Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 79 (1915)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1915)
- Date
- 1915-12-31
- Page
- Seite 632 (sequence 8)
- Language
- German
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632 (Denn daß es diesen Haß von seiten gläubiger Christen deshalb verdiene, weil es, ohne zu wissen, was es tat, den von Gott gesandten Heiland der Welt gekreuzigt habe, läßt sich ja wieder gar nicht vereinigen mit der Stellung, die gerade die Kreuzigung in dem christlichen Glauben hat.) Fürst Wrede muß wohl in seiner ganzen Gesinnung die sehr richtige Grundüberzeugung hegen, daß es noch etwas Besseres gibt als die Leidenschaft in der Richtung vorgefaßter Neigungen lind Abneigungen: nämlich die Wahrheit der Dinge und Menschen nach jeder Richtung hin klar lind ruhig zu erkennen und zu verstehen zu suchen, und dann erst die Leidenschaft des Willens dem Rechten zuzuwenden, vielleicht unter bewußter Ueberwindung eines aus individueller eigener Natur nach einer anderen Richtung hin gehenden Gefühls. In diesem Sinne scheint mir Fürst Wrede zu einer seltenen Höhe der Gerechtigkeit des Hcrabblicks auf die Bilder des jüdischen Lebens emporgestiegen zu sein, zu der hinauf der Lärm der Tagesmeinungen nicht mehr dringt und wo alles zu einem Schauspiel des betrachtenden Geistes wird. Und doch auch — der Liebe, einer Liebe der Art, wie sie den Forscher immer mehr zu dem Gegenstände seiner Beschäftigung erobert, von der aber ein erster Funke doch auch von Anfang an in ihm geglommen haben muß, denn warum hätte er sonst gerade dieses Forschungsobjekt zahllosen anderen vorgezogen? Man könnte diese Liebe auch Humanität nennen, denn bei unserem Dichter finden sich manchmal sehr humane Urteile zu den dargestellten Vorkommnissen oder Abwandlungen persönlichen Lebens jüdischer Menschen; doch die humane Beurteilung in diesen Dingen kann auch etwas Schablonenhaftes bestimmter Parteientscheidung an sich tragen, bei Wrede aber macht sie den Eindruck frischen Geborenwerdens in der Einfühlung in den besonderen Fall. Hauptthpen jüdischen Wesens in der umfassenden Gemäldegalerie des Menschlichen knüpft Fürst Wrede an die Glieder einer bestimmten Familie, weil es seiner Anlage und Neigung ivvhl liegen muß, nicht abstrakt abhandelnd darzustellen, sondern dichterisch das Besondere zur Anschauung zu bringen, zugleich auch, weil die Form einer Geschichte das Werden, die Entwickelung statt des Ausschnittes einer eine Zeitlang ruhe"^ u. -udlichkeit, also größere Lebendigkeit h führt. unans ist ganz besonders voll von v >m>chen Lebens und Wesens, wie sie ........ Beobachtung an die Hand geben kann, und von Kenntnissen vvlksttimlich-jüdischer Glaubensvorstellungen und religiöser Gebräuche, die geradezu ein Studium voraussetzen. Ein feiner Zug der Erfindung ist, daß die alte Großmutter Sarah sogar noch die Ueberlieferung von den Schicksalen, d. h. den Drangsalen, der sich später „Gvldschild" nennenden Familie, die bis ins 14. Jahrhundert und nach Paris zurückgehen, und von Vertreibungen über Vertreibungen, aber auch von der zähen und mutigen Ausdauer israelitischer Menschen erzählen, in ganz treuem Gedächtnis trägt und an traulichen Abenden den lauschenden Enkeln für zukünftige C: :,1pflanzt. Sv hat der Dichter die Quelle seiner Pha: ' .-. Forschungen in entsprechend poetischer Weise spielen •- ' Die drei Söhne der drei Söhne der Sarah und ihres Aron, die drei Vettern David, Isaak und Raphael, stellen dann drei hauptsächliche, weit allseinandergehende Linien nenjüdischer Lebenswege dar; deren drei Väter bleiben im Vergleich dazu in einem, freilich auch höchst ausgeprägte, sehr verschiedene, aber so wie sie sind, durchaus nur jüdische Gestalten bestrahlenden Vormorgenslicht. Der eigentliche Held ist David, der Sohn des armen „Dorfgehers" Joseph, der Arzt, zwischendurch auch jahrelang glänzende und einfllißreiche Publizist, der