Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-12-31 · Heft 53 (31.12.1915) · p. Seite 628

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 53 (31.12.1915)
Date
1915-12-31
Page
Seite 628 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3229177-3229231--71877-3284297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

An wen sollen sie sich luenben? Wer lvird sie anhören?" Der Staatssekretär antwortet nur indirekt mit einem Beispiel von dem, was die Regierung der Vereinigten Staaten für die Armenier in der Türkei tue. „Hier aber vernichtet man ein ganzes Volk," bemerkte ich. Der Staatssekretär saß etliche Minuten in Gedanken vertieft. Dann stand er auf und sagte: „Cs ist wahr, daß die russische Negierung gegen alle unsere Untersuchungen Beweise bringt, daß sie nicht verantwortlich -sei. Die Schuld wird auf das Militär geworfen." „Ist gar kein Mittet zur Abhilfe vorhanden?" fragte ich. Die Antwort lautete: „Wenn Sie mir Zeugnisse von amerikanischen Bürgern, die zugegen waren, oder von anderen vertrauenswürdigen Leuten zu stellen fömim, so werde ich die Frage, die ganze Frage, amtlich aufnehmen und Schritte tun." Die Unterredung hatte fast eine Halde Stunde gedauert. Als ich schon an der Tür stand, rief er mir zu und wiederholte etliche Mal: „If anythinp; is in niy powor. I will Irn glad io do ii for your }*co1)lc.“ („Wenn es in meiner Macht liegt, etrvas für Ihr Volk zu tun, so werde ich es gern tun.") & Sodann mag ans der „Oesterreichischen Wochenschrift" nachstehender Artikel hier abgedruckt werden: Der englische Generalpostmeister Herbert Samuel ist als Nachsolger Churchills zmn „Kanzler des Herzogtums Lancaster" ernannt worden. Tie Weltgeschichte, die noch ihren Humor behalten hat, leistet sich damit den Witz, den friedliebenden Postminister wenigstens in dieser Würde zmn Nachfolger des größten Seemaulhelden beider Hemisphären zu befördern. Wie der Pvstminister des Vereinigten Königreiches England wenigstens vor dem Kriege gedacht hat, mag folgender Auszug ans einem längeren Briefe dartun, den mir Herbert Samuel im Herbst 1912 geschrieben hat. Cs hieß darin: „Westeuropa ist im Begriffe, das Entwicklnngsstadinm unvollständiger Zivilisation zu überwinden. In diesem glaubte man, daß die Negierung eines Staates lediglich ihren eigenen Untertanen gegenüber Pflichten habe: daß die Wohlfahrt des Restes der Menschheit nicht ihre Fürsorge sei; daß die normalen Beziehungen zwischen den Staaten notwendigerweise solche latenter oder aktiver Feindseligkeit sc in müssen' oder daß, wenn der .Staat mit einigen Ländern F'renndschaftsbeziehnnaen unterhalte, diese nur dazu dienen müßten, um sv nachhaltiger seine Feindschaftsbeziehnugen zu anderen Ländern verfolgen zu können. Tie Ansfassung, daß ein Staat keine anderen Pflichten, als die gegen seine eigenem Mitglieder habe, luub nun als durchaus unsittlich erkannt. Völlig unsittlich ist die Lehre, daß die Wohlfahrt jener Meuschengeschöpse, die Deutsche genannt werden, jene nichts angehen, die Engländer heißen, unb daß die Wohlfahrt der Engländer kein Gewicht für die Deutschen habe. Sie ist ebenso unsittlich wie die Lehren des wilden Sionr, der seinen letzten Bissen mit einen: verhungernden Sionr teilen, aber dcm Skalp eines verhungernden Apachen nehmen würde. Die Welt kommt allmählich zur lleberzengnng, daß Handelsrivalität nicht mehr ein Grund für die Feindschaft zwischen Nationen ist, als sie es für persönliche Feindschaft zwischen Ladenbesitzern in benachbarten Straßen ist. Sie beginnt zu erkcmnen, daß die Entwicklnng einer fremden Nation in Reichtum und Kultur ein Grund nicht für Feindseligkeit, sondern für Dankbarkeit sei, denn Reichtum und Kultur dehnen sich ans und ihre Vorteile verbreiten sich weit über ihre ttrsprungsstütte hinaus. Der ständig wachsende Geist internationalen Wohlverstehens hat der: Völkern immer mehr die Seg-! nnngen des Friedens gesichert. Während der 126 Jahre von 1689 bis 1815 war England 68 Jahre in Kriegen mit weißen Völkern verwickelt und hatte nur 68 Jahre Frieden. Während der Jahre 1815 bis 1912 war es fünf Jahre mit solchen Kriegen beschäftigt und hatte 92 Jahre Frieden. Und jetzt schützt es sich wohl gegen das Risiko eines Angriffs und fördert mit diplomatischen Mitteln - wie alle Länder für sich zu tun berechtigt sind — seine ligitimen Interessen in jedem Teil des Globus; sein ernstester Wunsch aber ist aus den Frieden gerichtet. Cs gibt jetzt hier rricht und hat nie gegeben irgendeine Absicht oder irgendeinen Wunsch, Feindseligkeiten mit Deutschland zu Provozieren. Denn die britischen Staatsmänner und das britische Volk wissen sehr wohl, daß ein