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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1916-01-07 · Heft 1 (7.1.1916) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
80 (1916)
Issue
Heft 1 (7.1.1916)
Date
1916-01-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 diesen kurzen Frühlingsschimmer folgte das lange währende Dunkel der Reaktionsepoche, die uns sehr stark herunterbrachte. Aber in der „neuen Aera", während der Zeit der Regentschaft des späteren Königs Wilhelm I., begann man auszuatmen, und die Begründung des Norddeutschen Bundes, dann die Errichtung des Deutschen Reiches, brachte uns die volle, unbedingte Gleichstellung. Freilich von der Höhe, auf der wir während einer kurzen Zeit standen, sind wir wieder 'herabgekommen. Wir haben gesetzlich nichts eingebüßt, aber stillschweigend ist uns manches geraubt worden. Sozial stehen wir hoch genug. Während es früher — auch in den Zeiten der schmählichsten Bedrückung — nur einzelne reiche Juden gab, ist der Wohlstand außerordentlich gestiegen, und die Juden haben durch ihre rege Beteiligung am Handel und an der Fabrikation eine ganz ungeheure, fast ins Märchenhafte gestiegene Stellung erlangt. Auch in den gelehrten Berufen stehen die Juden überall in der vordersten Reihe. Das neu begründete Kaiser-Wilhelm-Jnstitut besitzt unter seinen Leitern und unter seinen hervorragendsten Mitarbeitern eine große Anzahl bedeutender jüdischer Forscher. Fast an jeder Universität lehren Juden, unendlich viele Privatdozenten, eine große Zahl von außerordentlichen und eine nicht kleine Anzahl von ordentlichen Professoren in Berlin, Göttingen, Straßburg, Halle, Breslau, München und in manchen anderen Hochschulen. Unter den Aerzten, den Chirurgen, den Spezialisten auf allen Gebieten, befinden sich die hervorragendsten jüdischen Forscher. Der Advokatenstand weist unter seinen Leuchten sehr viele Israeliten auf, die sich nicht bloß durch eine glänzende Praxis, sondern durch bedeutende wissenschaftliche Leistungen auszeichnen und die ersten Stellen in den Anwaltskammern einnehmen. Biele Inden sind Richter, wenn ihnen auch die höchsten Stellen verschlossen sind, Staatsanwälte gibt es nur eine kleine Anzahl, fast ausschließlich in Bayern. In den eigentlichen Regierüngsümtern sind wohl nur in Baden, dem freisinnigen Lande katexochen, das schon einmal einen jüdischen Finanzminister besaß, einzelne Juden vertreten. Im Militär haben es die Juden im eigentlichen Deutschland nicht weit gebracht: nur Oesterreich macht eine Ausnahme, dort zählt man seit langer Zeit im aktiven militärischen Dienste Juden auch in den höchsten Stellen. Tie öffentlichen Schulen, namentlich die städtischen, besitzen eine Fülle jüdischer Oberlehrer, von denen viele mit dem Titel eines Professors ausgezeichnet sind; seit kurzem ist auch — wohl der erste Fall — ein Jude mit der Leitung eines Direktorats in Charlottenburg betraut. Unsere Zeitung hat diese Entwicklung froh begrüßt und eingehend gebucht. Sie hat über die Gestaltung der Verhältnisse in anderen Ländern, in denen es teilweise viel günstiger aussieht, so daß jüdische Minister in Italien, England und in Frankreich keineswegs zu den Seltenheiten zählen und auch Juden als richterliche Beamte, als hohe Offiziere, als Professoren an den Schulen und Universitäten, unbeschadet ihres Glaubens, sicher und stetig vorrücken, treulich berichtet. Sie hat im Kampf gegen Engherzigikeit und Bedrückung, gegen Verweigerung oder Beschneidung der beanspruchten und versprochenen Rechte stets ihre Stimme erhoben. Hatte Philippson gegen die Blutlüge von Damaskus laut mld eindringlich sein Wort erschallen lassen, so hat, seinem Vorgang folgend, unsere Zeitung unter der Leitung seiner Nachfolger die Bedrückungen und die Verfolgungen der Juden von Kischinew an bis auf die neueste Zeit, die fluchwürdigen Pogrome in Rußland, die scheußliche Knechtung in Rumänien in wahrhafter Weise dargestellt und, wo sie