Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 80 (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3229232-3229234--71901-3284312- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
80. Jahrgang Nr. 1 Berlin, 7. Januar 1916 r I f Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint roSchen NI ch. A bonnements«preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere verrrtebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 Nl. — Postscheckkonto 324. vegriin-et von Rabbiner Dr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mossc, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. TTtlfttfllt* 2um neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. — Die 1)OfJOH. W o dje. — Von Brest-Litowsk nach Pinsk. Von Dr. Tä tt zer, Göppingen, Armeerabbiner der Bugarmee. — Warschau und Jabne. Von Nabbmer Tr. Friedmann in Lublinip. — Feuilleton: Sabbatmelodien. Von 8. 8. — Glaube. Bon Emil Spiegel. — Morgenandacht. Von Emil Spiegel. — Der gute Ort. Vvii Emil Spiegelt. — Ter Brautschleier. Von Ottilie Franzos. — Du wirst den Kindern heut die Lichter zünden. Von Hugo Zuckermann. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Aus der Provinz Posen, Stettin, Leipzig, Nürnberg Hannover, Bad Nauheim, Frankfurt a. M., Mainz, Wien. — Von Nah und Fern. Lum neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. it der gegenwärtigen Nummer tritt unsere Zeitung in ihren 80. Jahrgang ein. Eines solch langen, ununterbrochenen Bestandes kann sich keine andere jüdische Zeitung der Welt rühmen; wenige allgemeine Wochenschriften, wenn überhaupt eine einzige, dürfen von sich sagen, daß sie vier Fünftel eines Jahrhunderts überdauert haben. Indem wir diese gewaltige Spanne Zeit überblicken, empfinden wir zunächst ein tiefes Dankgefühl für den Herrn Verleger, der seit langem und besonders in dem nun fast VA Jahre dauernden schweren Kriege nicht bloß ein ungewöhnlich warmes Interesse an dieser Zeitschrift an den Tag gelegt, sonder» auch schwere Opfer gebracht hat, der die ihm unterbreiteten Vorschläge mit Sachkenntnis geprüft und gebilligt hat, soweit deren Ausführung ihm möglich schien, und der seinerseits reiche Anregungen bot, die, wenn irgend denkbar, befolgt wurden. Eine solch lange Zeit des Bestehens legt uns ferner die Verpflichtung ans, Rückschau und Vorschau zu halten, in Vergangenheit und Zukunft. Gedenken wir der Vergangenheit, so entsteht uns zuvörderst die angenehme Pflicht, die Vorgänger in der Leitung der Zeitung zu rühmen. Dies ist oft genug an dieser Stelle geschehen, so daß gegenwärtig das Lob kurz ausgesprochen werden kann. Mit einer ungewöhnlichen Begabung, mit vielseitigem Können, mit unerschütterlicher Ausdauer bis in das hohe Greisenalter hinein hat der Begründer dieser Zeitung, Ludwig PhiliPPson, seines Amtes als Leiter der Zeitung gewaltet. Er hat allein den Gedanken zu dieser Zeitschrift gefaßt. Er hat ihr die Grundlage gegeben, von der niemals abgewichen worden ist, er hat die Richtlinien gewiesen, die im ganzen und großen bis ans den heutigen Tag beibehalten werden konnten. PhiliPPson stand mitten in der theologischen Bewegung seiner Zeit, er gehörte der liberalen Richtung, wiewohl einer gemäßigten, an, er war ein vielseitig gebildeter Mann, der in den Zeitfragen ebensowohl Bescheid wußte wie in den allgemeinen Bildungsangelegenheiten. Er war selbst Poetisch begabt und als Dichter tätig. Aus einem Nachrichtenblatte, wie es die > „Allgemeine Zeitung des Judentums" zuerst gewesen, entwickelte er sein Blatt zu einem allgemeinen Organ, dem nichts fremd war. Während er zuerst fast allein seine Zeitung geschrieben, freilich daneben vieles aus Ausschnitten anderer Zeitungen zusamincnstelltc, umgab er sich später mit einem großen Mitarbeiterkreis. Vielfache Anregungen gingen von ihm aus und wurden in seiner Zeitung entwickelt: der Gedanke einer jüdisch-theologischen Fakultät ivnrde von ihm erwogen und verbreitet, die Unterdrückung der Juden, wo sie sich zeigte, in mannigfachen Petitionen bekämpft, große allgemeine Institute, z. B. das zur Förderung der jüdischen Literatur, begründet, der Antisemitismus in Deutschland bekämpft, die Verfolgungen in anderen Ländern verurteilt und manche Schritte getan, um sie einzudämmen. Im ganzen wurde von ihm eine fast überreiche, häufig von Erfolg begleitete Tätigkeit entfaltet. Gustav Karpeles, der nach ihm kam, war ans dem Journalistenstande emporgewachsen, besaß aber daneben eine tüchtige jüdische Bildung; er fügte der Zeitung das Moderne hinzu, das vielleicht zuletzt dem Blatte gefehlt hatte, und wußte durch seine vielfältigen Verbindungen, durch seine gemäßigte Gesinnung, durch seinen unverwüstlichen Humor und durch seine frische, leichte Beweglichkeit sein Blatt zu einer fesselnden Lektüre zu gestalten. Länger als 50 Jahre hat PhiliPPson, 20 Jahre Karpeles das Blatt geleitet; seit dem l. Oktober 1900, also seit 6 K Jahren, steht es unter meiner Redaktion. Ich kann mich nur meines Fleißes rühmen. Gegenüber dem Theologen und dem Journalisten besaß ich vielleicht mehr als meine Vorgänger die allgemeine wissenschaftliche Grundlage und einen entschiedener ausgeprägten Liberalismus. Ich habe, da ich der Ansicht bin, daß der Herausgeber eines Blattes der von ihm geleiteten Zeitung eine Persönliche Note zufügen muß, gerade das Literarisch-Wissenschaftliche und das streng Liberale betont, habe mehr als meine Vorgänger den Feind, den ich für den schlimmsten halte, den Zionismus, bekämpft und habe in der letzten Zeit die allgemeinen Weltangelegenheiten stärker in den Vordergrund gerückt. Es steht mir nicht zu, eine Untersuchung darüber anzustellen, ob ich immer dem Blatte genützt habe, nur das eine darf ich kühnlich behaupten, daß ich es nie an Eifer und an gutem Willen habe fehlen lassen. Ueberblickt man diese 80 Jahre, so darf man sagen: wir Juden haben in dieser langen Epoche einen guten Schritt vorwärts getan. Im Jahre 1836 stand die Emanzipation der Juden, wenigstens in Deutschland, nur auf dem Papier. Am Anfang der vierziger Jahre hoffte man auf eine liberale Wendung, sie wurde aber in keiner Weise erfüllt. Gerade der König Friedrich Wilhelm IV., auf den man große Erwartungen gesetzt hatte, enttäuschte, wie in allgemeinen politischen, so auch in jüdischen Dingen, die Hoffnungen aufs gründlichste. Die Revolution des Jahres 1848 brachte uns nur einen Schein der Freiheit. Aus