liebevolle und hilfreiche Menschenfreund und sreigeistige Vertreter eines modernen Humanismus. Der Dichter steht offenbar zum Teil in dessen Denkweise, aber doch auch frei über ihr, nach den germanisch-christlichen Wurzeln der Vergangenheit seines Geschlechts. Der zweite Typus, des Juden, der, aus ärmlichsten Verhältnissen heraus und zunächst vor erniedrigenden Ausspähungen nach Geschäften auch fragwürdiger Art nicht zurückschreckend, nur das Ziel vor Augen, reich und immer reicher zll werden, zäh und ausdauernd, natürlich doch auch mit der Tugend äußerster Bedürfnislosigkeit, immer weiter emporsteigt und dann durch kluge Finanzierung großartiger und aussichtsreicher privater und öffentlicher Unternehmungen zu einem Rothschild mit der Operationsbasis in Paris und Wien und fürstlichem Grundbesitz in der weiten Welt wird, übrigens in seinem Familienleben von schwersten Schicksalen heimgesucht, Isaak, der Sohn des Nathan — das ist der Typus, den man'wohl am ersten von einem feudalen Dichter, und dann mit der Tendenz, den Werdegang, der zur Plutvkratie führt, so recht in das Licht des Verabscheuungswerten zu stellen, erwartet hätte. Aber dieser über seinen Geschöpfen stehende und sie begreiflich machende Dichter erzählt auch hier ohne viel mvralistisches Dazwischenreden durch die Tatsachen, die bei gegebenem Ausgangspunkt und Charakter sich mit innerer Konsequenz ergeben, und hält doch bei aller Erregung des Urteils moralischer Verdammung im Leser eben durch das Tatsächliche selbst bei diesem Typus eine Verbindung mit menschlicher Achtungswürdigkeit aufrecht, sofern das Leben in Betätigung seiner Intelligenz, in diesem Falle seines eigensten Naturdranges, sich einem Hamster gleich nicht satt sammeln zu können, von ihm selbst nicht wahrheitswidrig als die eigentliche Kraftquelle all seines Bemühens erkannt wird. Man hat anfangs wohl die Vorvermutung, daß dieser Roman der der Familie Rothschild werden sollte, und in der Tat mögen vielleicht vereinzelte Züge oder Tatsachen dem Dichter zum Modell gedient haben, in Summa aber bin ich überzeugt, daß dieser Roman künstlerisch höher steht, als daß er eine Schlüsseldichtung wäre. Der dritte Typus, Raphael, Rubens Sohn, wird merkwürdigerweise ein Renegat seines Glaubens, indem der Dichter offenbar auch diese Art des Judentums mit in die Abrundung des Bildes dieser problematischen Volksnatur hineinziehen will. Raphael schlägt schon als Jüngling in die aus dem Judentum nur vereinzelt hervorgetriebene, von der Rechtgläubigkeit verabscheute Strömung religiöser Mystik; in wenigen Jahren ist er, sobald er nur einmal in größeren Beeinflussungen als denen seines böhmischen Heimatstädtchens den katholischen Anziehungskräften dieser Art und zugleich denen einer sehr für ihn passenden, liebenswerten jungen Katholikin nähergekommen, auch schon für Lebenszeit zu einem guten katholischen Christen umgewandelt; und selbst David gesteht ihm in seinenr Innern zu, daß er darin nicht etwa nur „der Alltagspraxis eines formenreichen Ritus unterlegen, sondern durch ein herrisches Bedürfnis nach dem Großen und Geheimnisvollen geleitet, ist". Sein einziger Sohn Joses wird sogar ein ganz streitbarer Priester der katholischen Kirche und namentlich ihrer geistlich- 'alistifchen Arbeit im Dienste der Armen und Elenden; von i ihm eingeborenen jüdischen Grundgefühl, daß Israel das. uuserwählte Volk Gottes sei, läßt er aber auch als christlicher Pfarrer keineswegs ab, indem er diesen dem Dogma seiner Kirche ja nicht widersprechenden Satz nun im Sinne dieser auffaßt und nur in seinem persönlichen Glauben mehr unter einen Hauptakzent schiebt als die große Masse der eben nicht aus dem Judentum konvertierten Katholiken. Rührend und ergreifend in der großen Fülle der Erzählungsmomente ist vor allem zweimal die Art des Todes mehrerer Glieder der weiteren jüdischen Familie, deren Geschichte das Thema des Romans ist: des greisen Rabbiners