konnte, manches zur Abstellung der Greuel und zur Unterstützung der unglücklichen Opfer beigetragen. Auch in Deutschland hat gelegentlich das Blutmärchen Opfer gefordert, und der A n t i s e m i t i s m u s, der seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhundert in so schmählicher Weise die Jugend vergiftete und die weitesten Kreise des deutschen Vaterlandes angesteckt hat, hat, wenn auch nicht Märtyrer an Leib und Leben gezeitigt, so doch viele Stilldulder gezeugt. Wir haben in diesem Blatte jede Ausschreitung des Antisemitismus offen gebrandmarkt, die gesetzgeberischen Maßregeln und die publizistischen Anzapfungen in entschiedener Weise zu bekämpfen gesucht. Wenn wir nach diesem Rückblick in die Vergangenheit einen Ailsblick in die Zukunft werfen, so muß ja gesagt werden, daß während der 17 Monate, die der Krieg tobt, die eigentliche Ausgabe des Blattes einigermaßen verändert worden ist. Am Anfang des Krieges wurde der Burgsried e proklamiert. Eine Zeitlang schwieg wirtlich der Antisemitismus, aber er war nicht verschwunden und wagte sich bald wieder hervor. Freilich wurden einige, besonders wütige antisemitische Hetzblätter von der Militärbehörde unterdrückt, aber seit einiger Zeit beginnt der Antisemitismus sich wieder geltend zu machen. Wir sind llnernlüdet, jede dieser Stimmen, wo sie sich auch' äußert, ails ihrem Verstecke zu ziehen. Der Kampf gegen den Antisemitismus muH auch in der Zukunft unsere Hauptaufgabe bleiben. So wacker die deutschen Juden — denn nur von ihnen kann die Rede sein, da Nachrichten über die anderen Länder uns verhältnismäßig wenig vorliegen — auch im Kriege ihre Pflicht getan haben, wie die große Zahl der Verwundeten und Gefallenen, die Hunderte, die zu Offizieren ernannt worden sind, die Tausende, die mit dem Eisernen Kreuze geschmückt wurden, darunter auch eine stattliche Zahl von solchen, die das Eiserne Kreuz erster Klasse erlangt haben, beweisen, unsere Gegner sind eifrig bemüht nachzuspüren, ob und wo sich die Juden feige gezeigt haben. Unser Kampf gilt jetzt und wird stets gerichtet sein gegen die unbegründeten Vorwürfe der Drückebergerei, der Pflichtverletzung. Mag es auch vorgekommen sein und noch Vorkommen, daß Juden große Gewinne in dieser Zeit eingeheimst haben, so leben wir in der festen Ueberzeugung, daß dies zumeist — einzelne schmähliche Ausnahmen ausgerechnet, die wir wahrlich nicht beschönigen wollen — auf ehrlichem Wege, in redlichem Geschäfte geschehen ist. Man spricht ja leider davon, daß der Antisemitismus nach dem Kriege stärker einsetzen werde. Ein bestimmtes Urteil darüber zu geben, wäre verfrüht. So viel kann man sagen, daß viele Hochgestellte gerade in diesen bewegten Zeiten ihr Urteil zu unseren Gunsten modifiziert haben, daß namentlich im Osten durch die tatkräftige Unterstützung, die von den Juden in Polen und Rußland den Deutschen zugeführt worden ist, die Juden als notwendige, wichtige und ersprießliche Helfer des Deutschtums erkannt worden sind. Andererseits haben gar manche gerade im Osten die Tausende von verkümmerten, durch die lange Knechtschaft entehrten, fast entmenschten Kreaturen gesehen und sich leider daraus ein Bild von Juden und Judentum geschaffen, das nicht erfreulich genannt werden kann. Wir wollen nicht aufhören, unsere christlichen Mitbürger zu lehren, was Juden und Judentum sei, ihnen immer und immer wieder vors Gemüt zu führen, daß Auswüchse wohl den Kern überwuchern, aber nicht verderben konnten, daß die Juden überall vollen Anspruch auf bürgerliche Gleichstellung haben und daß sie wenigstens in Deiltschland durch viele Jahrzehnte sich bemüht haben, bei voller Wahrung ihres Glaubens und ihrer Eigentümlichkeit restlos ins Deutschtum einzugehen. Gerade die polnisch-jüdische Frage wird uns in Zukunft sehr stark beschäftigen, vielleicht noch mehr, als sie es schon gegenwärtig tut. Ob der Friede — man spricht das

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