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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · p. Seite 630

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 630 (sequence 6)
Language
German
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630 von Perlen mit diamanten- oder smaragdenbesetzten Schließen. Ueber den Rücken fallen zwei hellgrüne Seidenbänder, ebenfalls mit echten; Perlen benäht, die bei den Frauen reicher Juden von seltener Größe! und Schönheit sind. Die meisten sind Familienerbstücke aus der spa- > nischen Zeit, die sorgfältig gehütet werden. Aehnlich sah ich die! Jüdinnen in Tanger und anderen Städten Marokkos gekleidet. j i | Louis tzerrmann. | |lout§ Herrmann wurde geboren am 3. November 1836 zu! Schwerin a. W. als dritter Sohn seiner Eltern. Der Vater war Kaufmann, Gemeindevorsteher in Schwerin, ein in der hebräischen Literatur sehr kundiger Mann, der eigentlich Rabbiner werden sollte. (Er ist 1899, 93jährig, gestorben.) Seine Mutter war die Tochter eines Rabbiners, eine äußerst tatkräftige, gütige Frau, die besonders das geistige Emporkommen ihrer Kinder im Auge hatte. Daher brachte sie 1849 den jungen Louis nach Berlin auf das Joachimsthalsche Gymnasium. Er wandte sich aber nicht dem Studium zu, sondern wurde nach nicht ganz vollendeter Gymnasialbildung Buchhändler. Zuerst Lehrling in der Stuhrschen Buchhandlung in Berlin, dann Gehilfe in Liegnitz und Berlin. 1864 begründete er eine selbständige Buchhandlung Unter den Linden, hauptsächlich Sortiment, mit der er auch einen kleinen Verlag, namentlich Musikalien, verband, wozu er sich besonders eignete, weil er selbst sehr musikalisch war. Im Jahre 1864 heiratete er Pauline zum Bruch, eine Christin, die später zum Judentum überging. Aus dieser Ehe stammen zwei Kinder: eine Tochter Gertrud, die seit 1895 mit dem Fabrikbesitzer Otto Sternbevg verheiratet ist, und ein Sohn Max, der sich als erfolgreicher Universttätsdozent in Berlin und als aedieaen->r ~ : . > : I ■ mann den Buch- .U'.s :■ .rurdi. Journalist: zuerst bei der „Post" (Eigentümer Dr. Strousberg), dann bei der „Gerichtszeitung" oder „Tribüne", seit 1883 bei der neugegründeten „Täglichen Rundschau". Hier redigierte er den lokalen Teil sowie Theater und Musik; von dieser Tätigkeit zog er sich nach etwa zehn Jahren zurück, dagegen blieb er bis zuletzt Leiter der von Anfang an von ihm verwalteten Rätselspalte und hat sich in dieser Tätigkeit eine große und getreue Gemeinde geschaffen. Im Hauptamt aber wurde er seit etwa 1891 Dramaturg, zuerst am Wallner-Thcater, in dessen letzter Glanzzeit, dann am Friedrich-Wilhclmstädtischen Theater (besonders Operette). 1906 brach er den Oberschenkel; nach der langwierigen Heilung mußte er sich beim Gehen eines Stockes bedienen und gab nun die Dramaturgentätigkeit auf. Seine dramatische Tätigkeit aber hatte schon 1873 eingesetzt, und noch wenige Jahre vor seinem Tode wurde ein neues Stück von ihm gegeben. In erster Reihe war^ er der letzte Vertreter des Alt-Berliner Bühnenhumors, der dann durch die Adols-Ernstiaden ruiniert wurde: Posse und Volksstück waren seine Hauptstücke, und zwar besonders Dialog und Couplet, während das Gerippe der Handlung meist von anderen Autoren herrührte. (Besonders erfolgreich: „Im Rausch", „Das Paradies", „Unser Doktor", „König Krause".) Auch eine Reihe von Operettentexten rührt von ihm her (Musik von R. Genoe, L. Roth u. a.); ältere Offenbachsche Operetten hat er textlich neubearbeitet, anderseits auch etwas