Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 Wort fo ruhig nutz und mns; sich doch sapcn, das; die Verwirklichung dieses Traumes noch so unendlich fern liegt, — für Deutschland einen großen Zuwachs jüdischer Bevölkerung aus dem Osten bringen wird, wer kann das sagen? Als Deutsche würden wir eine Vermehrung unseres Landesgebietes durch Eroberung nicht allzu froh begrüßen, als Juden müßten wir bei allem Respekt vor der Bildungsfähigkeit, Zähigkeit und Be- ' triebsamkeit der Juden des Ostens nur mit Schaudern an eine Vermehrung des jüdischen Elementes durch Millionen denken. Sollte doch diese Masse, nicht von Einwanderern, sondern von neuen Bürgern des Deutschen Reiches uns beschert sein, so könnten wir das einzige Heilmittel nur in der Germamsierung dieser Scharen erblicken. Es handelt sich dabei nicht bloß um die Frage, ob gegenwärtig, solange die Okkupation Polens währt, die deutsche oder polnische Unterrichtssprache in den Schulen eingeführt wird, obgleich auch diese Frage eine außeri ordentliche Wichtigkeit besitzt, so daß wir ihr willig einen bedeutsamen Platz eingeräumt haben und ferner einräumen werden, sondern darum: sollen diese Juden in Zukunft vollkommen Deutsche werden oder ihre Besonderheit in Kleidung, Wesen und Sprache behalten? Und wenn das von uns besetzte Polen nicht zu Deutschland oder zu Oesterreich geschlagen wird, sondern etwa ein besonderes Land, vielleicht unter der Oberhoheit der Zentralmächte, zu bilden bestimmt wird, wie soll dann dessen Gestaltung vor sich gehen? Schon sind die Zionisten eifrig bestrebt, ein jüdisches Reich mit besonderer hebräischer Sprache zu fordern. Wir haben diesen Gedanken, wo er bisher austauchte, von uns gewiesen und wollen auch fürder nicht ermüden, ihn aufs entschiedenste zu bekämpfen. Eine fernere, unendlich wichtige Frage ist die Interna t i o n al i t ä t. Die „goldene Internationale", dieses zum Teil gegen uns geprägte Scheltwort, hat den unendlichsten Schaden getan. Die Juden aller Länder sind von unseren Gegnern häufig genug beschuldigt worden, einen geheimen Zusammenhang unter sich zu bilden; es ist ihnen der Vorwurf gemacht worden, die jüdischen den Landesangelegenheiten vorzuziehen. Ein solcher Vorwurf war unbegründet; wir müssen unsere Gegner auch in der Zukunft der Ueberzengung bringen, daß ein solches Gerede vollkommen haltlos ist. Existierte eine solche Meinung wirklich in jüdischen Köpfen, so muß sie nun verschwinden. Wie die englischen und französisches Juden sich während des Krieges in erster Linie als Engländer und Franzosen erwiesen haben, so daß die Engländer cs geradezu von sich wiesen, den russischen Juden zu helfen, um nicht ihre Bundesgenossen zu kränken, die Franzosen, ob nun die Alliance Israelite universelle oder besondere Komitees der französischen oder der in Frankreich ansässigen rumänischen Juden in wiederholten Aufrufen die Glaubensgenossen in den neutralen Ländern für Frankreich zu ge- >vinnen und gegen Deutschland aufzuhetzen trachteten, so müssen wir in Zukunft mehr und mehr lernen, uns nur als deutsche Juden anzusehen. Nicht darauf kommt es an, ob und inwieweit von unserer Seite Geldmittel zur Unterstützung armer in Rußland oder Rumänien wohnender Juden zur Verfügung gestellt werden — der jüdische Wohltätigkeitssinn wird sich immer glänzend bewähren —, sondern daraus, daß wir uns inne werden und durch Wort und Tat beweisen, daß wir zuallererst Deutsche sind lind unsere Kräfte und unsere Mittel in hervorragendstein Sinne Deutschland, den Söhnen unseres Vaterlandes, welches Glaubens sie auch sind, zu weihen entschlossen sind. Ob überhaupt ein Zusammenwirken mit englischen und französischen Juden in der I. C. A. und in anderen großen Organisationen möglich sein wird, vermag heute noch keiner zu beantworten. Ich gehöre zu denen, welche der Ansicht sind, \ \ daß