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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · p. Seite 629

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 629 (sequence 5)
Language
German
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629 Wanderung polnischer Juden schützen, die doch gewiß recht unerwünscht sein würde. Mit der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung wird sich sehr rasch ein Aufschwung des jüdischen Volkes zu höherer Bildung vollziehen. Und da reicht der nichtentwicklungsfähige Jargon nicht aus, der wohl für die Volksschule genügt, aber sicherlich schon in den Mittelschulen durch eine zivilisierte Sprache ersetzt werden muß. Es bleibt also nur die Wahl Zwischen Deutsch und Polnisch — und unser Interesse verlangt da gebieterisch die Ueberleitung der jüdischen Volksschule aus dem Jargon in das Deutsche. Nicht plötzlich und auf einmal kann sich diese Wandlung vollziehen, denn die Menge des Volkes hängt mit großer Liebe wie an religiösen Ueberlieferungen auch am Jargon; aber allmählich und naturgemäß wird sich mit höherer Bildung auch das Bedürfnis nach der neuen Ausdrucksform entwickeln. Hierfür vorzusorgen, wird eine der vornehmsten Aufgaben des neuen Staates sein. Als einfachstes Mittel zur Erreichung des Zieles erscheint die Einrichtung von Matrikeln — und zwar für alle nationalen Minderheiten — nach Analogie der Konsulatsmatrikel, tute sie schon der österreichische Reichsratsabgeordnete Nenner vorgeschlagen hat, um die Nationalitätenkämpfe in dem gemeinschaftlichen Landtage zu verhüten. Jedem geschlossenen Volksbestandteil soll hiernach vollkommene Autonomie in allen Sprach- und Kulturangelegenheiten gegeben werden, zu welchem Zwecke die Eintragung in die Matrikel erfolgt. Da die Mitglieder einer Matrikel eine Sprachg-emeinschast bilden, regeln sie örtlich das Volksschulwesen; mehrere örtliche Gemeinschaften werden zu einem „Kreise" zusammengefaßt, dem die Sorge für die Mittelschulen obliegt. Alle Kreise der Matrikel endlich bilden einen „Obersten Rat", dem das Hochschulwesen und Verwandtes obliegen. Wie heute schon in den Religionsgemeinschaften, wird diesen Kulturgomeinschaften eigenes Steuerumlagerecht verliehen und die Befugnis, die eigenen Angelegenheiten autonom zu regeln. In dieser Form wird der Schutz und die Erhaltung der nationalen Minderheiten in dem neuen Staat möglich sein und gleichzeitig werden dem deutschen Gedanken eben durch die jüdischen Kulturpioniere Sympathien bis weit nach Men hinein erworben tverden. Und gerade nach dem Osten lenken sich in dieser Zeit der Umwertung alles bisher Bestehenden unsere Blicke mehr denn je. Die große Wichtigkeit der Frage ist auch in den beteiligten Kreiselt selbst nur zu gut bekannt. Ist doch aus Lodz dem Generalgcmverueur in Warschau eine von vielen Tausenden unterschriebene Bittschrift zugcgangen, in der unter Hinweis auf die bekannte Rede des Reichskanzlers eine Art Schulministerium gefordert und betont wird, daß die Lchrsprache in der jüdischen Volksschule nur der Jargon seilt kann. Bei dem eigenartigen Charakter und der ungemein großen Schwierigkeit einer richtigen Beurteilung der besprochenen Verhältnisse lnüßte -in die betreffende Regierungsbehörde jedenfalls auch ein jüdisches Dezernat eingereiht tverden. * Endlich drucken wir einen Artikel aus der „Kölnischen Volkszeitung" ab, der von dem kundigen Berichterstatter E. v. Hesse- Wartegg herrührt, freilich mit Auslassung des Schlusses über die sogenannten Dönme, weil über diese schon früher in unserem Blatte mannigfach gehandelt worden war. Er lautet folgendermaßen: Jetzt, während der Besetzung von Saloniki durch englische mib französische Truppen, dürste es in der mehrtausendjährigen Geschichte dieser merkwürdigen Stadt das erstemal sein, daß die christliche Bevölkerung, und das auch nur vorübergehend, die jüdische an Zahl übertrifft. Zur Zeit der türkischen Herrschaft waren die Türken nur ein Drittel so zahlreich als die Juden; jetzt, unter griechischer Herrschaft, sind wieder die Griechen nur ein Drittel so zahlreich als die Juden und Türken zusammengenommen. Dazu die zehntausend Bulgaren, die mehrere Tausende zählenden Kutzowallachen, die Albanier, Mazedonier, Zigeuner usw. werden, zusammengenommen, heute immer noch von den Juden übertrofsen, deren es unter den hundertachtzigtausend Einwohnern gegen hunderttausend gibt. Selbst Jerusalem zählt im Verhältnis zu den übrigen Völkerschaften und Glaubensbekenntnissen nicht mehr Juden als Saloniki. Sie bilden hier die Hauptmasse der Einwohner und haben den weitaus größter: Teil von Handel, Verkehr, Gewerbe und Geschäftsleben in ihretl Händen. Wann immer ich, von der See kommend, das letztemal noch im vergangenen Jahre, in Saloniki