Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · p. Seite 631

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 631 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229231--71880-3284300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

631 große Virtuosität in Schüttelreimen und weiß als besonderes Talent Zitate von Dichtern in komischer Weise zusammenzustellen. Beim Lesen der Couplets erstaunt man, wie aktuell viele dieser älteren Strophen sind, und ist erfreut, bei einer Dichtungsart, zu deren Wirkung wie man meint, der Gesang und das Bühnenlicht gehören, zu bemerken, daß auch die Lektüre einen anmutigen Genuß gewährt. Es gibt freilich keinen vollständigen Begriff von der Vielseitigkeit, Leichtigkeit und Anmut der Herrmannschen Muse, wenn man ein paar Verse herausgreist; damit meine Leser aber den liebenswürdigen Mann doch einigermaßen kennen lernen und Lust bekommen, zu seinen unterhaltenden Büchern zu greisen, lasse ich hier einige Strophen aus verschiedenen Couplets folgen, besonders solche, in denen Jüdisches angedeutet, aber durchaus in harmloser Weise behandelt wird. In dem Couplet „Ein Unglück,, aber kein Malheur", lautet die dritte Strophe: Der fromme Abraham sein Sarchen liebte, Ihr Kuß war ihm der Treue höchster Lohn; Das einzige Mal, wo Sara ihn betrübte. War, als vorbei die goldne Hochzeit schon. Als nämlich Storchbesuch noch Sara kriegte, Erstaunte Abraham und seufzte schwer; Doch Sara sang, indem sie Isaak wiegte: Es ist ein Unglück, aber kein Malheur. In dem Couplet „Man kann sich's nicht abgewöhnen" kommen folgende Verse vor: Den Zukunftsstaat zu schaffen ist doch schwer. Trotz Bebel ist er noch sehr weit im Felde; Ja, wenn das Reden wirklich Silber war'. So aber fehlt es an dem nöt'gen Golde. Und Rothschild denkt sich, wenn ihr auch krakeelt. Und wenn ich euch auch klagen hör' und stöhnen, Daß ich das Geld besitze, das euch fehlt — Ich kann mir's darum doch nicht abgewöhnen. In dem Couplet „Immer wieder schön" heißt es: Seit sich Herr Silberstein ließ taufen. Ist er ein andrer, als er war; Man sieht-nicht mehr zur Börs' ihn lausen. Er ist Antisemit sogar. Jedoch am Sabbat freudestrahlend Sieht man ihn in ein Wirtshaus gehn: Da speist er heimlich koschern Schalent, Das schmeckt doch immer wieder schön. Und endlich folgenden Scherz, den gewiß kein Vernünftiger übel deuten wird: Daß er die Mitgiftzahlung leiste. Gibt Levy Panamapapier. „Ha!" schreit der Schwiegersohn. „Was schreiste?" Schreit Levy,'„ich mein's gut mit dir. 's wird täglich mit dem Frieden schwier'ger. Bald gibt es Krieg, dann kommt der Krach, Und 's purzeln sämtliche Papiercher — Hier hast du gleich 'ne fertige Sach." Unter den Gedichten sind einige höchst witzige; eines der ergötzlichsten ist eine Parodie nach Heine, die aus vier Stücken besteht. Das letzte davon lautet folgendermaßen: Täglich sang die wunderschöne Kausmannstochter 's Lied vom Asra, In der väterlichen Wohnung In der großen Friedrichstraße. Täglich stand der noble Slawe Im Zentralhotel am Fenster In der Straße gegenüber. Täglich ward er bleich und bleicher. Eines Abends rief das Fräulein Ihm hinüber diese Worte: „Ihren Namen will ich wissen, Ihre Heimat, Ihre Sippschaft!" Und der Slawe sprach: Ich heiße Rubinstein, ich bin aus Rußland, Und Sie üben meinen Asra, Und ich sterbe, wenn Sie üben." Und endlich mag aus einem ganz köstlichen Redaktionsbriefkasten, der aus Fragen und Antworten besteht, die letzte Strophe, die zugleich den Schluß der ganzen Sammlung bildet, hier wiedergegeben werden: Aus Polen schickt 'ne Frage auch Ihr Leser Isaak Nelkenstrauch: „Durch welches Mittel bring ich weg Von meinem Leib die schwarzen Fleck'?" Herr Nelkenstrauch, die Redaktion, Die manchem hat geholfen schon. Weiß Ihnen keinen Rat zu zollen — Denn baden werden Sie-doch nicht wollen. Dem Altdenken an den gemütlichen, humorvollen Mann, der seine Pflicht ein langes Leben erfüllt, die Welt fröhlich angesehen und Tausende mit seinen Schnurren erheitert hat, wird man wohl am besten gerecht, lvenn man nach seinem Tode bei aller Würdigung des vortrefflichen Mannes, der von den Seinen geliebt, von seinen Berufsgenossen und seinen zahlreichen Bekannten hochgeachtet ward, nicht wehmütige Klagen ausspricht, sondern wenn man seine humorvollen Verse der Oeffentlichkeit ins Gedächtnis ruft. L. G. JFürft Wrede und das Judentum. Von Prof. Dr. Max S ch i> c i d e w i n. en in dritter Auflage (die erste stammt schon aus 1900) neu vorliegenden Roman des Fürsten Friedrich Wrede „Die Goldschilds, die Geschichte einer jüdischen Familie" (Berlin, Ernst Hofmann u. Co.) wird jeder Leser als eine sehr fesselnde Lektüre bald an sich erfahren. Hier möchte ich nur eü ' , ' l b b: oc. beit des Tic?- , lbbl, in T " zu werfen suche:,, Wie mag nur eer Aolömmung eim-:- jnyn?>»•>• m..- dazu gekommen sein, nach allgemeinen menschlicheren Stoffen, die ihm die Ouelle von Romanen und Novellen geworden sind, auch die „Geschichte einer jüdischen Familie" sich als Aufgabe zu stellen? Man erwartet am ersten: aus antisemitischem Geiste, der ja bekanntlich auch gerade bei der germanischen Blutaristokratie gern wuchert. Aber sehr bald wird man sich beim Lesen desselben gewiß, daß diese Vermutung weit gefehlt ist. Eher könnte man den Dichter sogar nach der philosemitischen Seite zuzählen. Aber viel besser ist es ja, wenn ein Mensch, der dichterischen Beruf in sich spürt, keinem der beiden entgegengesetzten Haupt-P a r t e i standpunkte angehört. Fürst Friedrich Wrede mag zunächst aus Beobachtungen über die moderne Stellung der Geburtsaristokratie einerseits, der Geldaristokratie anderseits in Staat und Gesellschaft, zumal der österreichisch-ungarischen Monarchie, angeregt sein, dem ganzen ethnologisch wunderbaren und einzigartigen Problem des Volkes Israel in der Geschichte näher zu treten. Im katholischen Glauben erzogen und ihm offenbar, ohne jede Aufdringlichkeit, nicht fremd und fernstehend, scheint er besonders auch durch die Unstimmigkeit ergriffen, daß von den sich christlich nennenden Völkern auf der einen Seite das Volk Israel als das auserwählte Volk Gottes bekundet, auf der anderen Seite dasselbe Volk vielfach so tief gehaßt und verachtet werde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.