nach der Herstellung, des Friedens das Zusammenarbeiten der nun gegeneinander in Waffen stehenden Nationen ans geistigem, nnssenschaftlichem, humanitärem Gebiete wohl möglich sein wird, ja-sich vielleicht schneller wieder gestaltet, als manche meinen, ---• aber ein internationales Judentum, wenn es ein solches je gegeben hat, das die nationale Zusammengehörigkeit der Juden einzelner Länder schwächt oder anfhebt, kann und darf es nie wieder geben. In Verbindung mit diesem Kampfe gegen die Internationale steht eine entschiedene Ablehnung des Z i o n i s m u s. Wir haben nie ein Hehl daraus gemacht, daß der Zionismus sich um die Wiederbelebung des jüdischen Gedankens Verdienste erworben hat. Nur haben in der Kriegszeit oft genug anerkannt, in welch hervorragender Weise die Zionisten sich freiwillig zu den Waffen gedrängt um) als Soldaten voll und ganz ihre Schuldigkeit getan haben, aber, immer war unser Bestreben darauf gerichtet und soll es ferner sein, die zionistischen Zukunftspläne zu bekämpfen und unentwegt unser altes Kredo zu verkünden, daß der Zionismus der schlimmste Feind des Deutschtums war und ist und daß er von jedem wahr- und dentschgesinnten Juden aufs entschiedenste bekämpft werde. Neben dem Kampfe gegen den Antisemitismus, gegen die internationalen Bestrebungen und gegen den Zionismus soll ferner im Vordergründe dieser Zeitschrift stehen d i e W i s s e n s ch a f t des Jude n t u m s sonne der Hinweis darauf, wie in der deutschen und ausländischen Literatur jüdische Probleme erfaßt, jüdische Persönlichkeiten und Kämpfe dargestellt werden. Für diese Pflege der Wissenschaft des Judentums wünschte ich eine ausgiebigere Unterstützung der berufenen Vertreter dieser Wissenschaft. Theologen und Rabbiner müßten viel beflissener sein, als dies bisher geschehen ist, hier ihre Mitarbeit zu gewähren durch belehrende Artikel über theologische und wissenschaftliche Fragen. In dieser Beziehung kann ich selbst nicht das Wort ergreifen, sondern nur bitten und anregen. Gerade diejenigen, die der Wissenschaft des Judentums ihre Kräfte weihen, sollten sich bewußt sein, daß cs zu ihrer hehren Aufgabe gehört, das Publikum einer populären Zeitung einznweihen in die gelehrten Fragen, die die Fachkreise beschäftigen. Ich halte es ferner, nicht bloß weil ich von Berns Literarhistoriker bin, sondern ans allgemeinen Gründen für notwendig, der Entwicklung der schön e n Literatur eindringlich zu folgen. Es ist selbstverständlich, daß wir jüdisch-belletristische Schriften fleißig anzeigen, daß wir in jeder Nummer eine Novelle oder den Teil eines Romans jüdischen Inhalts bringen, obgleich es mitunter recht schwer fällt, passendes Material zur Stelle zu schaffen. Aber es ist von nicht minderen! Wert, die Behandlung der Inden in der von Andersgläubigen herrührenden Literatur aufzuzeigen. Daher ist es keine Marotte von mir, die neuerscheinenden Romane. Dramen, Gedichtsammlungen unter diesem Gesichtspunkte anznsehen, sondern ich betrachte es als eine Hauptaufgabe meiner Zeitung, die Behandlung jüdischer Eigenheit in unserer schönen Literatur darznlegen, weil ich überzeugt bin, damit einen Kamps für die Ehre des Judentums zu führen. Und nicht zuletzt muß auf die innere E n t w i ck l u n g des Judentums unser Augenmerk gerichtet sein. Genuß ist es dem, der im Schützengraben liegt, oder dem. der seelisch oder materiell unter dem Kriege leidet — und wer litte nicht darunter? — ziemlich gleichgültig, ob in der Synagoge eine Orgel gespielt oder ob eine Gemeinde nach liberalen oder konservativen Grundsätzen regiert wird. Aber wir müssen auch in Zukunft die große Frage des Liberalismus entschieden in den Vordergrund stellen. Wir dürfen nicht weiter aus Schwäche oder Lauheit einer kleinen Minorität Zugeständnisse machen, die sie nicht verdient; wir müssen die großen liberalen Ideen