Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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685 junge Arzt kam unverzüglich, und es entging ihm nicht, daß die Tage seines Onkels gezählt seien. Kein Arzt wurde zugezogen. Salme nahm auch keinerlei Arznei. „An mir," sagte er, „ist nichts mehr gutzumachen. Ich fühle mein Ende herankommen, und wenn ich dir meinen letzten Willen mitgeteilt haben werde, kann ich ruhig dieses Erdenleben verlassen." „Aber, Onkel, du mußt nicht so schlimm denken, dir können noch viele Jahre beschieden sein," sprach tiefergriffen Rudolf. „Nein, mein Junge, keine trügerischen Hoffnungen, ich kenne mich am besten," erwiderte der Onkel. „Jetzt wirst du dich erst ausruhen, und morgen werden wir weiter reden." Rudolf suchte sein Läger auf. Er fand nach den aufregenden Tagen und der Erschütterung am Krankenbett des OnkelZ nicht gleich den beruhigenden Schlaf. Endliche siegte doch die ihr Recht fordernde Natur, und als er erwachte, flutete das helle Tageslicht in sein Zimmer. Nachdem die Toilette beendet war und Rudolf das Mvrgengebet verrichtet hatte, ging er zu seinem Onkel, den kein Schlaf erquickt hatte und der ausrecht auf seiner Lagerstätte saß. Erst mußte der junge Doktor sein frühstück einnehmen, dann kam der große Augenblick der Enthüllungen. Also begann Salme Hecht. „Höre mir zu, ich muß mich kurz fassen, ich fühle meine Kraft schwinden. Ein Testament, worin ich dich und deine Schwester zu Universalerben meines nahezu eine Million betragenden Vermögens eingesetzt habe, liegt aus dem Gericht. Du wirst dich wundern, wie ich als Schameß zu einem solchen Vermögen kvminen konnte, da ich niemals an der Börse spekuliert habe. Vor mehr als dreißig Jahren kaufte ich ein Raab-Grazer Los. Bald darauf wurde es mit dem höchsten Gewinn gezogen. Nachdem ich, wie sich's von jedem Juden gehört, den Maaser') abgesondert, einen Teil davon für Unterstützungen weggegeben hatte, kaufte ich für den Rest wiederum mehrere solcher Lose, und zum zweiten Male siel ein großer Gewinn darauf. Ich legte ihn zu dem ersten. In jener Zeit erkrankte das einzige Kind Feldmanns, des reichsten Mannes hier. Es hatte die Halsbräune, hellte nennt man es Diphtheritis; kein Arzt konnte Helsen, und der Erstickungstod konnte jeden Augenblick eintreten. Ich wachte an seinem Lager, niemand war zugegen, und einer Plötzlichen Eingebung folgend, nahm ich das Kind aus seinem Bettchen, öffnete den Mund, löste mit meinem Finger die todbringenden Keime und saugte die schleimige Masse unter eigener Lebensgefahr aus. Das Kind war gerettet und mir hat es nicht geschadet. Mit Zitronensaft reinigte ich mir den Mund. Der ganze Vorgang dauerte nur wenige Minuten, und als die Mutter an das Bett des Kindes trat, die Aenderung im Befinden merkte, sagte sie: „Salme, Ihr habt mein Kind gerettet!" Das Kind wurde von Tag zu Tag besser. Eine kleine Narbe aus der Lippe ist heute noch zu sehen, vermutlich habe ich sie ihm mit meinen scharfen Zähnen beigebracht. Einige Tage daraus sandte mir Feldmann ein fürstliches Geschenk. Es waren bayrische Pfandbriefe, die einen Nominalwert von fünf,zigtausend Gulden statten. Diese Summe und sonstige Ersparrusse Haben mit den Zinsen und Zinseszinsen diese Höhe erreicht. Eine Bedingung aber knüpfe ich an die Uebernahme des Geldes:. Du mußt deinen ärztlichen Beruf ohne jede Vergütung ausführen. Lochern schomajimh sollst du zu jedem Kranken, er sei reich oder arm, eilen, va Adonai jihejeh be Esrecho'J." Mit diesen Worten hauchte Salme -Hecht sein Loben aus. Groß war die Klage um seinen Heimgang in seiner Gemeinde. ®) Den zehnten Teil. h Im Rainen Gottes, das ist in uneigennütziger Weise. B) Gott wird dir Helfer sein. Jetzt erst erfuhr man, wie er im stillen Wohltaten ausgeübt hat, und es erfüllte sich hier das Wort der Weisen: Die Frommen leben, auch wenn sie tot