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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 un Kultus, in der Verwaltung, in unseren Schulen, in unserer ganzen Lebensführung mit Nachdruck und Entschiedenheit betonen. Wir dürfen nicht stehen bleiben und nicht verknöchern. Wir sind der felsenfesten Ueberzeugung, daß das große Gesetz der Entwicklung und des Fortschritts auch für die Religion gilt und daß bei aller Ehrfurcht, die wir den ewigen Grundlagen zollen, bei voller Geltung, die wir der Tradition ge>vähren, ein Stehenbleiben und ein Beharren nicht bloß Rückschritt, sondern Tod und Verderben bedeutet. Gerechtigkeit und Duldung, die wir für uns von Andersgläubigen und von Glaubensgenossen fordern, sind wir auch unsererseits zu üben bereit. Wir wollen nicht herrschen und nicht unterdrücken, aber wir verlangen, daß uns, der großen liberalen Majorität, ihr Recht und ihre Freiheit gewährt wird und damit die Liebe zum Judentum unverkümmert bleibt. Mil diesen Gedanken und solchen Vorsätzen schreiten wir in das neue Jahrzehnt unserer Zeitung, die in Wahrheit, wie bisher, eine A l l g e in e i u e Z e i t u n g des Judentums s e i n und bleiben soll. Dir Woche. Berlin, den 4. Januar 1916. ie kriegerischen Unternehmungen scheinen in eine gewisse ruhigere Phase getreten zu sein. Zwar wird da und dort gekämpft; im Osten, Westen, im Südosten werden mitunter heftige Angriffe abgewiesen, aber auf den großen Kampfgebieten: in Italien und in Rußland, ist es still; der Angriff gegen Saloniki hat noch nicht begonnen, und der gewaltige Stellungskrieg im Westen wird außer durch Artillerieangriffe kaum unterbrochen. Allgemein ist die S e h n s u ch t n a ch Frieden, selbst in den Ländern, in denen die bestimmenden Männer am meisten mit dem Säbel rasseln. Gerade aus diesem Grunde ist eine Ausführung aus der „Neuen Zürcher Zeitung" höchst bemerkenswert, die wir in folgendem wiedergeben: Man denkt sich in deutschen Kreisen die Grundzüge der jetzt einzuleitenden Friedensverhandlungen wie folgt: 1. Belgien soll seine Unabhängigkeit imb Selbständigkeit erhalten bleiben, sofern es durch Verträge, vielleicht auch durch Faustpfänder, eine Wiederholung der Ereignisse des Jahres 1914 unmöglich macht. Ein völliges Aufsaugen Belgiens würde sogar von der deutschen Großindustrie aufs heftigste bekämpft werden, weil ein Fallenlassen der Zollschranken zu unleidlichen Situationen führen müßte, solange die Arbeiterverhältnisse Belgiens infolge des Mangels eines ausreichenden Fabrikgesetzes so weit hinter denen Deutschlands zurückstehen. Selbst für eine Zollunion verlangt man ein Uebergangsstadium von mindestens fünf Jahren. Belgien hätte aber an Deutschland eine jährliche Kriegskontribution zu bezahlen in Höhe des früheren Militärbudgets, wogegen Deutschland bis zur endgültigen Auszahlung die Polizeigewalt ausüben wird. 2. Die okkupierten französischen Departements würden ohne weiteres an Frankreich zurückgegeben; auch aus eine Kriegsentschädigung seitens Frankreichs würde Deutschland verzichten, sofern Frankreich seine Forderungen an Rußland im Betrage von etwa 18 Milliarden Francs an Deutschland abtritt. Selbstverständliche Voraussetzung dieses Abkommens mit Frankreich wäre die Rückgabe aller deutschen Kolonien durch England und die Räumung von Calais. 3. Russisch-Polen soll unter einem deutschen Fürsten als König von Polen vollkommen unabhängig und selbständig werden; dagegen hätte es an Deutschland eine Kriegskontribution auf gleicher Grundlage wie Belgien zu entrichten. Dem historischen Drange nach dem Meere, der Rußlands Politik seit Jahrhunderten beherrscht, soll in der Weise entsprochen werden, daß dem Zarenreiche ein Ausgang nach dem Persischen Golfe zugestanden wird. 4. Italien müßte auf die okkupierten türkischen Inseln verzichten, wogegen sein Status quo ante aufrechterhalten bliebe. 5. Bulgarien müßte selbstverständlich Mazedonien zugesprocheu werden, ebenso ein von Risch bis Semendria reichender Korridor bis zur Donau. Das frühere Altserbien soll selbständig bleiben oder aber mit Montenegro zu einem Königreiche vereinigt werden. 