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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 5

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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5 i keine derartige Agitation ohne Wissen und Wollen politischer Gruppen betreiben werde. Gleichzeitig wird aber betont, daß Rußland keine nutzlosen Opfer mehr bringen dürfe. Eine Weiterführung des Krieges um jeden Preis -wird als politischer Kardinalfehler bezeichnet, in den man aus Gründen der Selbsterhaltung nicht wieder verfallen dürfe. Man kann nur hoffen und wünschen, daß solche Stimmen der Erkenntnis sich mehren, damit man endlich zu Friedensverhandlungen schreiten kann. * Unterdessen ist, was freilich keine sonderliche Friedensgewähr bedeutet, von dem englischenKronratdieallg e m e i n e W e h r p f l i ch t beschlossen worden, allerdings von dem Parlament noch nicht gebilligt, und man kann nicht wissen, wie sich das Parlament zu diesem schwerwiegenden, alle Traditionen vernichtenden Beschlüsse stellen wird. * Eine sehr merkwürdige Auseinandersetzung über die I u d e n f r ag e i n P o l en finden wir im „Vorwärts". Wir stimmen zwar mit manchen Ausführungen, die gleich folgen sollen, durchaus nicht überein undhaben unseren Standpunkt der schwerwiegenden Frage gegenüber schon vielfach aus-- einandergesetzt, glauben aber bei der Bedeutung der Angelegenheit, den bemerkenswerten Ausführungen des sozialdemokratischen Blattes an dieser Stelle einen Raum gewähren zu müssen. In den „Preußischen Jahrbüchern" (November- und Dezemberhest) wird eine Polemik geführt über das „polnisch jüdische Problem". Herr Bernhard Lauer aus Warschau setzt sich aut Nach um Gold mann (Berlin) auseinander. Der erste behauptet, daß die aufgeklärten, politisch sich betätigenden Juden in Polen genau so sich als Polen fühlen wie die deutschen Juden in Deutschland als Deutsche. Er meint, daß die Kulturaufgabe darin bestehe, „das polnische Judentum, welches im politischen Sinne polnisch -assimiliert ist, auch sprachlich zu assimilieren". Zwar gibt er zu, daß gegensätzliche. Bestrebungen sich geltend machen, daß ein jüdischer Nationalismus sich bemerkbar mache, doch sei das eine Bewegung, die künstlich angezettelt worden sei, wobei ihre Träger nicht eigentlich polnische, sondern aus Rußland nach Polen eingewanderte Juden seien. — Herr Nachu m Gold mann, der sich selbst als „Nationaljuden" bezeichnet, protestiert nun dagegen und behauptet schlankweg, die polnischen Juden fühlen sich als Nation, und wenn man sie zur .Assimilation zwingen würde, so werden sie sich dagegen sträuben und ihr nationales Dasein verteidigen. Dann aber vergißt der „Nationaljude", daß es sich um die Interessen der polnischen Juden handelt, und wird zum deutschen Juden, indem er scharf betont, das Interesse Deutschlands erfordere, daß die Juden in Polen nich.t im Polentum ausgehen. Vielleicht ist es gestattet, diesen Streit der Nationalismen zu stören durch den Hinweis, daß wohl vor allem nächtig ist das Interesse der jüdischen Bolksmasseu, der jüdischen Proletarier, die die ungeheure Mehrheit der Juden in Polen bilden. Dann ergibt sich aber folgendes: Die Er h a l t u n g des I u d e n t u m s, w i e e s h e u t e nicht u n r in Pol e n, s v n d e r n d a r ü b e r h i n a u s i ni g a n z c n O st e n Europas b e st e h t, i -st n u r m ögli ch, solange di e H e r r s ch a f t d e r j ü d i s ch e n Orthodoxie über diese M a s s e n besteh t, u n d d i e s e Her r schuft ist ein f u r ch t - bares Unglück für das j ü d i s ch e P r ölet a r i a t. In den westeuropäischen Ländern unterscheiden -sich die Juden in Sitte, Sprache, Brauch, Kultur in nichts von den Mitgliedern des Volkes, innerhalb dessen sie leben. Sie sind in Deutschland deutsche, in Frankreich französische, in Italien italienische Patrioten, einfach weil sie unter dem Einfluß deutscher, französischer, italienischer Kultur stehen. Ohne Uebertreibung kann man sagen: wenn nach diesen Ländern keine Einwanderung aus dem Osten stattsinden würde, so würden sich die Juden in wenigen Jahrzehnten restlos den Völkern, unter denen sie leben, assimilieren. In Polen ist es anders. Hier bilden die Juden eine streng von der übrigen Bevölkerung abgesonderte Gruppe. Bedeutet das, daß sie sich crbsondern, weil sie hier eine „Nation" find, während sie es im Westen nicht sind? Uns scheint, umgekehrt wird ein Schuh daraus: sie sind eine nationalähnliche Gruppe, weil sie sich absondern. Eine nationalähnliche Gruppe, nicht eine Nation, sagen wir, denn zum Begriff der Nation gehört, seit