frieden zu erwarten haben, geht aus folgender Notiz hervor: Wie die Petersburger „Birschewyja Wjedomosti" melden, nahm der K 0 n g r c ß der ,, echt russischen Leute", der in N i s h nij- Nowgorod tagte, eine Anzahl von Entschließungen an, wonach u. a. die Inden nach dem Krieg in den Rayon (das ihnen früher angelviesene Gebier) zurückgetrieben, die ihnen gehörigen Besitzungen in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslaw zwecks Besiedelilng mit Kriegsbeschädigten enteignet und alle Inden von den Hochschulen (an denen bisher ein kleiner Hunderkteil von mosaischen Hörern zugelassen war) ausgeschlossen werden sollen. * Wie schlimm es den Inden in Rußland jetzt ergeht, darüber berichtet die „Bossische Zeitung": „Der fortschreitende Verfall der r u s s i s ch e n Staatsrvirtschaft zeitigt sonderbare Blüten Bartscher Phantasie. Natürlich müssen zuerst -wieder die „lieben Inden" bluten. Bisher hatten für jeden Inden, der sich der Militärpflicht entzog, dessen Eltern und Brüder 009 Rubel an die Staatskasse zu zahlen. Nun veröffentlicht Finanzminister Bart eine Verordnung, wonach, wenn Eltern -oder Brüder nicht vorhanden sind, die Großeltern diesen Betrag zu erlegen haben. Eine weitere Verordnung Barts schreibt vor, daß von mm ab alle Geldsummen, die „bei des Diebstahls verd ä ch l i g B e r h a stet e n" gefunden werden, ohne weiteres zu beschlagnaymen und den Staatskassen zu überweisen sind. Alan kann sich denken, wie übereifrige Beamte, um den Staatssäckel zu füllen, nn'hlyabeude Leute, als des Diebstahls verdächtig, verhaften werden, denn schon der Verdacht allein führt zur Beschlagnahme." * Wir sind, wie wir nicht erst zu betonen brauchen, gewiß keine Anhänger der I u d e n m i j s i 0 n , trotzdem mag hier ans der „Renen Zürcher Zeitung" folgender Artikel über die „Erlebnisse eines Judenmiffionärs" wiedergegeben werden, weil er das Glend der russischen Inden anschaulich schildert: „In den Kirchen von Wangen und Dübendorf sprach vergangenen Sonntag Pastor Laub von.der Basler Mission über seine Erlebnisse in Rußland und Polen vor und nach dem Kriegsausbruch. Bon veil 12 bis 10 Millionen Juden wohnen annähernd drei Viertel in Rußland, vorwiegend in Polen. Bor Jahrhunderten ans Frankreich und England, dann später ans Deutschland vertrieben, sprechen sie heute noch das charakteristische Altdeutsch mrd haben daher speziell ans diesem Grunde von der dortigen Bevölkerung viel zu leiden. Anfangs Juli letzten Jahres zog Pastor Laub nach einem Urlaub wieder zu seinen Schützlingeil, trotzdem ei\ von verschiedenen Seiten gewarnt worden war, er möchte seine Reise der politischen Lage wegen Untertassen. Doch gelangte der deutsche Missionar glücklich nach Lodz, reiste von da weiter nach Warschau und Wilna, wo er sieben Tage vor Kriegsausbruch cmfnni, überall freudig begrüßt von seinen Anhängern. Hier sah es schon ans wie mitten im Kriege. Da waren schon Regimenter aus dem fernften Osten zu finden, die mit Militärzügen bis zu sechs Wochen zur Reise benötigten. Vom Tage der Kriegserklärung zwischen Deutschland und Rußland an war jede Unterhaltung in deutscher Sprache streng untersagt; tiefeingreisend, doch nutzbringend war das Schnapsverbot. Wagemveise wurde die beliebte Flüssigkeit — die in Rußland getrunken wird wie in Bayern das Bier — nach der Wilna geführt und daselbst Werte von Millionen Rubel in den Fluß geschüttet. Erst jetzt begann das eigentliche Martyrium der Juden, vor dem sie sich scholl