6. Albanien müßte seine früher zugestandene Selbständigkeit unter einem selbstgewählten Fürsten tatsächlich erhalten. 7. Die Ansprüche Rumäniens und Griechenlands scheinen in diesem Augenblick noch nicht ganz sestzustehen. Wir glauben, daß es die Pflicht der neutralen Presse ist, die Diskussion über diese Grundbedingungen des künftigen Friedens zu eröffnen, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, daß jene eine sehr empfindliche V e r s ch ä r f n n g erfahren würden, wenn weitere größere kriegerische Ereignisse zugunsten der Zentralmächte entschieden würden. Man darf sich darüber keiner Täuschung hingeben, daß Deutschland trotz seiner aufrichtigen, tiefempfundenen Friedenssehnsucht mit neu entfachtem Grimm zum Schwerte greifen wird, wenn die dargebotene Hand in tragischer Verkennung der wirklichen Situation zurückgestoßen würde. Zwar hat das Wolffsche Telegraphenbureau unmittelbar , nach Veröffentlichung des Obenstehenden erklärt, daß diese Ausführungen keine von deutscher Seite ausgestreckten Friedensfühler seien, und die „Norddeutsche Allgem. Zeitung" verbreitet die nachstehende Erklärung: In der a u s l ä u d i s ch e n Presse macht sich die Neigung bemerkbar, den gestern mitgeteilten Artikel der „Reuen Zürcher Zeitung" „Friedensgedanken" zu Betrachtungen über Kriegs- und Friedensziele zu benutzen. Um jeder Irreführung der deutschen öfsentlicheu Meinung vorzubeugen, weisen wir erneut darauf hin, daß der Artikel lediglich private Gedankengänge enthält und daher nicht als Ausgangspunkt für eine e r n st e Diskussion über die Ansichten leitender Kreise dienen kann. Trotzdem wird man sagen müssen, daß die obigen Mitteilungen, die freilich ungemein mäßig sind, nicht ganz von der Hand gewiesen werden müssen, sondern immerhin diskutabel genannt werden können. Freilich, ehe irgendwie Ernst gemacht wird, müßten die feindlichen Länder zu einer richtigeren Erkenntnis ihrer Lage gelangen, als diejenige ist, zu der sie sich bisher ausgeschwungen haben; denn selbst eins der gemäßigten englischen Blätter, wie die „Contemporary Review", schließt einen Artikel über die Friedensbedingungen, wie sie sich die Engländer denken, mit folgenden Ausführungen: „Niemand wünscht die deutsche Rasse ihres Rechtes zur Selbst. Herrschaft zu berauben, aber wir müssen die Völker befreien, die unter der deiltschen Herrschaft gelitten haben und die sich Deutschland nicht hat versöhnen und assimilieren können. Wir werden" uns die Nordsee wohl dadurch sichern .nüsi"". daß wir die deutsche Seeküste einem neuen Bund k l e i n e Staaten anvertrauen und für uns selbst eine F l o t t e n st a t i o n, etwa Helgoland, behalten, um den Nordostsee-Kanal zu beherrschen. Vielleicht hat der Krieg die Folge, Nord- und Süddeutschland wieder voneinander zu trennen, während die nicht-deutschen Völker von Mitteleuropa in neue Staaten zusammengefaßt werden, welche den Zugang nach Südwest behüten. Das Problem ist sehr verwickelt und kann nicht durch eine allgemeine Verdammung der Uebel des Militarismus erledigt werden. Deutschland muh die Strafe für seine Eroberungssucht bezahlen, aber in irgendeiner Weise müssen wir es w i eder in d ie Ges e lisch a f t der zivilisierten Nationen a u f n e h m e n. Daun können wir vielleicht hoffen, daß es, geläutert durch sei n Leid, sich zu einem neuen Leben erhebt." * Ganz anders, viel hoffnungsreicher klingt >die folgende Nachricht, die das „Hamburger Fremdenblatt" sich drahten läßt: Die Stimmen einflußreicher russischer politischer Kreise, die offen für eine E i n st e l l u n g des erfolglosen Ringens gegen Deuts ch - l a n d eintreten, beginnen sich zu mehren. Nach dem „Rjetsch" haben die Dumaabgeordneten der R echten eine Erklärung zugunsten eines Sonderfriedens mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn er- I lassen. Die Kundgebung enthält zwar den Vorbehalt, daß die Partei

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