Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
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Rüben, der mit seiner steinalten Mutter Aarah, um nach einen Wirkungskreis innerhalb noch unangefreffener altjüdischer Rechtgläubigkeit zu finden, aus Böhmen mit in den polnischen Osten umsiedeln will, aber mit Mutter und Pferd vor dem kümmerlichen Reisewagen in einem eisigen nächtlichen Schneesturm eine Stunde, bevor er die Stadt Posen erreicht haben würde, verschüttet wird und erfriert; ganz besonders aber des einzigen Enkels des reichen Isaak, der, ein etwa vierzehnjähriger Knabe, an einem unheilbaren schweren Herzfehler jammervoll dahinsiecht, weder durch die Millionen als Stammhalter der plutokratischen Dynastie gerettet werden, noch durch eine von seinem Onkel, dem Pfarrer Josef, der seine Seele für die katholische Kirche in dem Fischnetze seines Glaubenseifers eingefangen hat, durch eine von ihm in seiner ganzen Gemeinde für seine Genesung angeordnete und mit fanatischer Zuversicht durchgeführte Andacht vieler Tagesstunden einer ganzen Woche gesund gebetet werden kann und nun in rührendem Vertrauen auf eine jenseitige Gesundung den schweren Todeskamps überwindet. — Als kennzeichnende Merkmale der Gesinnung des Fürsten Wrede selbst gegen das Judentum möchte ich nun noch die folgenden hervorheben. Er hat die Verbindung dieser Rasse mit einer religiösen Eigenart immer zu sehr im Auge gehabt, als daß er auf das zerstreute Zusammenleben dieser Rasse als solcher mit anderen Rassen und auf die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben, so sehr reflektierte. Er hält dafür, daß alle Wohlgesinnten schon jetzt zu dem Urteil befähigt wären, daß es nur auf den Unterschied zwischen sittlich gesinnten und nicht-sittlich gesinnten Menschen ankomme, und daß dieses Urteil einmal allgemein werden müßte. Von dem Judentum selbst verlangt und erwartet er, daß „eine Rasse, die mit einer Religion identisch ist wie kein anderes Volk, wohl befähigt sein sollte, unter sich stramme Selbstzucht zu halten" (S. 319). Die Schuld einzelner auf ein ganzes Volk zu schieben, hält er für ungerecht; ein allerdings sehr mildes Urteil, wenn es sich doch um mehr als „einzelne" handelt und wenn deren Schuld mit allgemeinerem nationalen Charakter doch zusammenzuhängen scheint. Doch entschuldigt er eben auch diese allgemeineren Charakterzüge: man hat Israel gelehrt, klug, heimatlos, beweglich zu werden" (S. 81). Der große, zusammenfassende Gedanke ebendaselbst: „Es ist die Sehnsucht nach der Erde, der Israel sein größtes Gut und seinen schwersten Fluch verdankt", hat gewiß etwas Wahres an sich. Bei dem „größten Gut" denkt Fürst Wrede sicherlich an die starke Gemütsattraktion Israels: an sein heiliges Land und dessen zentrales Heiligtum, den Tempel in Jerusalem, und bei dem „schwersten Fluch" an den geschichtlichen Verlust dieses Landes und die Schicksale, Gefühle und Eigenschaften, die sich für ein Volk ohne Land in fremdem Land entwickeln mußten, nur daß die den fremden Nationalitäten und Kulturen am meisten assimilierten und dadurch so hochgekommenen Elemente Israels jetzt gewiß mehr in der Erfüllung des Zionismus einen Fluch für sich erblicken würden. — Eine Erkenntnis muß ich diesem Autor über jüdische Tinge besonders hoch anrechnen: daß er nicht mit der Aufklärung über superstitiöse Vorstellungen, in denen doch die Beteiligung fremden G e m ü t s steckt, mit dem Kopf durch die Wand will. Der Wahrheit ist freilich kein Tüttelchen zu vergeben, aber nicht überall kann man mit ihr in der wirklichen Menschenwelt bedienen: man muß sich auch einstweilig taktvoll akkvmvdieren können. Etwas „Schönes" repräsentieren auch die Dichtungen des Gemütes, und „edle Menschen beweinen immer das Welken des Schönen" (S. 166), wenn sie auch ja nicht daran denken, es der wahren Erkenntnis entgegen als zu ewigem Bestände berechtigt aufzupflanzen. „Gläubigen Menschen gegenüber, die mit ihrem Glauben verwachsen sind, darf man auch, mit dem Bewußtsein, um we^- willen man das tut, auf ihre Glaubensvorstellungen eingehen, und das kann (S. 257) nicht ein schwächlicher Verrat der eigenen Ueberzeugungen, sondern ein verdienstvolles Werk der Humanität sein." Salme Hecht. Von M. Schweitzer, Glogau. I. Bat nie Hecht war Schameß in O. Wenn die Khille vor ihm keinen Respekt hatte, so lag das daran, daß sie zu viel Furcht vor ihm hatte. Salme Hecht konnte schnell böse werden, und war er böse, dann rollten seine nichts weniger als sanften Acuglein schreckenerregend. Wie Blitze und wie Bajonette trafen seine Blicke in solchen Augenblicken. Und erst die Worte, die ihm dabei über die Lippen kamen. Das waren keine kurzen Sätze, es waren lange Perioden, die von einem gurgelnden Unterton begleitet wurden. Donnerschläge waren dagegen Sphärenmusik. Er war nur Schameß, aber seine Vorsteher fühlten sich in seiner Gegenwart nicht behaglich. Bekam er einen Auftrag, so nahm er ihn mit irgendeiner beißenden Bemerkung entgegen, Fand ein Ukas nicht seinen Beifall, so zeigte er dem Vorstand auch die Zähne. „Ich kenne die Khille besser", damit schloß er seine Kritik und sprach über jede neue Verfügung damit sein Verdikt aus. Seine äußere Erscheinung stand mit seinem inneren Wesen in vollster Harmonie. Auf seinem gedrungenen Körper saß ein fast viereckiger Kopf mit struppigem Haarwuchs. Völlig bartlos war das Gesicht. Wahrscheinlich wollte er seinen Zeitgenossen die Schönheit seiner breiten und schief sich ausladenden Mundpartie nicht vorenthalten. Er hatte ein ganzes Bündel von Obliegenheiten. . Wehe dem, der ihm sein Amt dabei erschwerte! Der Steuerzahler, der seinen Gemeindebeitrag nicht beim ersten Gang entrichtete, bekam von ihm eine Standrede gehalten, die weit über parlamentarische Redefreiheit hinausging. Wer ihm nicht für irgendeine Leistung ein angemessenes Honorar zuerkannte, den strafte er mit Verachtung. Und er konnte verachten! Ob Simchas Thora oder Tischobe-Ab, ob Hochzeit oder Beerdigung — sein Gesichtsausdruck war immer hart, und nur in seiner Kleidung kam die jeweilige Bedeutung des Tages zum Ausdruck. Sein Zylinderhut und sein schwarzer Anzug, der Kragen mit der weißen Halsbinde waren ebenso tadellos, wie seine Arbeitskleidung stets staub- und schmutzfrei war. Er hatte im Nebenberuf ein recht säuberliches Gewerbe: die Herstellung von Koscherseife. Wer ihn darin nicht unterstützte und seinen Bedarf für die Küchenreinhaltung nicht von ihm entnahm, wurde von ihm mit Verachtung bestraft. Weil man es mit ihm nicht verderben wollte, so zählten auch die aus der Gemeinde, die es mit koscher und trefo nicht so genau nahmen, .zu feinen Kunden. II. Salme Hecht war kinderlos. Seine Ehe mit Rahel Sondheimer währte nur wenige Jahre. So kratzbürstig er sich der Außenwelt zeigte, so sanft und gut war er zu seiner Frau. Er zürnte wohl auch dem Geschick, daß chm sein Rahele so früh entrissen wurde. Kein weibliches Wesen versorgte seinen Haushalt, alle Frauenarbeiten verrichtete er selbst. Nur vor Sabbat und den Feiertagen ließ er durch die Schabbesgoje das große Reinemachen ausführen. Den Eintritt in feine Gemächer gestattete er nur ganz Bevorzugten. Die anderen wurden