Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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634 im Flur abgefertigt. Der ganze Hausrat blieb auch jetzt, wo er vereinsamt war, unverändert, und die Sabbatlampe glänzte zum Festtag so tadellos, währeird sie an Werktagen mit Gaze verhängt war, wie zur Zeit, als sein Rahele die Lichter benschte. Seine Küche führte er selbst, und er verstand cs wohl, sich schmackhafte Speisen zu bereiten. Dem Fisch für Freitagabend wurde eine ganz besondere Sorgfalt zugewendet, und für seine Frau stellte er regelmäßig auch ein Gedeck zurecht. Gemütvolles Gedenken! Den armen Wanderern gegenüber übte er Wohlwollen. Er fühlte mit ihnen, tröstete sie, spendete ihnen reichlich, und obwohl er manchmal erfahren mußte, baß sein Mitleid einem Unwürdigen zuteil wurde, es störte ihn nicht. Einmal bemerkte er, wie an einem solchen Wanderer ein reicher, aber als geizig bekannter Mann achtlos vorbeiging. Das wurmte Salme Hecht. Er trat vor den Reichen hin, seinem Blick konnte dieser nicht ausweichen, und stellte ihn darüber zur Rede. „Erstens", sagte dieser, „geht es Euch nichts an, wem ich gebe, und wem ich nicht gebe. Zweitens sind es alle Betrüger und Schwindler." — „Soll ich", replizierte Salme, „für den Groschen, den Sie schon geben werden, erst bei Schimmelpsennig eine Auskunft über den Schnorrer einholen?" Seit jener Zurechtweisung ging der reiche Kozin an keinem Armen achtlos vorbei. m. Salme Hecht erschien eines Morgens nicht in der Synagoge. Das war ein Ereignis. Bian klopfte an seine Türe. Keine Antwort! Sollte ihm ein Unfall zugestoßen sein? Eine Leiter wurde herbeigebracht, ccm von einem Fenster aus seine Wohnung zu übersehen. Keine Veränderung war darin wahrzunehmen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in früher Morgenstunde die Kunde von dem Verschwinden Salmes; doch der Briefträger brachte des Rätsels Lösung. Ein Brief an den Vorsteher enthielt nur die kurze Mitteilung, daß er auf 8 bis 10 Tage verreist sei. Nun war ein reiches Feld für allerlei Vermutungen gegeben. Salme Hecht hatte nie das Weichbild der Stadt verlassen. Den Begriff einer Erholungsreise kannte er nicht. Sollte er am Ende als Freier ausgeflogen sein? Ausgeschlossen. Vielleicht gar ein Fehlbetrag in der Kasse? Nein, an eine solche Extravaganz zu denken, iväre Sünde gewesen. Suchte er eine andere Stelle? Dafür lag kein Grund vor. Wäre er ein sehr reicher Mann gewesen — er besaß mehr Mittel als manches als wohlhabend geltende Gemeindemitglied —, er hätte sein Amt doch nicht aufgegeben. Das war ihm Lebensbedingung. Für keinerlei Vermutung lag ein ausreichender Grund vor. So mußte man sich gedulden bis zu seiner Heimkehr. Nur so viel hatte man erfahren können, daß er mit dem ersten Frühzuge eine Fahrkarte nach München genommen hatte. Am zehnten Tage nach seiner Abfahrt kam er mit dem letzten Zuge wieder an. Doch nicht allein. Er brachte einen Knaben und ein Mädchen mit, zwei sehr hübsche Kinder. Doch auch dieses Rätsel fand seine Lösung. Salme Hecht hatte eine einzige Schwester in München. Sie lebte nach dem Tode ihres Mannes in recht bescheidenen Verhältnissen. Als Hecht erfuhr, daß auch sie gestorben sei, eilte er dorthin, hielt die Schiwo') dort ab, löste den Haushalt auf lind nahm ihrebeiden Kinder, Rudolf und Ruth, zu sich. Für ihn war dieser Akt selbstverständlich. Ihn schreckten nicht die Sorgen der Erziehung ab. Seine stille Klause erhielt Leben, und mit großer Freude nahm -Salme all die Unbequemlichkeiten, die der erweiterte Haushalt mit sich brachte, auf sich. Auch die Kinder gewannen den Onkel bald lieb. Eine neue Ueberraschung folgte. Eines Tages erschien eine Dame in seinem Hanse. Sie