lange in unbestimmter Ahnung gefürchtet hatten. Bereitwillig gingen sie den Deutschen bei -ihrem Vorrücken an die Hand. Wenll dann die Russen gelegentlich zurückkehrten, wurden die Israeliten von ihren andersgläubigen Ortsgenossen denunziert, was die schwersten Maßregeln zur Folge hatte. Manche Judenstadt lvurde, führte der Referent aus, nachdem ihre Bewohner daraus verjagt worden waren, von den Kosaken dem Erdboden gleichgemacht. Beispielsweise wurden von den 20 000 Juden eines Städtchens die meisten ins Innere des Landes aibge schoben; bis heute habe man nicht mehr voll ihnell gehört. Auch Pastor Laub schwebte oft in Gefahr, gesangengenommen zu werden; aus geradezu wunderbare Weise gelang ihm jedoch wiederholt die Rettung, so in Wilna, Moskau und Petersburg. Bon der Hauptstadt aus gelangte der Missionar dann mit einigen Leidens genossen nach vielen Irrfahrten auf n-eutralen schwedischen Boden und in die Heimat. Mit einem warmen Appell an die Anwesenden, der segenstistenden Judenlnission zu gedenken, schloß Pastor Laub seinen interessanten Vortrag. * Um mit einem Lichtbilde zu schließen, sei aus der «in Wilna allsgegebenen „Zeitung der 10. Armee" vom 16. Dezember eine Schilderung mitgeteilt, die von dem freiwilligen Kriegskrankenpsleger Herrn Richard Ehrlich herrührt: -1)6- I ü d i s ch er G 0 t t e s d i e ll st. Wenn die Zeit herannaht, die den lichterstrahlenden Weihnachtsbaum bringt, werden alljährlich bei der Judeyheit Weihelichter entzündet zum Gedenken an die Zeit, in der Juda Makkabi vor Jahrtausenden siegreich gegen eine Ueberinacht von Feinden auszog. — Wie im Vorjahre, so mußten die jüdischen Kameraden das Weihefest auch dieses Mal in der -Freurde feiern. Um so lieber folgten sie dem Rufe zur Teilnahme all einer Feier, Die der Feldrabbiner der 10. Armee, Dr. S. Levi, in Wilna am 8. Dezeulber veranstaltete. Um 7 Uhr abends versam-melten sich etwa 60 jüdische Soldaten aller Triuppengattungen und Dienstgrade iw der festlich erleuchteten Synagoge, Sawallnastraße. Der Gottesdienst wurde durch den Gesangsvortrag eines Gebets mit Harmonmmbegleiknng eingeleitet, daraus entzündete Kantor Berenstein den achtarmigen Leuchter und sichend sang die Gemeinde einige Strophen des Ehanukaliedes. Alsdann hielt der Feldrabbiner nach dem Kaisergebet seine Festpredigt.. Er verglich den Makkabäer, der gegen eine Uebermacht voll Feinden siegreich ailszog, mit unserem Vaterland. Nachdem die Schlußverse des Weiheliedes verklungen waren, gedachte der Feldrabbiner der gefallenen Glauibensbrüder, und gemeinsam wurde das Gebet für das Seelenheil der Heimgegangenen Baterlandsverteidiger gesprochen. Von Lrelt-Litowsk noch Omsk. Von Dr. Tänzer, Göppingen, Armeerabbiner der Bugarmee, ie Channkatage g-aben mir erneuten Anlaß, das Etappen- und nördliche Operationsgebiet unserer Armee zu bereisen. Die Tüchtigkeit unserer Eisenbahner hat den von den Russen mit gewöhnter Meisterschaft zerstörten Verkehrsweg längst wieder hergestellt, und so fährt man trotz inehr als 20 Grad Kälte verhältnismäßig bequem vorbei an gesprengten Bahnbrücken und Bahnhofsruinen, fast bis hart an die Schützengräben heran, nach Pinsk. Meine Aufgabe als Seelsorger zwang mich, die Reise an verschiedenen Orten zwecks Abhaltung von Gottesdiensten und Besuches von Lazaretten zu unterbrechen. In B r e st - L i t o w s k kam ich in früher Abendstunde an. Eine stille, unheimlich fülle Stadt. Zivil-

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