die Völker seßhaft find, ein geschlossenes Territorium, aus dom diese Nation haust und — bei dem jetzigen Stand der Wirtschaftsweise — ein Bauernstand. Beide Merkmale fehlen den Juden in-Polen genau wie in anderen Ländern, und deshalb kann man den Begriff Nation nicht einfach ans sie übertragen. Warum nun sondern sie sich ab? Etwa weil sie eine andere Sprache sprechen als die Hauptmasse der Bevölkerung, das „Jiddisch-Deutsch" statt des Polnischen? Abermals liegt es umgekehrt: sie sprechen diese Sprache, weil sie sich absondern. Der G r u n d d e r A b s o n d e r u n g ist einzig und all ei n in dem starren Festhalten nicht nur an der jüdischen Religion, sondern an dem jüdischen Ritus begründet. — Dieser Ritus, alle die Vorschriften, die das Leben des strenggläubigen Juden in Fesseln schlagen, von denen die Bekenner anderer Konfessionen keine Ahnung haben, verfolgen anerkanntermaßen den Zweck, das „auserwühlte Volk des Herrn" von jeder Gemeinschaft mit den übrigen Menschen, die den Juden als „unrein" gelten, fernzuhalten. Weil die Orthodoxie noch die Herrschaft über die Massen der Juden besitzt, weil ein Jude, der irgendeine dieser rituellen Vorschriften überschreitet, von seinen Glaubensgenossen verfemt, gemieden wird, besteht die Absonderung fort. Die Probe aufs Exempel ist leicht geiuacht: der gebildete Jude emanzipiert sich fast immer von diesen rituellen Formeln, dann scheidet er aber auch in Polen in 99 von 100 Fällen aus der jüdischen Gemeinschaft aus und geht im Polentum aus. Das ist ganz unabwendbar. Wir sagten, daß die Herrschaft der Orthodoxie ein Unglück für die jüdischen Volksmassen ist. Wir haben dabei zweierlei im Auge: sowohl die geistige Knechtung, die daraus folgt, als die materiellen Folgen. — Zum Verständnis des letzteren muß man sich vor Augen halten, daß schon das Festhalten an der Sabbatheiligung das Zusammenarbeiten von christlichen und jüdischen Arbeitern unmöglich macht. Daraus erklärt es sich, warum in der Großindustrie Polens jüdische Arbeiter nicht zu finden sind. Man hat zwar versucht, Fabriken mit ausschließlich jüdischen Arbeitern zu gründen, aber das gelingt nicht, weil dann das gesamte Personal (Vorarbeiter, Techniker und so weiter) jüdisch sein muß und man nicht genügend qualifizierte Arbeiter unter den Juden findet. Außerdem hat eine Fabrik, die am Freitag und Sonnabend feiern, aber am Sonntag arbeiten w-ill, mit mannigfachen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil die öffentlichen Anstalten — Eisenbahn, Stadtbahn, Banken, Post — sich dem nicht anpassen können. Tie Folge ist nun, daß jüdische Arbeiter zwar in der Industrie tätig sind, aber ausschließlich iu der Heimarbeit und in den Manufakturen, d. h. also in den allerrückständigsten Betriebsformen, wo die Ausbeutung alle Begriffe übersteigt. Auch im Handel gilt das. Bis vor kurzem beherrschten allerdings die Juden den Handel, der in allerprimitivsten Formen gehalten war. Alan brauchte da keine Sprnchk-enntnisse, und der in der jüdischen Schule, dem Cheder, erzogene junge Jude konnte Handelsgehilfe sein, trotzdem er kein richtiges Polnisch sprach, auch nicht Polnisch schreiben und lesen konnte, weil in jenen Schulen nur „Jiddisch" gelehrt wird. Das hört ans. Wie in Deutschland der Kaufmann, der kein richtiges Deutsch kann, unmöglich ist, so ist er es heute in Polen, wenn er kein Polnisch kann. Auch jüdische Geschäftsinhaber in den Großstädten stellen solche Gehilfen nicht an. — Mit einem Worte, der jüdische Proletarier, der in der abgeschlossenen, sich gegen die übrige Bevölkerung konsequent absondernden Judengemeinschaft eingepfercht bleibt, ist für immer zum Elend verdammt, ist wehrlos der Ausbeutung jüdischer Unternehmer ausgesetzt, die sich diese Lage zunutze machen. Wie immer sich das Schicksal Polens in Zukunft gestaltet, das Verharren der Juden im „freiwilligen Ghetto", wie man es treffend genannt hat, kann nur dazu führen, das materielle Elend und die kulturelle Rückständigkeit der jüdischen Massen zu verewigen und zu steigern. Ohne diese Absonderung aber ist die Erhaltung der jüdischen Nationalität undenkbar. Da in Polen die Inden 14 Prozent der Bevölkerung ausmachen, wird sich dort der Prozeß der Assimilierung langsamer vollziehen, wahrscheinlich auch anders als im Wsesten, aber vollziehen wird er sich sicher. Die jüdischen Nationalisten stehen daher vor der für sie tragischen Frage: entweder die große Masse dieser Nation wird dazu verurteilt, in Elend und Unkultur zu bleiben, oder die Juden hören auf, eine Nation zu sein.

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