eintraf, waren es jüdische Ruderer, die mich vom Schiff an Land brachten; jüdische Lastenträger, die mein Gepäck nach dem Hotel beförderten; Kutscher, Lohndiener, Schuster, Schneider, Photographen, Geldwechsler, selbst Kellner, die ich beschäftigte, waren Juden. Ebenso beherrschen sie das Leben in den Vergnügungslokalen, den Kaffeegärten, im Hafen wie in deu Straßen. Die eigenartigetr Judenviertel, wie sie sonst in den Städten der Balkanhalbinsel zu finden sind, fehlen in Saloniki, denn die ganze Stadt ist gewissermaßen ein solches, und viel eher könnte man hier | von eigenen Türkenrmd Christenvierteln sprechen. Sie wohnett! überall in denn engen, geschäftigen, alten Winkelwerk der innerett | Stadt, die heute noch, wie zur Zeit des altett Byzanz, mit uttgeheuren, z zinnengekrönten Ringmauern umschlossen ist. Ringmauern von drei! bis vier Meter Dicke und zwölf Meter Höhe, verstärkt in ungemein j malerischer Weise durch hundertsechzig mittelalterliche Türme tmd! am höchsten Punkte der amphitheatralisch aussteigenden Stadt! gekrönt durch eine venezianische Zitadelle. 2üt manchen Stellen ist i dieser Mauergürtel durchbrochen, und jenseits quillt die eng zusammen-! gepferchte Stadt in modernen Stadtteilen mit breiteren Straßen und! hübschen Billen heraus, aber auch hier ist die Mehrzahl der Ein-! wohner Inden. Ueberall erheben sich ihre Synagogen, deren es über dreißig gibt, gegenüber zwölf christlichen Kirchen und Kapellen, und von den drei Sonntagen jeder Woche, dem Sonntag der Christen, den: Freitag der Moslim und dem Samstag der Juden, tnacht sich letzterer am einschneidendsten im öffentlichen Leben geltend.! Man sollte meinen, daß die Juden in dieser uralten Stadt des > Orients, Jerusalem verhältnismäßig so nahe, seit länger ansässig seien > als Christen und Mohammedaner. In Wirklichkeit bilden sie den an! Zeit jüngsten Großteil der Bevölkerung, denn sie starnmen von jenen! Juden ab, die im Jahre 1492 ans Spanien gewaltsam vertrieben! worden sind. Biele Tausende wandten sich nach der Türkei, vornehmlich nach Saloniki, wo sie durch die Abschließnng, in der sie jahrhundertelang lebtet:, ihre alten, von Spanien herübergebrachten Trachten, Sitten, Sprache und Gebräuche bis auf den heutigen Tag j int Schutz des türkischen Halbmondes erhalten haben. Ein seltsames Wechselspiel wollte es, daß beinahe zur gleichen Zeit,! als die spanischen Seefahrer und Eroberer Christentum u::d spanisches j Wesen nach der westlichen Halbkugel brachten, die Inden spanische Kul-! tur ttnb das Hebräertum nach dem Ostet: Europas brachten. So kan:! a::ch die spanische Sprache nach dem Balkan, und die Jude:: bedienet:? sich derselben twch heute nicht nur in Saloniki," sondern auch in Kon- ■ stantinopel, Belgrad. S-sia. (9a hinaus an die österreichische Grenze.; Man kann getrost ö: in i Saloniki die spamü!> - , -- -v.;., .,P > ov | ui ölen" bezeichne! riu. u ■: | sich des Spanischen, um id.-rr:; . ... sondern mit hebräischen Schrtftzem>n. ci: in'üv*"- jüdischen Zeitungen in spanischer Sprache, und selbst diese tverden in hebräischen Lettern gedruckt. In dem sehr lebhaften Hafenititb Straßenverkehr dieser bevölkertsten Stadt des heutigetr Griechenland sind die älteren Juden sofort an ihrer eigenartigen Tracht zu erkennen. Die jüngeren haben besonders itt den letzten Jahren bereits die nichtssagende Gewandung der Abendländer angelegt; ihre Väter indessen halten twch itnmer nttt seltener Zähigkeit an den von Spanien vor vier Jahrhunderten herübergebrachten langen faltige:: Kaftanen und den darüber getragenen farbigen Jacketts fest. Wie die jungen Männer, sind auch die Mädchen dem Einfluß der Mode zum Opfer gefallet: und tragen europäische Kleidung und Hüte; kommen sie aber in reifere Jahre oder haben sie sich vermählt, datu: nehmen sie die altspanische Tracht an, was ihnen nur zum Vorteil gereicht. Begegnet man älteren Jüdinne::, dant: könnte itinn sie in der Ferne auf den ersten Blick für japanische Geishas halten, denn wie diese ähneln sie in Buntheit und Umrissen unsere:: bunten Knallbonbons, die nach fröhlichen Mahlzeiten hernmgereicht tverden. Sie traget: lange, faltettreiche Röcke, über der Brust eit: weißes oder hellgrünes Hemd, darüber ein mit Silberstickereien überladenes Zllavenjäckchen von möglichst knalliger Farbe. Am eigenartigsten ist ihr Kopfschmuck. Die Haare, nötigenfalls jene einer Perücke, tverden ixt der Mitte glatt gescheitelt und zu Zöpfe:: geflochten, tun einen niedrigen rötet: Türkenses gewunden, der, auf de::: Scheitel sitzend, wie ein Zerevisküppchen aussieht. Darüber werden Reihe mn Reihe orientalische Perlen schnüre getvmtden, utattche von großen: Wert. Ebenso pranget: am Nacken möglichst viele Reihen.,

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