bewaffneter Konflikt zwischen jenen zwei Nationen, die zu den Hauptpionieren der Zivilisation gehören, die in der vordersten Front der Ärswnrtsstrebenden Menschheit marschieren, das größte Unglück darstellte, sowie daß jene, die ihn verursachten, tausendfach verbrecherischer handelten, als. irgendein Mörder, der seinen Nachbar ans' der Straße niederstäche. Herbert Samuel." Wem: Herbert Samuel diese Briefstellen sich wieder zu Gemüte führen sollte, dann dürste ihm zu vollem Bewußtsein kommen, welche Schuld sein Vorgänger ans sich geladen hat. * Der „Tag" vom 23. Dezember veröffentlicht folgenden Aufsatz: E i u e Kult u r frage i m Oste n. Vom Gouverneur v. P u t t k a m e r. Als unsere siegreichen Armeen in Polen einmarschierten, haben die vereinigten Oberkommairdos der deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen sich sofort mit den für die einheimische, Bevölkerung wichtigsten Lebensfragen beschäftigt. Wie die Dinge liegen, steht da ohne Zweifel im Vordergrund die Frage des zukünftigen Geschicks der polnischen Inden. In weiser Erkenntnis dieser Sachlage und mit weit vorausschauendem Blick hat die Oberste Heeresleitung beim Betreten des okkupierten — nicht feindlichen — Gebiets einen in deutscher, jüdischer und polnischer Sprache abgefaßten Erlaß an die Jaden irr Polen gerichtet, arrs dem die folgenden Sätze hervorgehoben sein mögen: „Unsere Fahnen bringen euch Recht rrnd Freiheit; gleiches Bürgerrecht, Freiheit für euren Glauben, Freiheit, ungestört zu arbeiten in allen Zweigen des ökonomischen urrd kulturellen Lebens in eurem Geist. Als Freunde kommen wir zu euch." Wenn so von der Armeeleitung selbst die hohe Bedeutung dieser Frage anerkannt worden ist; sv wird es nunmehr eine der. Hauptaufgaben der in Polen inzwischen eingerichteten Zivilverwaltung. sein, sich weiter und intensiv mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Ich habe schon vor mehr als dreißig Jahren wahrend eines längeren Aufenthaltes im Gouvernement Witebsk diese Frage studiert, die henke von so eminent praktischer Bedeutung ist. Das Gouvernement Witebsk ebenso wie Mohilew und Minsk gehörte einst zu Großpoten. Daher ist auch heute noch der besitzende Landadel mit einigen russischen und deutschen Ausnahmen Polnisch; die bäuerliche Bevölkerung sind Weißrussen, vielfach zur Sekte der Raskolniken gehörig; der Handel und das Gasthofgewerbe sind ganz, das Handwerk zum großen Teil jüdisch. Ich habe dort unter den jungen, den Holzhandel betreibenden Juden wahre Prachtexemplare gesehen: hochgowachs-ene, schlanke, muskulöse und energische Menschen, die in ihrem nicht immer ganz ungefährlichen Gewerbe vor keiner Gefahr zurückschreckten, Makkabäergestalten. Ich habe von jener Zeit her und auf Grund persönlicher Erlebnisse großes Interesse für den polnischen Juden empfunden, wie ich ihn dort in den Niederungen und Wäldern an der Düna gewissermaßen im Urzustände kennengelernt habe. Diese Leute, deren Vorfahren inr Mittelalter ans Deutschland ausgewandert sind, teils von den polnischen Königen gerufen, um einen im Lande fehlenden Mittelstand zrr bilden, teils vertrieben durch Judenverfob gungen, bilden eine in sich abgeschlossene, wohlorganisierte Sprachnnd Kulturgemeinschaft, von der später mehr zu reden sein wird. In den okkupierten Gebieten sollen etwa 2H Millionen, tut übrigen europäischen Rußland weitere 4 Millionen Juden vorhanden sein. Ter oben erwähnte Ursprung dieser jüdischen Bevölkerung erklärt - ihre eigenartige Sprache, den Jargon, der nichts weiter als ein deutscher Dialekt, gemischt mit hebräischen und slawischen Brocken, ist inrd von jedem Deutschen leicht verstanden wird. Der Jargon ist das feste Bindeglied für die Gemeinschaft, die meisten unserer Klassiker sind in ihn überseht; so bildet die Sprache wieder den Zusammenhang zwischen Deutschland und den Juden des Ostens, die — gewissermaßen in der Diaspora lebend — im fremden Lande und der slawischen Bevölkerung gegenüber den germanischen Gedanken vertreten. Trotz aller Bemühungen, sie zu russifizieren oder zu polonisiereu, haben die Ostjnden mit verschwindenden Ausnahmen, im Gegensatz zu ihren Stammesgenossen im Westen 'Europas, Eigenart und Sprache rein erhalten und bilden aus diesem Grunde ein hervorragendes, nicht zu unterschätzendes Bollwerk gegen das Russentum und die Gefahr des Ostens. Es liegt somit auf der Hand, daß wir ein erhebliches Interesse daran haben, die Judenschaft des Ostens als solche zu erhalten rrnd ihr erträgliche Lebensbedingungen zu schassen; auch können wir uns nur so vor einer andernfalls unausbleiblichen Massenein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.