von Kalisch modernisiert. Couplets und Scherzverse von ihm (die er übrigens auch selbst privatim und gelegentlich öffentlich ausgezeichnet vortrug) in den beiden Sammlungen „Lustige Leier" und „Berliner Singsang" (Berlin, Hofmann u. Co.). Allerlei Verse von ihm stehen z. B. auch in den Ballfestalmanachen des Vereins „Berliner Presse", um den er sich — besonders als langjähriger Vorsitzender des Vergnügungsausschusses — sehr verdient gemacht hat. Er starb am 9. November am Herzschlag und ist am 14. November in Weißensee bestattet worden. Diesen mir von den Nächststehenden übersandten Notizen kann ich wenig Persönliches und einiges Literarische hinzusügen. Ich habe den trefflichen Mann nur gelegentlich in seinem Hause und bei seinem Sohne gesehen und mich stets an seinem überaus bescheidenen Wesen und an seinen! frischguellenden Humor erfreut. Dieser Humor machte sich aber niemals in künstlichem Witzfeuer bemerkbar, sondern in feinen, fast schüchtern vorgetragenen, geistreichen Bemerkungen. Von der Wirkung, die in solcher Gesellschaft die Scherze und seine außerordentlich effektvollen Couplets und Tischreden machten, vermögen die gedruckten Verse keine rechte Vorstellung zu geben. Trotzdem sei es gestattet, über ein Drama zu sprechen und aus den beiden oben genannten Sammlungen, die von ihm erschienen sind, einige Proben herauszngreiseni). Herrmanns Volksstück „KönigKrause" (Leipzig, Reclams Universalbibliothek) ist ein gutes Volksstück der älteren Manier, mit hübschen Couplets und guter Zeichnung humoristischer Charaktere. Es wendet das Lear-Motiv auf bürgerliche Verhältnisse an und zeigt, wie ein braver Berliner Bürger von seinen beiden hübsch: n Töchtern, denen er einen größeren Teil seines Vermögens übergeben hat, schlecht behandelt, ja geradezu verstoßen, von seiner dritten Tochter aber, die er verachtete und deren Heirat er mißbilligte, in liebevollster Weise ausgenommen wird. Der in dem Stücke vorkommende Lebensretter des Rentiers, Herr Moritz Engelchen, ist eine gute Karikatur eines braven, überbildeten und sich unentbehrlich dünkenden Helfers. Er soll, wie es aus der fast gegen Ende für ihn gebrauchten Anrede „Moses" hervorgeht, gewiß ein Jude sein; doch ist der Spott, der'gegen ihn angewendet wird, durchaus milde und nicht störend. Die beiden Sammlungen Herrmannscher Gedichte, die eine 1909, die andere 1910 erschienen, bilden nur eine Auswahl der unzähligen, von Herrmann herrührenden Verse; namentlich die höchst gewandten, witzsprühenden Gelegenheitsgedichte sind in den hübschen Sammlungen nicht zu finden.- In den gedruckten Gedichten ist der Humor des Poeten durchaus harmlos und trotz einzelner freien Wendungen fern von jeder Obszönität, wenn der Dichter auch Geschlechtliches und Ehefragen streift. So spartet er milde über das Sitzenbleiben! ältlicher Jungfrauen, über keifende Frauen, Antreue der > Männer, ohne die Dezenz zu vergessen. Er gefällt sich darin,; die bösen Kritiker, die Presse, der er selbst so rühmlich angei hörte, und das unverständige Publikum zu sticheln, versteigt; sich selten zu politischen Angriffen, obgleich er gelegentlich die - Zensur und die Polizei zart angreift. Stärker tritt das politische Element in den Couplets hervor. Herrmann besitzt eine y Die beiden Sammlungen sind mir von der Verlagshandlnng! A. Hofinann u. Co., Berlin, gütigst zur Verfi'igung gestellt worden. SchriftsteUer Louis Herrmaim gestorben am <). November i'H5.

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