hatte die Ausgabe, ihn bei dein ') Die siebe» Trauertage. Erziehungsgeschäft zu unterstützen. Der Knabe besuchte düs Gymnasium, das Mädchen die höhere Mädchenschule, und beide zeigten ungewöhnliche Geistesgaben. Bei Schülern und Lehrern waren Rudolf und Ruth gleich beliebt, und Salme Hecht war nicht wiederzuerkennen. Sein ganzes Wesen hatte sich geändert, Freude verklärte sein Gesicht, die Härte seiner Züge war gemildert worden, was auch im Umgang mit der Außenwelt zur Geltung kam. Das eifrige Lernen seiner Schützlinge hatte auch aus ihn gewirkt. Er, der keine andere Lektüre kannte als das regelmäßige Lesen der Sidra") und des Generalanzeigers, strebte nach höheren: Wissen. Auch dafür wußte er Rat. Der Lehrer der Gemeinde, ein vielfach gebildeter und kenntnisreicher Mann-, mußte ihm Privatvorlesungen halten. Der Mann, der das Wort Erziehung kaum kannte — er wußte nur von ungezogenen -Kindern —, hörte am liebsten von seinem neugewonnenen Mentor über Erziehung reden und -was davon in den S'fvrim steht. Wie leuchtete sein Gesicht, wenn ihm die markigen Sätze hierüber vorgetragen wurden. „Wie die Opfer rein sind, so sind auch die Kinder rein. Die Worte der Thora gleichen dem Kinde, das die Milch von -der Mutterbrust saugt. In der Stunde, in welcher die Kinder aus der Schule kommen, ruft eine himmlische Stimme ihnen zu: Gehet, eßt euer Brot in- Freuden, der Hauch eures Mundes ist mir wie Opferduft." Er erzählte ihm von einem großen Schiss, aus den: sich tausend Heiden und ein jüdisches Kind befanden. Ein gewaltiger Sturm drohte dem Schiffe mit dem Untergang. Dem laut jammernden Kinde erschien der Prophet Elia und verkündete ihm, nur um deinetwillen rette ich das Schiss samt den tausend Heiden. Wollt ihr die Juden vernichten, so riet ein heidnischer Philosoph den Feinden Israels, so zerstört ihre Schulen; solange die Schulkinder in der Lohre ihres Gottes unterrichtet werden, werdet ihr nichts gegen sie ausrichten. Jerusalem wäre nicht zerstört worden, wenn man dort gehörig für den Jugendunterricht gesorgt hätte. Als Gott die Thora geben wollte, verlangte er Bürgschaft für die Erfüllung derselben. Weder die Stammväter noch die Prophetenwurden dafür angenommen, wohl aber die Kinder. Salme Hecht wurde nicht müde zuzuhören, und sein Lehrer war unerschöpflich in der Vorführung solcher Bilder. Rudolf kam auf die Universität, studierte Medizin und brachte die Ferien stets bei seinem Onkel zu. -Ruth, die im Hause des -Onkels zu einer herrlichen Jungfrau erblüht war, schenkte ihre Gunst unter manchen Bewerbern einen: dürftigen, aber braven Glaser. Sie erhielt neben dom Erbteil ihrer Mutter, das in der Zwischenzeit mit Zinsen zu einem ansehnlichen Kapital gewachsen war, auch von ihren: Onkel eine Mitgift. Vom Glück war -die Ehe begünstigt. Aus Reinen Anfängen wuchs sich das Geschäft zu einem bedeutenden Betrieb aus, und die Bauglaserei ist heute eine Firma von gutem Klang. IV. „Salme Hecht war heute morgen nicht in Schirl." - Zun: zweiten Male in seiner Amtszeit ging diese Kunde durch die Stadt. Er wurde plötzlich von einer tückischen Krankheit ergriffen, und sein Leben war ernstlich bedroht. Wer ihn so liegen sah, merkte, daß nicht nur körperliche Schmerzen, ihn quälten, es mußte wohl auch eine seelische Depression ihre Fessel um ihn gelegt haben. Kein Laut der Klage kam über seine Lippen, nur die Worte: „Wenn nur mein Rudolf erst da iväre," murmelte er oftmals vor sich hin. Rudolf stand gerade im medizinischen Examen, und täglich wurde die Nachricht von dem Erfolg desselben erwartet. Sie traf auch ein. Für Salme war diese Nachricht belebend. Jetzt erst gestattete er, daß Rudolf an sein Krankenlager gerufen wurde. Der Wochenabschnitt.