sind. Dr. Rudolf Ullrich blieb in seiner zweiten Heimatstadt. Seine Tüchtigkeit brach sich bald Bahn, und in allen Schichten der Bevölkernng war er als Arzt g-esacht. Verlangte man von ihm, daß er für seine Bemühung ein Honorar fordern sollte, pflegte er zu sagen: „Warten Sie ab, bis ich eine Rechnung schicke." Er hielt das Versprechen, das er seinem Onkel gegeben. Mchrreinlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Aus engen Gassen. Bon Saloman Dembitzer, deutsch von Stefania Goldenring. Berlin, C. A. Schwetschke u. Sohn, Verlagsbuchhandlung, gegr. 1729. Blätter, herausgegeben von der Agudas - Jisroel-Jugendorganisation, Bund gesetzestreuer jüdischer Jugendvereine, unter Mitwirkung des Gruppenverbandes der Agudas Jisroel für Deutschland. Sechstes Blatt. Frankfurt a. M. Dezember 1915. Literarilche Mitteilungen. — D i e Pro seihten der Stadt Zürich. Ein Beitrag zur Geschichte und Psychologie des Ueberläufers. Jnaugural- Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät I. der. Universität Zürich, vorgelegt von Salomon Sternberg (aus Niederhallwill, Kanton Aargau). Bon der philosophischen Fakultät I. angenommen auf Antrag des Herrn Prof. Dr, Gerold Meyer von Knonau. 1914, Druck von A. Schaufelberger, Zürich 2. Ein junger Schweizer Historiker legt in diesem Büchlein seine Erstlingsarbeit vor. Er behandelt sein Problem psychologisch und historisch. Das Buch handelt über die Proselyten im allgemeinen, also auch über die Katholiken, die in Zürich zum Protestantismus übergingen. Wir beschästigen uns im wesentlichen, dem Charakter unseres Blattes gemäß, mit. Juden. Die Juden, die in Zürich die Taufe nahmen, sind weniger Händler und Handwerker als Schriftsteller, Gelehrte, Abenteurer, Bettler. Die Motive sind in den meisten Fällen Not, Gewinnsucht, Lust nach einem besseren Leben, seltener wirkliche Ueberzeugung von der Wahrheit des anzunehmenden Glaubens. Der Verfasser drückt dies einmal so aus: „Wir erkennen die aus hartem Egoismus heraus gezeugte Handlungsweise als eine ebenso trübe wie brutale Forderung nach Vorteil und Besserstellung, nach Befriedigung persönlichster Interessen, die sich mehr und mehr dem Betrüge nähert." Denn von solchen Betrügern ist vielfach die Rede, seltener handelt es sich um Jüdinnen, die aus Liebe zu einem Christen, ganz ausnahmsweise um Juden, die aus Liebe zu einer Christin die Taufe begehrten. Eine Ausnahme macht ein junges Mädchen, Bluma Oppenheimb, die „durch Lesung geistlicher Bücher Lust zum Christentum gewonnen". Sehr lehrreich ist der Abschnitt, der die finanzielle Belastung der Stadt durch die Proselyten dartut, denn natürlich waren es. wie schon angedeutet, zumeist Arme, Hilflose, in ihrer Existenz gescheiterte Persönlichkeiten, die das Christentum begehrten, um dadurch einer Versorgung durch die Anhänger des Glaubens, zu dem sie sich wandten, oder der Stadt Zürich teilhaftig zu werden. Teils wurde ihnen bei der Taufe selbst eine Belohnung gegeben, teils ihnen eine einmalige oder dauernde Unterstützung gewährt. Da nun die dadurch für die Stadt entstehende Belastung sehr groß wurde, so kam es manchmal vor, daß die Bittsteller nbgewiesen wurden, weil die Zahl der Proselyten schon zu bedeutend sei und man daher bestrebt war, sich von der „Neberlast" zu befreien. Auch war eine politische. Frage zu bedenken, weil durch Ueberhandnehmen der protestantisch gewordenen Flüchtlinge die katholischen Kantone sich verletzt fühlten oder weil durch das Zuströmen der Juden die engherzige Politik der Stadt gefährdet schien und man außerdem bei irgendwie vermögenden Juden eine Kränkung der Hoheitsrechte benachbarter Fürsten fürchten mußte. Die Dissertation ist eine sehr lehrreiche Schrift, die trotz der unzähligen in ihr behandelten Einzelheiten die Hervorhebung großer Gesichtspunkte und die Rücksicht auf allgemeine Fragen nicht vermissen läßt. . , L. G.